Schriftgröße: A A A
Logo der Bergedorfer Zeitung
http://www.bergedorfer-zeitung.de/wentorf/article62239/Zustimmung_fuer_Abi_nach_neun_Jahren.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Zustimmung für Abi nach neun Jahren

Wentorf. Sie sind mitten in der Pubertät und arbeiten an die 40 Stunden pro Woche. Kommen noch Hausaufgaben hinzu, sinkt ihr Freizeitanteil auf den eines Topmanagers.
Campus
Foto: Susanne Tamm
Hier, am Gymnasuium Wentorf, sollen die Schüler ein Jahr schneller lernen.
Heutige Gymnasiasten sind im Dauerstress. Das kann nicht sein, denken sich derzeit viele Eltern, die ihren Nachwuchs nur noch selten oder tief über die Schulbücher gebeugt sehen. G8, das heißt das Erreichen des Abiturs nach acht Jahren, verändert die Kindheit merklich.
Engagierte Mütter und Väter haben Druck gemacht, mittlerweile auch die Politik zu einer Kehrtwende bewegt. CDU und FDP wollen auf Landesebene das Schulgesetz ändern. Ab dem Schuljahr 2011/12 dürften Gymnasien dann wieder das Abitur nach neun Jahren (G9) anbieten. Selbst ein paralleles Angebot von G8 und G9 an einer Schule wäre möglich. Das Wentorfer Gymnasium positioniert sich schon jetzt. Auch, um verunsicherten Eltern, die ihre Kinder in zwei Wochen (15./16. März, 8.30 bis 17 Uhr) an einer weiterführenden Schule anmelden müssen, so viel Planungssicherheit wie derzeit möglich zu geben. „Wenn das Schulgesetz geändert wird und die Mehrheit der Eltern das wünscht, dann werden wir wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten“, sagt Schulleiter Hans Joachim Mayer schon jetzt sehr deutlich.
Gut organisiert waren er und sein Kollegium vor zwei Schuljahren in das Abenteuer G8 gestartet. Bestmöglich wollten Schulleitung und Lehrer die Kinder und Jugendlichen auf das Abitur vorbereiten. Die erste Zwischenbilanz fällt allerdings gedämpft aus. „Der gesamte Lernstoff aus neun Jahren muss nun in acht bewältigt werden. Schon Sechstklässer haben 33 Unterrichtsstunden, früher waren es 27“, sagt Ulf Schwedas, stellvertretender Schulleiter. In der siebten oder achten Stunde sitzen ihm und seinen Kollegen erschöpfte und blasse Kinder gegenüber. „Die kindliche Fröhlichkeit geht bei dem Pensum verloren, sie gehen bis an die Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit“, sagt auch Orientierungsstufenleiter Henning Bergmann mit Bedauern.
Schließlich habe das Gymnasium immer sehr viel Wert auf breit angelegte Bildung gelegt. Das heißt, dem nachmittäglichen gemeinsamen Schwitzen auf dem Fußballplatz oder im Hockeyteam, Reitstunden, Ballett, Chormusik oder Theaterproben wurde ebensoviel Wert beigemessen, wie dem Pauken von Matheformeln und Lateinvokabeln. „Früher hieß das Abitur nicht umsonst auch Reifeprüfung“, sagt Bergmann.
Das Problem: Seit Einführung von G8 ist mittlerweile nahezu der gesamte Bereich der Arbeitsgemeinschaften (AGs) weggebrochen. Selbst die Hochbegabten verzichten auf spezielle Förderung – dafür haben sie neben dem normalen Pensum keine Zeit mehr. „G9 lässt einfach mehr Luft zum Lernen und Leben“, sagt Schulleiter Mayer nach zwei Jahren G8.
Ob die Eltern seiner Meinung sind, wird sich in 14 Tagen herausstellen. Bei den Anmeldungen werden die Erziehungsberechtigten konkret nach ihren Wünschen gefragt.
Dass sich die Frage G8 oder G9 bald als Standortfaktor erweisen und zu einer Konkurrenzsituation unter den Gymnasien führen wird, glaubt der Schulleiter nicht. „Ich glaube, dass sich die Schulwahl der Eltern nicht nur an G8 oder G9 festmacht, sondern auch an dem, was die Schule den Kindern zusätzlich zum normalen Unterricht noch zu bieten hat.“ Das ist in Wentorf so einiges, aber Zeit, daran teilzunehmen, haben derzeit nur wenige. Ob sich das ändert, entscheidet jetzt die Politik. Doch auch die Eltern haben ein Wörtchen mitzureden. „Schule ist immer ein Reflex auf gesellschaftliche Diskussionen“, betont Mayer.
2 Kommentare
Markus Schlüter meint:
Was da zu sehen ist, ist nicht das Gymnasium, sondern die Hauptschule!
Jan Christiani meint:
Der Artikel erweckt den Einduck, als ob die Kieler Regierung jetztz dem Druck der Eltern folgt und G 9 wieder zulassen will. Dabei steht das alles schon im Koalitionsvertrag von 2009: „CDU und FDP wollen die Gymnasien als leistungsorientierte öffentliche Schulart weiterentwickeln. Benachteiligungen, die den Gymnasien in der Vergangenheit bei der Lehrerversorgung oder bei der Förderung von Ganztagsangeboten zugemutet worden sind, wollen wir beseitigen. Die Arbeitsbelastung der Schüler in der verkürzten Gymnasialschulzeit (G 8) sowie in der Profiloberstufe darf nicht ausufern. Wir haben ein Interesse an einem erfolgreichen Bildungsgang G 8. Zugleich werden wir den Gymnasien die Wahlfreiheit zwischen verkürzter Schulzeit (G 8) und einem neunjährigen gymnasialen Bildungsgang einräumen oder auch eine Kombination beider Modelle ermöglichen.“
Das eigentliche Problem ist, dass zur Umsetzung noch das Schulgesetz geändert werden muss. Und das dauert, so merkwürdig das klingt, nach Aussagen des Bildungsministers Ekkehard Klug noch zwei Jahre!

Onlineanzeigenannahme
nach oben
© Bergedorfer Zeitung 2008