Obdachlos
Unvergessene Zeitungsverkäuferin
Dienstag, 26. Januar 2010 18:27
- Von Hana Scheltat
Wentorf. Ein mit einer schwarzen Schleife geschmücktes Foto steht vor Hinz & Kunzt-Verkäufer Klaus Klawikowski (61) an seinem Verkaufsstand. Davor hat er zwei Teelichter und eine Engelsfigur aufgestellt.
Das Foto zeigt seine langjährige Lebenspartnerin Irene Ekerts, die zehn Jahre lang im Vorraum des Edeka-Marktes Feinkost R.A. Schulz am Casinopark, die Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt verkaufte. Viele ihrer Stammkunden vermissen sie: Ekerts verstarb im November 2009 mit nur 58 Jahren.
„Irene hat ihre Kunden regelrecht geliebt“, erzählt Klawikowski. Sie habe ihnen geholfen, die Einkaufstaschen zu tragen, sich liebevoll um ihre Hunde gekümmert, während diese einkauften. Oder sie hörte einfach zu, wenn jemand etwas auf dem Herzen hatte. Ekerts sei eine einfache, aber „unheimlich soziale und hilfsbereite Frau“ gewesen, was Kunden und Arbeitskollegen schätzten.
1999 lernten er und Ekerts sich in einer Wohngemeinschaft für Sozialhilfeempfänger kennen. Klawikowskis Gesicht leuchtet, wenn er von ihrer ersten Begegnung in der Gemeinschaftsküche erzählt. Sie habe ihn damals gebeten, ihr 20 Mark zu leihen. Eine Woche später habe das Geld wieder auf seinem Tisch gelegen, daneben eine Dankes-Notiz. „Da dachte ich mir: Die Frau gibt sogar das Geld zurück, das du verschenkst. Das ist fein“, sagt Klawikowski lachend. Zehn Jahre waren sie ein Paar. Durch seine Bemühungen bei einer Wohngesellschaft gelang es ihm, eigene Wohnungen für Beide in Moorfleet zu beschaffen: So nah beieinander, dass sich das Paar jeden Tag sehen konnte. „Ich habe ihre Seele, ihr goldenes Herz schätzen gelernt“, sagt er liebevoll.
Irene Ekerts wurde in Hamburg geboren und lebte nur bis zu ihrem neunten Lebensjahr mit den neun Geschwistern und ihren Eltern in Schwarzenbek zusammen. „Ihr Elternhaus war katastrophal“, stellt Klawikowski fest. So sei sie durch die Verfügung des Jugendamtes in ein Kinderheim in Eckernförde umgezogen. Dort habe sie zum ersten Mal ein wirkliches Familienleben gehabt. Grund dafür sei Oberin Ruth, die Leiterin des Heims, gewesen. Sie habe des Mädchens angenommen und es gelehrt, sich im Leben durchzusetzen. „Diese Nonne von außergewöhnlichem Format hat unglaublich viel in Irene investiert“, lobt Klawikowski. Mit 19 Jahren wurde Ekerts schließlich von einer Kaufmannsfamilie in der Nähe von Glücksstadt adoptiert. In dieser Zeit arbeitete sie als Verkäuferin, hatte ein geregeltes Leben.
Dann der Absturz: „Der Partner, mit dem sie als Dreißigjährige nach Hamburg ging, war ihr Untergang“, erzählt Klawikowski fast zornig. Durch die Gewalttätigkeit und Verantwortungslosigkeit dieses Mannes sei sie obdachlos geworden. Zu diesem Zeitpunkt waren ihre Stiefeltern schon verstorben, der Kontakt zu ihren Stiefgeschwistern abgebrochen. Etwa vier Jahre habe Ekerts in Hamburg auf der Straße gelebt, bis sie in die Barmbeker Wohngemeinschaft ziehen konnte. Klawikowski weiß, wie hart das Leben auf der Straße ist: Die kalten Winter überstehen Obdachlose zum Beispiel in Notcontainern, die von Kirchengemeinden bereit gestellt werden. Tagesaufenthaltsstätten wie das „Herz As“ beim Hamburger Hauptbahnhof bieten Möglichkeiten, zu duschen und Wäsche zu waschen. Als Wohnungsloser fühle man sich „als Mensch zweiter Klasse, irgendwie schäbig“, erklärt Klawikowski. Sie hätten stets mit der Witterung zu kämpfen, müssten bei jedem Regen überlegen, wo sie trocken unterkommen könnten.
Über einen Mitbewohner erfuhr Irene Ekerts schließlich von der Initiative Hinz & Kunzt, durch die sie wieder eigenes Geld verdienen konnte und von der sie überzeugt war. Ihr Leben begann, sich zu ändern. Mit Klaus Stöckel, Leiter des Posaunenchors der Martin Luther-Gemeinde initiierte sie zehn Jahre lang das Neujahrs-Benefizkonzert zugunsten des Beschäftigungsprojekts für Obdachlose.
Klawikowski hat nun Ekerts’ Stammplatz übernommen. Er scheint aus diesem Erbe viel Kraft zu schöpfen. Zu seinen Kunden, die auch Irenes Freunde waren, pflegt er ein herzliches, vertrauensvolles Verhältnis. Er glaubt an einen „unabdingbaren Weg des Schicksals“, dem er folgt und auch Ekerts folgte. Erinnerungen an eine schöne gemeinsame Zeit ermutigen ihn, dem Leben mit einem freundlichen Gesicht zu begegnen. „Die Weihnachten mit Irene waren das Schönste“, sagt er froh. Sie hätten jedes Jahr den Tannenbaum schön geschmückt und für die Nachbarn ein opulentes Mahl gekocht. Klawikowski, der nach einer Privatinsolvenz selbst drei Jahre „im Zelt“, also auf der Straße lebte, baut seinen Stand jeden Freitag und Sonnabend am Casinopark auf. Jedem, der vorbeigeht, schenkt er ein Lächeln.
Klaus Klawikoski hat an seinem Stand ein Foto von Irene Ekerts aufgestellt
Irene Ekerts war von der Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt überzeugt. Sie und Klaus Stöckel, Leiter des Posaunenchores, initiierten sie die Wentorfer Benefizkonzerte zugunsten des Projekts.



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