14.02.12

Immobilien

Hat Wentorf Wohnungen an Scientologen verkauft?

Wentorf. Zum Jahreswechsel 2011 bekamen 119 gemeindeeigene Wohnungen einen neuen Eigentümer – und Wentorf ein Zubrot von 2,7 Millionen Euro in die Gemeindekasse. Ausbaden dürfen das Geschäft jetzt offenbar die Mieter: Es kursiert das Gerücht, die Gemeinde habe an Scientologen verkauft. Von Susanne Tamm

Gemeinde Wohnungen
Foto: Tamm Zwei der sechs Reihenhäuser sind schon verkauft.

Viele Mieter sind sauer oder schlicht verzweifelt. Sie haben Angst, dass sie ihre günstigen Wohnungen verlassen müssen. Schon mit der Gemeinde als Vermieterin hatten sie nicht das große Los gezogen: Die Wohnungen Baujahr 1949 bis 1952 wurden kaum noch saniert, einige haben immer noch Einfachverglasungen, Schimmel und Feuchtigkeit waren kein Einzelfall. Viele fragten sich 2010: Wer kauft solche Wohnungen?

Mit der Gorch Fock Grundstücks Unternehmergesellschaft, Firmensitz Münsterstraße 29 in Hamburg, war die Käuferin gefunden. Das Stammkapital laut Unternehmensregister: 1000 Euro. Immerhin – denn für die Gründung dieser Mini-GmbH braucht man nur einen Euro Stammeinlage. Das Register weist Kay Boehm als Geschäftsführer aus.

Der ist kein Unbekannter: Ebenso wie sein Vater Robert Boehm wurden die Immobiliengeschäfte des heute 49-Jährigen mit Scientology in Verbindung gebracht. 1995 berichteten unter anderem "Der Spiegel", "Focus" und "taz", von umstrittenen Immobilienfirmen, die Hamburger und Berliner Mietwohnungen in lukratives Wohneigentum umwandeln wollten. Als Beispiel berichteten sie über Mieter an der Berliner Allerstraße, die sich gegen den Verkauf ihrer Wohnungen wehrten. Angekauft hatte sie der Hamburger Robert Boehm. Seine zahlreichen Immobilien-Firmen seien Teil eines Netzes von Unternehmen aus dem Umkreis von Scientology, schrieb "Focus" am 20. März 1995. Den Verkauf hatte die Firma Phönix übernommen, deren Verkaufsleiterin Kirsten Bringel in den internen Listen von Scientology aufgeführt worden sei. "Der Spiegel" beschrieb am 15. Mai 1995 die Methode: "Unverdächtige Finanziers, die nicht der Sekte angehören, erwerben reihenweise zumeist vermietete Mehrfamilienhäuser, die preisgünstig zu haben sind. Sodann werden die Mietsgebäude in Eigentumswohnungen umgewandelt. Makler, die zum Sektenclan gehören, besorgen den Verkauf, nachdem sie zuvor oftmals die Mieter vertrieben haben." Auch dieser Artikel nennt den Kaufmann Robert Boehm als Eigentümer der Immobilien, die von Scientologen vermarktet wurden.

Kay Boehm bestreitet Verbindungen zu Scientologen

Das Vorgehen ähnelt sich auffällig: Auch Boehms Sohn Kay ist Geschäftsführer verschiedener Immobilienfirmen. Ursula Caberta, Mitarbeiterin der Behörde für Inneres in Hamburg und Expertin in Sachen Church of Scientology, erklärt, dass Kay Boehm immer gut im Geschäft war, wenn es um die Immobiliengeschäfte der Scientologen ging. Beim Mieterschutzbund zu Hamburg ist sein Name ebenfalls geläufig. In einem Interview mit den Journalisten Frank Nordhausen und Liliane von Billerbeck für das Buch "Psycho-Sekten – die Praktiken der Seelenfänger" (Ch. Links Verlag, Berlin 1997), bestreitet der Junior einerseits eine Verbindung zu Scientology, sagt aber auch über seine Geschäftspartner, die Scientologen Götz Brase und Leif Böttcher: "Es geht mit Brase und Böttcher nicht um Scientology. Sie animieren höchstens, einen Kursus zu besuchen. Wir nehmen das in Kauf, weil die Leute super arbeiten – fleißig wie die Ameisen."

Gegenüber unserer Redaktion betont Kay Boehm: "Ich habe mit Scientology keine Berührungspunkte. Es gab früher einmal einen Geschäftskontakt, von dem man das vielleicht mutmaßen könnte." Ausschließen könne er allerdings nicht, dass er mit Scientologen zusammenarbeite. "Ich überprüfe die Gesinnung der Leute ja nicht."

Mit dem Verkauf der Wentorfer Häuser hat er das Immobilienbüro Hamburg (IBH) beauftragt, deren Geschäfte Simone Lorenzen führt. Ihren Namen kennt Caberta ebenso wie den des Maklers, Ansprechpartner für die Mieter am Reinbeker Weg: Heiko Paul. "Sie sind mir als Scientologen bekannt", sagt Caberta. Auf der Internetseite www.truthaboutscientology.com (Die Wahrheit über Scientology) erscheinen beide Namen in den Listen der Teilnehmer von Scientology-Kursen. Mit einer Sanierung könnten die Mieter kaum rechnen, so Caberta: "Das ist ein geradezu klassischer Fall: Eine Schrott-Immobilie kaufen, abwarten, bis sie leer steht, ein bisschen Farbe drüber und wieder neu vermakeln." Gegenüber unserer Zeitung will sich Paul nicht dazu äußern, ob er Scientologe ist: "Diese Frage ist mir zu persönlich", erklärt er.

Bürgermeister Matthias Heidelberg hörte am Montagabend zum ersten Mal davon, dass Boehm mit Scientologen kooperiert haben soll. "Wäre das bekannt gewesen, hätte die Gemeindevertretung wohl nicht für diesen Interessenten gestimmt", vermutet er. "Wenn das stimmt, wäre das außerordentlich bedauerlich." So hätten die Politiker sich für das finanziell attraktivste Angebot entschieden. Bis auf ein Prozent seien bereits die gesamten 2,7 Millionen Euro in Wentorf eingegangen.

Mit Immobilienwerten Kreditwürdigkeit verbessern

Nicht nur Ursula Caberta, Expertin für Scientology und andere Sekten bei der Hamburger Behörde für Inneres, fragt sich: "Wie ist es möglich, dass die Gemeinde an so eine Gesellschaft Immobilien verkauft?" Einer der betroffenen Mieter sagt: "Unser Bürgermeister hat großen Mist gebaut." Denn er habe die Wohnungen an einen Scientologen verkauft. Zumindest scheint der Geschäftsführer der Eigentümerin, Kay Boehm, kein Problem zu haben, mit den Anhängern der Organisation zusammenzuarbeiten. Die Scientology-Organisation ist laut bayrischem Verfassungsschutz ein internationaler Wirtschaftssystem, der nicht nur nach maximalem Gewinn strebt, sondern auch ein weltweites, totalitäres Herrschaftssystem errichten will, das auf Psycho-Technologien und bedingungsloser Unterordnung des Einzelnen beruht. Nach Cabertas Erfahrungen geht es den Anhängern von Scientology nicht unbedingt darum, Geld zu machen. Sie wollten vielmehr gegenüber der Organisation Erfolge vorweisen können, könnten mit Immobilienwerten ihre Kreditwürdigkeit gegenüber den Banken verbessern.

119 Wohnungen stehen an der Gorch-Fock-Straße und am Reinbeker Weg zum Verkauf. "Lukrative Mehrfamilienhäuser mit hohem Mietsteigerungspotenzial" heißt es in dem Prospekt des Immobilienbüros Hamburg (IBH). "Die Bestandsmieten liegen erst bei durchschnittlich 4,90 Euro pro Quadratmeter" und weiter wirbt der Prospekt: "Rendite bis zu 5,21 Prozent." Für die acht Wohnungen eines der Mehrfamilienhäuser werden einzeln die Flächen von 43,16 bis 51,28 Quadratmetern samt der Mieten zwischen 4,91 bis zu 8 Euro pro Quadratmeter aufgeführt. Wobei die 8 Euro als "kalkulatorische" Miete für eine leer stehende Wohnung angegeben sind. Der Kaufpreis für das gesamte Objekt: 409.000 Euro. Die zwölf Wohnungen am Reinbeker Weg 52 sollen jeweils zu zweit als sechs Reihenhäuser mit 130 Quadratmetern samt Garten verkauft werden. Offenbar zählt das IBH die Kellerfläche mit. Momentan haben die Mieter nur Verträge für 100 Quadratmeter. Vom Sanierungsstau ist in der Werbung keine Rede.

Die Mieter ziehen es vor, anonym zu bleiben. Eine 71-jährige Bewohnerin ist den Tränen nahe: "Wir sind vor drei Jahren hergezogen. Damals war vom Verkauf nicht die Rede, alles war noch neu renoviert. Wir haben uns wohl gefühlt." Ihr und ihrem Mann sowie den Nachbarn wurde ein Vorkaufsrecht eingeräumt – zu überteuertem Preis. "198.000 Euro – das können wir uns mit unserer Rente doch gar nicht leisten", stellt sie fest. Ihr Mann (72) ist wütend: "Das Angebot ist eine Frechheit!", sagt er. Denn mittlerweile weiß er, das auch ihre Wohnung in einem üblen Zustand ist: Die Ostwand ist nass, in der Küche und im Schlafzimmer blühen dunkle Flecken und auf den Wänden liegt ein schwarzer Schleier. Eigentlich würde das Paar am liebsten ausziehen, doch eine vergleichbar günstige Miete ist kaum zu finden. Bei vielen Nachbarn sieht es ähnlich aus. Einem Nachbarn wurde im November die Nachtspeicherheizung abgeschaltet – angeblich um sie wegen Asbestgefahr zu demontieren. Stattdessen soll er 100 Quadratmeter mit einem elektrischen Heizlüfter beheizen. Inzwischen hat er einen Anwalt eingeschaltet: Der hat dem Vermieter bis zum 15. Februar eine Frist eingeräumt, um für eine vernünftige Heizung zu sorgen. Noch wurde nichts getan.

Betroffene sollten sich an Mieterverein wenden

"Das ist wirklich böse, was die da mit den älteren Menschen machen", sagt einer seiner Nachbarn, der im Baugeschäft arbeitet. Er hat seine Wohnung vor Einzug selbst saniert. Bei ihm sei Makler Kay Boehm mit zwei kräftigen Begleitern erschienen, habe ihm die Wohnung für 185.000 Euro angeboten. "Aber die ist nicht mehr als 50.000 Euro wert. Ich muss ja mindestens 100.000 Euro reinstecken, um die Immobilie wieder auf den Verkehrswert zu bringen. Ich kenne ja das Geschäft." Er lasse sich nichts gefallen. "Ich muss nicht ausziehen", sagt er. "Da muss der neue Eigentümer erst einmal Eigenbedarf vor Gericht anmelden."

Jochen Kiersch, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes Landesverband Schleswig-Holstein, rät den Betroffenen, sich an einen Mieterverein zu wenden. Die Scientologen schrecken ihn nicht. Vor zehn, 15 Jahren hätten auch in Schleswig-Holstein vermehrt Scientologen Wohnungen in Eigentum umwandeln. "Aber sie sind auch ans deutsche Rechtssystem gebunden. Für die Mieter ist es egal, ob sie von Scientologen oder von anderen Finanzinvestoren drangsaliert werden."

Die Bewohner sollten den Kaufinteressenten gleich bei der Besichtigung ankündigen, dass sie sie aus der Wohnung herausklagen müssten. Denn die Kosten für eine Räumungsklage würden viele Käufer bereits abschrecken. Auch bei einer Eigenbedarfskündigung, die eine gesetzliche Kündigungsfrist von neun bis zwölf Monaten umfasse, hätten die Bewohner ein Widerspruchsrecht. Bei sozialen Härtefällen könnten sie auch Räumungsklagen erfolgreich abwehren.

Bürgermeister Matthias Heidelberg weist darauf hin, dass die Gemeinde im Kaufvertrag besondere Mieterschutzklauseln festgeschrieben hat, die auch bei einem Eigentümerwechsel weitergelten. So genießen die Mieter seit dem 1. Januar 2011 fünf Jahre Kündigungsschutz. Bis zum Ende dieses Jahres darf es außerdem keine Mietererhöhung wegen Modernisierung geben – es sei denn, der Mieter stimmt zu. Boehm habe ihm schriftlich bestätigt, diese Klauseln in den nächsten Vertrag zu übernehmen. Denn laut Boehm sind etwa 50 Prozent der Wohnungen bereits verkauft – meist an Kapitalanleger, beschwichtigt Boehm. www.mieterbund-schleswig-holstein.de

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