Heiligabend
Er bringt Marias Gewand
Dienstag, 20. Dezember 2011 18:20
- Von Susanne Tamm
Wentorf. Heiligabend in der Friedhofskapelle? Auf den ersten Blick scheint das abwegig, aber Hilde Lamersdorf erklärt überzeugt: „Die schmücken wir so schön mit Tanne, Krippe und Kerzen, das merkt kein Mensch.“ Seit 16 Jahren feiern Wentorfs Katholiken jeden Heiligabend in der kleinen Kapelle am Petersilienberg.

Foto: Susanne Tamm
Hirte Daniel (Till Bunse, 10) bringt das Gewand Mariens, das sie in die Himmelskönigin verwandelt.
Etwa 1000 Katholiken leben in Wentorf. Zehn Prozent sind nach ihrer Schätzung regelmäßige Kirchgänger. Die eine Hälfte besucht die Reinbeker Herz-Jesu-Kirche, die andere Hälfte lebt in der Martin-Luther-Kirche mit der evangelischen Gemeinde die Ökumene und ist das Jahr über bei ihr zu Gast. Nur zu Weihnachten ist die Kirche am Reinbeker Weg 28 immer besetzt.
Deshalb drängen sich am Heiligabend im Gebetsraum Am Petersilienberg 11 ab 15 Uhr etwa 200 Menschen. Es sind nicht nur Katholiken, die den außergewöhnlichen Gottesdienst miterleben wollen. Denn statt einer Predigt führen katholische und evangelischen Gemeindeglieder gemeinsam ein besonderes Krippenspiel auf.
„Meine Stücke handeln immer von Maria, Josef, Jesuskind, Hirten und Engeln“, erläutert die Autorin Hilde Lamersdorf. „Ich will den Leuten ihr Weihnachten nicht kaputt machen, aber ich möchte keine Zuckerbäckerei. Deshalb ist die Geschichte immer anders.“ Also nichts von „Es begab sich aber zu einer Zeit. . . “ In ihrem Krippenspiel ist Alltagssprache zu hören und auch Humor.
Die einstige Grundschullehrerin hat festgestellt, dass Bilder spirituelle Dinge besser ausdrücken als Worte. Das Spiel entspricht der Predigt: Dieses Jahr beschweren sich die Hirten, dass Maria – die Mutter Gottes – so ärmlich aussieht. Flugs holt ein Hirtenjunge einen blauen Mantel samt Krone und verwandelt Maria in die Himmelskönigin. Die Hirten sinken vor ihr auf die Knie.
Doch dann tritt eine zweite Maria auf, ruft nach ihrem Kind: Sie steht als irdische Maria plötzlich ihrem alter ego gegenüber: „Wie siehst du denn aus?“, fragt sie die Maria, die aussieht, als wäre sie einem gotischen Gemälde entstiegen. „Du bist doch eine von uns, eine Frau aus dem Volk“, wirft sie der himmlischen Mutter Jesu vor. In diesem Krippenspiel kommen beide Seiten der Gottesmutter zum Ausdruck: die anbetungswürdige Himmelskönigin, wie sie die Menschen sehen wollen, und die Mutter des Mensch gewordenen Gottes.
Aus der Not heraus hat Hilde Lamersdorf außerdem zu einem eigenen Stilmittel gefunden: Weil nie jemand Zeit für gemeinsame Proben oder das Lernen seiner Texte hatte, gibt es einen Erzähler, der die Geschichte „vor-liest“. Die Darsteller spielen die Szenen nach und wiederholen auch die Dialoge. „Dadurch verliert das Spiel nicht an Lebendigkeit“, versichert die Autorin.
„Aber durch die doppelte, stilisierte Ebene wird der Text Teil der Liturgie.“ Zum Abschluss versöhnen sich die Marien. Die Spieler ziehen sich für das Abendmahl zurück; denn in der christlichen Zeremonie sind Christi Kreuzigung und Auferstehung allgegenwärtig.
Artikelkommentare abonnieren
Kommentar abgeben
Noch kein Kommentar abgegeben

Abo
Printarchiv
Leserbrief
Kontakt
Gastro-Tipps
Preisvergleich
Leserreisen
Versicherungscheck
Energievergleich
Immobiliensuche













