Turbo-Abitur
Eltern und Kinder enttäuscht von Politik
Freitag, 1. Juli 2011 20:23
Wentorf. Bitter enttäuscht sind etwa 50 Eltern, die am Donnerstagabend mit ihren Kindern im Rathaus aufliefen. Die Gemeindevertreter verweigerten ihnen Stellungnahmen zum Streitthema Turbo-Abitur.

Foto: Susanne Tamm
Vincent (7), Anna, Dirk und Laurenz (11) Voßbeck wollen wie viele andere Wentorfer Familien erfahren, warum die Politiker sich gegen G9 (das Abitur nach neun Jahren) sperren.
Die Eltern von Viert- und von Fünftklässlern des Gymnasiums wollten von den Gemeindevertretern hören, warum diese an ihrer Entscheidung für das Turbo-Abitur nach acht Jahren festhalten. „Wir haben unseren Sohn in Wentorf angemeldet, weil wir auf G9 gehofft haben“, erzählte beispielsweise Anna Voßbeck.
Doch die Familien bissen bei den Politikern auf Granit: Keine ihrer Fragen wurde beantwortet. „Wir befinden uns in einem schwebenden Verfahren“, begründete Andreas Hein, gerade frisch zum Bürgervorsteher gewählt, das Schweigen. Der Rückzug hinter dieses Argument kam schlecht an: „Wir fühlten uns wie ein Störfaktor“, klagte Dirk Voßbeck. „Wo bleibt da der Dialog mit dem Bürger?“
Wie berichtet, befasst sich das Oberverwaltungsgericht Schleswig mittlerweile mit der Frage, ob Wentorfer Gymnasiasten das Abitur nach neun (G9) oder bereits nach acht Jahren (G8) ablegen sollen. Schule und Eltern hatten sich für G9 ausgesprochen, die Gemeinde als Schulträger entschied jedoch aus Kostengründen – und mit knapper Mehrheit – für G8. Denn die Politiker befürchteten einen noch stärkeren Zulauf, wenn das Gymnasium als einziges der Umgebung G9 anbietet. Weil sich die beteiligten Parteien nicht einigen konnten, entschied Bildungsminister Dr. Ekkehard Klug (FDP) und ordnete mit sofortigem Vollzug G9 an. Die Gemeinde klagte jedoch dagegen.
Was den sofortigen Vollzug betrifft, gab das OVG Schleswig der Gemeinde Wentorf vergangene Woche recht. Vorläufig muss die Schule jetzt die G8-Lehrpläne organisieren.
Trotz der verhärteten Fronten baten die Eltern die Politik darum, ihre Position noch einmal zu überdenken. Denn die Anmeldezahlen seien wesentlich geringer ausgefallen als erwartet. Bürgervorsteher Hein versuchte, die emotionalen Wogen zu glätten, indem er auch Statements in der Einwohnerfragestunde zuließ. Fragen beantwortete er aber nicht – und stieß die Eltern damit vor den Kopf. „Wen vertreten Sie eigentlich?“, fragte eine Mutter das Gremium entnervt. „Die Gemeindevertreter sind für Gesamt-Wentorf da und die Eltern sind nur ein Teil davon“, sagte Bürgermeister Heidelberg. „Woher wissen Sie denn, was die Anderen wollen?“, fragte eine Mutter.

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Gunther Sachs meint:
Nach wie vor hat hier niemand vernünftige Gründe für G8 gebracht - schon gar nicht für ein G8 wie es Kiel den Schulen aufgedrückt hat. Und die Schulen sind die Leidtragenden die nun versuchen müssen aus Sch**** Schokolade zu machen.
Die Tatsache, dass sich ein Gremium über den Wunsch von Bürgern hinwegsetzt (und dann noch nicht einmal Nachfragen beantwortet...) halte ich nach wie vor für problematisch und ich hoffe, dass die Quittung bei der nächsten Wahl folgt!
Die Tatsache, dass eine solche Entscheidung von zwei Gerichten bestätigt wurde macht den eigentlichen Sachverhalt nicht besser, sondern zeigt ja nur, dass pädagogische Gesichtspunkte offensichtlich nicht viel zählen.
Ich wünsche der Schule und den Lehrern viel Erfolg bei der Umsetzung - sie tun mir sehr leid, für all die Energie, die letzlich erfolglos im Sinne der Schüler eingesetzt worden ist.
Arno Nühm meint:
08.07.2011 - 23:15 Uhr
>>… Für mich bleibt als Tatsache: Die Eltern und Schüler des Gymnasiums, die etwas zu dem Thema zu sagen hatten, haben es getan und sich mehrheitlich für G9 ausgesprochen! Für G8 haben sich deutlich weniger entschieden. Und dieses Votum ist m.E. von den Politikern in Wentorf mit Füßen getreten worden...<<
@ Gunther Sachs:
Sie, wie auch viele andere in dieser Diskussion, scheinen allerdings zu übersehen, daß wir in einer repäsentativen Demokratie leben. Das einzig wirksame Votum, welches die Wentorfer Bürger abgeben können, ist in diesem Fall die Wahl ihrer Vertreter bei der Kommunalwahl alle 4 Jahre.…
Im Übrigen sei der Hinweis gestattet, daß durch das Votum der Gemeindevertreterversammlung (GVV), welches von 2 Gerichten bestätigt wurde, in Wentorf die Würfel nun mal gefallen sind und bis auf weiteres es bei G8 am Gymnasium bleiben wird.
Dieser Realität sollten wir ins Auge sehen und gemeinsam daran bzw. dafür arbeiten, aus der Situation das beste zu machen, statt weiterhin noch mehr Nerven, Zeit und Energie an eine nun obsolete und somit fruchtlose Grundsatzdiskussion über die Vorteile von G8 versus den Nachteilen von G9 zu verschwenden.
Kommentator meint: