Borghorster Mühle
Ein Wahrzeichen – auch ohne Flügel
Donnerstag, 26. August 2010 20:12
- Von Wiebke Schwirten
Altengamme. Weithin sichtbar und erkennbar ist sie, auch wenn sie keine Flügel mehr hat: die Borghorster Mühle von 1876 am Altengammer Hauptdeich 130. Jetzt steht sie zum Verkauf.
Gern führt Andreas Krüger von Schneide Immobilien Interessenten durch die verwinkelten Räume der Mühle. Zwei Stunden kann der Besucher locker mit ihm dort verbringen, bis die etwa 1030 Quadratmeter Nutzfläche und diverse Nebenräume auf dem etwa 1600 Quadratmeter großen Grundstück besichtigt sind. Nicht nur Andreas Krüger faszinieren die alten Maschinen und die Geschichten, die Gertrud Voß zu erzählen weiß. Die 84-Jährige ist die letzte Müllersfrau und hielt mit ihrem Mann Hans-Ernst bis zu dessen Tod im Jahr 2007 den Mühlenbetrieb aufrecht.
Die wechselvolle Geschichte der Mühle beginnt 1876, als sie von Peter Timmann und seiner Frau Beke als Galerieholländer erbaut wurde. Er entstammte der Familie, die schon gut hundert Jahre zuvor die angrenzende Hornkate betrieb, in der Gertrud Voß heute lebt. Damals war die Hornkate das Fährhaus mit Gastwirtschaft. Dort wurde in ein Horn geblasen, wenn die Fähre einen auf die andere Seite der Elbe bringen sollte.
Die Verbindung zum Wasser und der Anlegeplatz waren auch für den Betrieb der Mühle vorteilhaft. Denn nicht nur die hiesigen Bauern brachten ihr Korn. „Hier wurde auch Hartweizen gemahlen, der aus Amerika kam. Er wurde im Hamburger Hafen gelöscht und auf der Elbe hierher gebracht“, erzählt Gertrud Voß.
Eine schwere Zeit begann, als Eckhard Timmann den Betrieb übernahm. „Er war zwar ein kluger Kopf, aber auch ein Luftikus“, sagt Gertrud Voß. Er blieb in Erinnerung als derjenige, der in Altengamme das erste Fahrrad besaß und damit sogar bis nach Schweden radelte. Nicht er, sondern sein Bruder Hermann-Gustav war der talentierte Müller. Der aber ging damals leer aus, so wollte es das Erbrecht.
Doch seine Zeit sollte noch kommen. Zunächst kaufte er die Reitbrooker Mühle. Als sein Bruder den elterlichen Besitz in Altengamme endgültig heruntergewirtschaftet hatte, nutzte er 1909 die Chance und ersteigerte ihn zurück. Zwei Mühlen konnte er jedoch nicht führen. „Wer sollte es also machen?“, fragt Gertrud Voß und gibt sogleich die Antwort: „Er vertraute sie seiner erst 18-jährigen Tochter Olga an.“ Eine wahrlich revolutionäre Entscheidung zu jener Zeit. Olga zur Seite stand der Sohn seines besten Freundes, Hans-Hermann Voß. „Die beiden waren füreinander bestimmt“, sagt Gertrud Voß. Sie selbst heiratete 1947 den Sohn der beiden, Hans-Ernst Voß.
Mit der Mühle ging es wieder bergauf, bis 1927 ein Sturm die Flügel ruinierte. Sie wurden schließlich abmontiert, der Betrieb auf Elektrizität umgestellt. Seither hat die Mühle keine Flügel mehr. Diverse Anbauten in den Jahren 1884, 1938 und 1939 gaben der Mühle das heutige Gesicht. Die riesige, 3000 Kilogramm schwere Querwelle wurde schon im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, die Eingänge auf Galerieebene zugemauert und der Windmühlenturm als Silo genutzt. Die kleine Fünf-Tonnen-Feinmühle im dreigeschossigen Anbau von 1939 lief nach dem Krieg 24 Stunden am Tag. „Die Großmühlen waren ja zerbombt und die Familien brauchten trotzdem Mehl für das tägliche Brot“, erzählt Gertrud Voß. Später wurde mit der Herstellung von Backschrot und Tierfuttermischungen Geld verdient. Anfangs kamen Hühner sogar noch in den Genuss von Garnelen, die zu Mais, Gerste und Weizen gemischt wurden.
Jetzt wird die Borghorster Mühle in die Denkmalschutzliste eingetragen. „Trotzdem sind Veränderungen in Absprache mit der Denkmalpflege möglich“, sagt Makler Andreas Krüger. Denkbar ist zum Beispiel die Einrichtung einer Wohnung ebenso wie eine gewerbliche Nutzung. Die Feinmühle soll als Industriedenkmal erhalten bleiben. Der Architekt Jan Ihns bietet Interessierten Hilfe. Er hat sich auf historische Gebäude spezialisiert und unter anderem auch den Borghorster Bahnhof restauriert.
- Einen Interessenten für die Mühle, die im Gebotsverfahren verkauft wird, gibt es bereits. Wer sich ebenfalls informieren möchte, erreicht Andreas Krüger unter Telefon (040) 7234491 oder 0170/ 9391901.
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