Flächenfraß

Vorratskäufe der Stadt: Bauern sehen schwarz

Der Flächenfraß kostet Bauern ihre Existenz, sagt Milchbauer Jan-Hendrik Langeloh (40) aus Reitbrook.

Foto: Heyen, Thomas

Der Flächenfraß kostet Bauern ihre Existenz, sagt Milchbauer Jan-Hendrik Langeloh (40) aus Reitbrook.

Bergedorf. Vorratskäufe der Stadt bereiten den Landwirten Probleme. Immer mehr Agrarfläche geht verloren.

Bergedorf. Hamburgs Landwirte schlagen Alarm: Weil die Stadt immer mehr Flächen aufkauft, fürchten sie um ihre Existenz. Von den etwa 14 600 Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Hamburg würde etwa ein Drittel der Stadt gehören, berichtet Martin Lüdeke, Präsident des Hamburger Bauernverbands. Und jedes Jahr kaufe die Stadt weitere etwa 300 Hektar hinzu.

Die Verkäufer seien Bauern, die keinen Nachfolger finden, Erben, die wirtschaftlich in Not geraten. Sie verkaufen an die Stadt, weil die ein Vorkaufsrecht hat – und meist die höchsten Preise zahlt. Denn für neue Wohnsiedlungen und die Ansiedlung von Gewerbe und Logistikbetrieben wird Platz benötigt.

Flächenausgleich müsse geringer ausfallen

Den Bauern gehen jedoch nicht nur diese potenziellen Bauflächen verloren, sondern auch die Flächen, die die Stadt für den Ausgleich von Großprojekten und die Versiegelung von Flächen ausweisen muss. Diese Ausgleichsflächen seien nicht mehr zeitgemäß, meinen viele Landwirte. Wie der frühere Bauernverbandspräsident Heinz Behrmann fordern sie eine Änderung des Naturschutzgesetzes. Der Ausgleich müsse wesentlich geringer ausfallen als im praktizierten Verhältnis 1:4 (Standard).

Die Stadt tätigt „Vorratskäufe“. In den meisten Fällen verpachtet sie ihre Flächen erneut an Landwirte – viele zu neuen Bedingungen. Die Vertragslaufzeiten sind oft kurz, die Art der Bewirtschaftung eingeschränkt. Forderungen, wertvolle Wiesenflächen nur extensiv zu bewirtschaften, um die Artenvielfalt vor Gift und Überdüngung zu schützen, sehen konventionell wirtschaftende Bauern als Gefahr.

Landwirte seien die besseren Naturschützer

„Es hilft kaum, wenn auf einem Hektar nur zwei Kühe stehen und kein Dünger verwendet werden darf“, sagt Dr. Carsten Bargmann, Geschäftsführer des Bauernverbandes. Jan-Hendrik Langeloh, Milchbauer aus Reitbrook: „Extensivierte Flächen nützen uns nichts, weil wir intensiver arbeiten müssen.“ Schreite der Flächenfraß fort, gebe es in Hamburg in 25 Jahren keine Bauern mehr.

Bargmann hält Landwirte gar für die besseren Naturschützer: „Sie wissen, was der Boden braucht – etwa Kalk.“ Auf extensiv bewirtschafteten Flächen breite sich dagegen das giftige Jakobskreuzkraut aus. Matthias Steffens, Milchbauer aus Neuengamme, wehrt sich gegen Kritik an Mist und großen Gülle-Mengen: Diese enthielten „wertvolle Mineralien für die Pflanzen“. Alexander Odemann, Landwirt aus Kirchwerder, schlägt flache Gewerbehallen-Dächer als Ausgleichsflächen vor: „Unternehmen, die sich riesige Hallen leisten können, haben auch Geld für kostspielige Ausgleichsmaßnahmen.“