Ochsenwerder Als „Red Mike“ noch Räuberchef war

Dorfgeschichte(n) Präsentation von Auswanderer-Schicksalen begeistert

Ochsenwerder.  Wir schreiben das Jahr 1868. Martin Rücker (23) aus Ochsenwerder wandert nach Amerika aus. Sein Cousin Wilhelm Hasenkampf (24) folgt zwei Jahre später. Was sie in der Neuen Welt erleben, erzählen alte Briefe. Gut 80 Interessierte verfolgten jetzt die Abenteuer der beiden bei den ersten Dorfgeschichte(n) des Vereins „Unser Dorf erhalten“ im Gasthof Neudorf.

Manfred Seevers, Reinhard Heller und Karsten Paulssen schlüpften in die Rollen der Auswanderer und eines Bruders in Hamburg. Sie lasen die Briefe vor, deren alte deutsche Sütterlinschrift Simone Vollstädt übertragen hatte. Zudem recherchierte die Heimatforscherin den geschichtlichen Zusammenhang, zeigte mehr als 120 erklärende Bilder. Großer Applaus war dem Quartett am Ende sicher.

Für heutige Ohren sprachlich eigentümlich gewunden, reihen sich die Sätze in den Briefen aneinander. Manch abfällige Bemerkung über die „Neger“ ist nur im Zusammenhang mit der Zeit – drei Jahre nach Abschaffung der Sklaverei – zu begreifen.

Manfred Seevers lässt den draufgängerischen Martin stimmlich lebendig werden. Geheimnisvoll bleibt, was ihn von zu Hause fortgetrieben hat: „Das weiß keiner und wird auch keiner erfahren.“ Geldsorgen werden es nicht gewesen sein. Denn der 23-Jährige reist mit dem Dampfschiff Teutonia edel in der zweiten Klasse 17 Tage lang über den großen Teich. Er staunt in New York über Straßen, die „kerzengerade und eine Stunde lang sind“ und „walzt“ Richtung Westen. Er erlebt reitend die unendliche Weite der Prärie, landet auf einer 16 Quadratkilometer großen Farm. Bis 1886 zieht es ihn kreuz und quer durchs Land. Er betreibt Landwirtschaft (Mais), züchtet Schafe, betreibt eine Bar – hat aber nicht immer ein gutes Händchen mit seinen Aktivitäten. Die „große Depression“ Ende der 1870er-Jahre tut ihr übriges. Doch 1880 ist er ein Held. „Detective Rucker“ fängt den berüchtigten Räuberhauptmann „Red Mike“ und „Barney Bull“, dessen ersten Leutnant. Karsten Paulssen liest den Zeitungsartikel von damals vor, der den dramatischen Kampf schildert, bei dem Martin Rücker ein Daumen fast ganz abgeschnitten wird. Später wird er bei Indianerunruhen von einer Kugel getroffen, verliert fast ein Bein. Wilder Westen pur.

Wilhelm Hasenkampf (24), dessen Briefe Reinhard Heller liest, reist 1870 mit der „Alle-mania“ im kargen Zwischendeck nach Amerika, erkennt in New York nur wenig Kunst und Schönheit, denn „der Amerikaner quält sich um solche Sachen weniger, bei ihm spielt nur das Geld eine Rolle“. Er hilft seinem Cousin Martin und arbeitet wohl bei der Eisenbahngesellschaft. Er schreibt in einem Brief von etwa 4000 Menschen, die in Los Angeles leben – heute sind es knapp vier Millionen. Bereits eingebürgert unterzeichnet er bald mit „William“. Nach einem Besuch der Weltausstellung in Philadelphia 1876 kehrt er offenbar nach Hamburg zurück.

Ob das Schicksal es letztlich mit dem rheumageplagten Martin gut meinte, ist offen. 1886 kündigt er im letzten erhaltenen Brief mutig an, nach New Orleans und weiter nach Honduras zu gehen: „Um Gefahren bekümmere ich mich jetzt nicht mehr, die sind mir fremd geworden.“