Windenergie

Jetzt melden sich die Befürworter und blasen zum "Kampf für Windmühlen"

Foto: Thomas Heyen / Heyen

Bergedorf. Die geplanten, bis zu 180 Meter hohen, Windenergieanlagen haben massive Proteste bei den Anwohnern in den Vier- und Marschlanden ausgelöst. Doch nun bekommen die Protestler Gegenwind von Windkraft-Befürwortern.

Bis zu 180 Meter hoch sollen die neuen, leistungsfähigeren Windenergieanlagen in den Vier- und Marschlanden in den Himmel ragen. Seit vielen Monaten regt sich dagegen der Protest von Anwohnern, die um ihre Lebensqualität und ihre Gesundheit fürchten. Die ersten Familien haben angekündigt, das Landgebiet zu verlassen, sollten die Pläne für „Repowering“ umgesetzt werden. Doch es gibt auch die anderen: Sie kämpfen für die Windmühlen.

„Ich würde mir so ein Riesenrad sofort in den Garten stellen lassen“, sagt Margarete Krooss (76), gelernte Kinderpflegerin aus Altengamme. Es gehe ihr um die richtigen Weichenstellungen in der Energiepolitik. Atomkraft und den damit verbundenen strahlenden Müll habe sie immer als eine Existenzbedrohung empfunden: „Damals, als Krümmel gebaut wurde, wurden wir nicht richtig über die Gefahren informiert.“

In Ochsenwerder sind zwischen Ochsenwerder Landscheideweg und Sammelgraben sieben Anlagen geplant. In Neuengamme sollen zwölf bestehende durch größere und leistungsstärkere ersetzt werden. Das Altengammer Gebiet in der Verlängerung vom Achterschlag zwischen Horster Damm im Norden und dem Fassungsgelände des Wasserwerks im Süden bietet Platz für bis zu neun Anlagen. Das neue Eignungsgebiet Curslack liegt südlich der Anschlussstelle Bergedorf an der Autobahn 25. Hier ist der Bau von fünf 180 Meter hohen Anlagen angestrebt.

Die Zeit der öffentlichen Auslegung der Pläne über die „Eignungsgebiete für Windenergieanlagen in Hamburg“ ist vorbei. Etwa 750 Stellungnahmen sind bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt dazu eingegangen. Die Einwendungen werden mit den öffentlichen Belangen abgewogen. Letztlich entscheidet die Hamburgische Bürgerschaft. Ein Termin dafür steht noch nicht fest.

Anwohner argumentieren für den Bau großer Windkraftanlagen im Landgebiet: "Es ist das kleinere Übel"

Die von der Stadt Hamburg geplante Aufstellung neuer, leistungsfähigerer und höherer Windenergieanlagen in den Vier- und Marschlanden spaltet die Bevölkerung in zwei Lager. Die einen wehren sich mit aller Kraft dagegen, organisieren in Bürgerinitiativen den Widerstand, haben zahlreiche Protest-Plakate aufgestellt. Die anderen haben sich bisher zurückgehalten. Sie haben nichts gegen das Repowering. Im Gegenteil. Wir sprachen mit Befürwortern der 150 Meter – in Curslack bis 180 Meter – hohen Windräder.

Agnes (61) und Jan Kahlbrock (60), selbstständige Gärtner vom Kiebitzdeich in Neuengamme, Margarete Krooss (76), gelernte Kinderpflegerin aus Altengamme, Dr. Herbert Diercks (53, Chemiker, Neuengammer Hausdeich) und Michael Nieselt (58, Pädagoge, Altengammer Elbdeich) haben zwei Dinge gemeinsam: Sie alle leben schon seit Jahrzehnten im Landgebiet und sie haben nichts gegen die neuen Windräder einzuwenden. Keiner von ihnen profitiert wirtschaftlich von den Anlagen.

Jan Kahlbrock ärgert sich über die Gegner der geplanten Anlagen: „Sie arbeiten bewusst mit falschen Zahlen, etwa was die Höhe der Anlagen und den Mindestabstand angeht.“ Nieselt vermisst Fakten. „Wo sind die Gutachten, auf die verwiesen wird, wenn es um Schädigung der Gesundheit geht? Ich würde mich vielleicht sogar überzeugen lassen, sehe aber nie Beweise.“

Die Befürworter hätten keine Lobby. „Bei den Info-Veranstaltungen der Stadt waren wir stets in der Minderheit“, sagt Margarete Krooss. „Dabei ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung gegen das Repowering“, sagt Dr. Diercks, „aber der äußert seinen Protest sehr laut“. Die Gegner seien oft Menschen, die von der Stadt aufs Land gezogen seien, um ihre Ruhe zu haben, meint der Naturwissenschaftler: „Die sollen in den 20. Stock ziehen. Dann haben sie ihre Ruhe.“

Agnes Kahlbrock wundert sich darüber, „dass die großen Windräder plötzlich gesundheitsschädlich sein sollen“. Denn: „Trotz der Windräder, die dort schon lange stehen, wurden alle Lücken am Kiebitzdeich bebaut.“ Ihr Mann ergänzt, dass die Anlagen Geräusche machen würden, „aber keinen Lärm“. Die modernen, großen Anlagen seien sogar leiser als die alten, weil die Rotoren sich langsamer drehen, sagt Diercks.

Der Chemiker kann die Argumentation mit dem Schattenwurf nicht nachvollziehen: „Das sind an bestimmten Tagen maximal einige Minuten.“ Selbst eine optische Störung durch die Höhe der Anlagen sieht Diercks nicht: „Wer sich ein, zwei Kilometer entfernt von ihnen aufhält, wird keinen Unterschied zwischen alt und neu feststellen. Ab einer gewissen Entfernung spielt die Größe keine Rolle.“ Nieselt: „Das sind also nur Scheinriesen – wie bei der Augsburger Puppenkiste.“ Dabei sei jeder zusätzliche Meter Höhe ein Vielfaches an Energiegewinnung, betont Diercks.

Krooss setzt sich entschieden für Windkraft ein, will sich „nicht wieder etwas vormachen lassen“. 1972, als mit dem Bau des Kernkraftwerkes Krümmel begonnen wurde, „wurden wir nicht über den anfallenden radioaktiven Abfall und die von ihm ausgehenden Gefahren informiert“, sagt die 76-Jährige. Nun, wo es erneut um die Weichenstellung bei der Energiepolitik geht, sei sie auf der Hut. Ähnlich sieht es Jan Kahlbrock: „Atomkraft war für mich immer eine Lebens- und Existenzbedrohung. Deshalb habe ich den Bau der ersten Windräder am Ochsenwerder Landscheideweg vor 15 Jahren als Befreiungsschlag empfunden.“

„Alle wollen grünen Strom – aber er soll immer woanders erzeugt werden“, sagt Diercks. „Ich würde mir so ein Riesenrad sofort in den Garten stellen lassen“, entgegnet Margarete Krooss. Nieselt sieht die Sache pragmatisch: „Wenn ich lange genug suche, finde ich in jeder Suppe ein Haar. Irgendwoher muss der Strom ja kommen. Das kleinste Übel ist eben Windenergie.“ Die Alternativen zur Windenergie seien im Norden „nicht genauso wirkungsvoll“, sagt Diercks. „Aber Solar- und Windenergie ergänzen sich gut, ergeben einen gesunden Mix.“