18.01.14

Gründer

"Viele Menschen muss man erst aufrütteln"

Ann-Kristin Achleitner ist eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Die Professorin für Entrepreneurial Finance glaubt, dass noch viel mehr Deutsche das Zeug zum Gründer haben. Von Inga Michler


Ann Kristin Achleitner ist Aufsichtsrätin in mehreren Konzernen Wissenschaftlerin und Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Risikokapitalgeberin
Foto: Andreas Müller / VISUM Ann-Kristin Achleitner ist Aufsichtsrätin in mehreren Konzernen, Wissenschaftlerin und Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Risikokapitalgeberin

Die 47-jährige Ann-Kristin Achleitner sitzt im Aufsichtsrat von Linde und der MunichRe, zwei Dax-Konzernen, sowie der französischen GDF Suez und der Metro-Gruppe. Sie glaubt, das eine gute Idee, genügend Kapital und erste Referenzkunden gute Voraussetzungen sind, um ein neues Unternehmen erfolgreich auf den Weg zu bringen.

Die Welt: Ihr Spezialgebiet sind Gründer. Sie selbst haben sich aber immer etablierte Arbeitgeber ausgesucht – eine Unternehmensberatung, die Universität. Kam Gründung für Sie persönlich nie in Frage?

Ann-Kristin Achleitner: Doch – die Gründerwelt hat mich immer fasziniert. Anfang der 2000er Jahre habe ich daher auch eine Venture-Capital-Gesellschaft mitgegründet – die GI Ventures AG. Damit haben wir Gründer aktiv unterstützt.

Die Welt: Wenn Sie heute am Anfang Ihrer Karriere stünden, könnten Sie sich vorstellen, ein Unternehmen zu gründen?

Achleitner: Das könnte ich mir absolut vorstellen. Aber ich bin eine Anhängerin von Team-Gründungen. Ich könnte betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, bräuchte aber einen Counterpart für die technische Seite. Nicht umsonst versuchen wir an der TU München zusammen mit unserem Gründerzentrum, der UnternehmerTUM, Gründer aus verschiedenen Fachgebieten zusammenzubringen.

Die Welt: Laut Global Entrepreneurship Monitor planen oder gründen hierzulande nur vier Prozent aller Erwachsenen ein eigenes Unternehmen – weniger als in den meisten anderen Industrieländern. Woran liegt das?

Achleitner: Nicht überall sind die Menschen noch so zögerlich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel getan. Jetzt verlässt eine Generation die Hochschulen, die Spaß hat am Gründen und am selbstbestimmten Leben.

Die Welt: An deutschen Hochschulen jedenfalls gab es im Dezember 110 Gründerlehrstühle. Muss man unsere Entrepreneure denn zum Jagen tragen?

Achleitner: Der innere Impuls ist natürlich unerlässlich. Man muss viele Menschen aber auch erst aufrütteln. Sie müssen erleben können, dass Unternehmertum eine gute Idee sein könnte. Außerdem brauchen sie das Rüstzeug, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Das ist für mich wie bei der Musik. Erst einmal muss man darauf kommen, dass man Lust auf ein Instrument und die nötige Begabung hat. Die allein reicht aber auch nicht, um gut zu sein. Man braucht auch Unterricht. Daher ist es eine positive Entwicklung, dass Deutschland inzwischen im Verhältnis zur Einwohnerzahl genauso viele Gründerlehrstühle hat wie die USA.

Die Welt: Wichtig für Deutschland sind innovative Gründungen. Die brauchen oft besonders viel Kapital für Forschung und Entwicklung. Bis heute hat sich der Private-Equity-Markt aber nicht von der Krise 2008 erholt. Fehlt es an risikobereiten Investoren?

Achleitner: Wir haben eine andere Struktur der Risikoinvestoren als andere Länder, wie etwa die USA, in denen auch Universitätsstiftungen und Pensionsfonds eine große Rolle spielen. Aber die Debatte um das nötige Kapital allein springt zu kurz. Es müssen sehr viele Dinge zusammen kommen, damit ein Unternehmer erfolgreich sein kann. Das eine ist die finanzielle Unterstützung. Das andere sind zum Beispiel erste Kunden, die bereit sind, mit jungen Firmen zusammen zu arbeiten.

Die Welt: Wo fehlt es an dieser Bereitschaft?

Achleitner: Ich würde mir sowohl von Konzernen als auch von der staatlichen Seite noch mehr Interesse an jungen Geschäftspartnern wünschen. Im Markt konnten diese Unternehmen, da sie gerade erst gegründet wurden, ja noch kein großes Vertrauen aufbauen. Da sind einige Referenzkunden besonders wichtig.

Die Welt: Sagen Sie das auch den Konzernen, in denen Sie im Aufsichtsrat sitzen?

Achleitner: Ja, der Appell geht an alle Großunternehmen. Sie sollten versuchen, Ökosysteme zusammen mit jungen Firmen zu bilden. Es ist auch strategisch klug, junge Unternehmen in die eigene Innovationsstrategie mit einzubauen. Dabei sollte man ihnen die Gelegenheit geben, zu ernsthaften Marktspielern heranzuwachsen.

Die Welt: Um sie sich dann, wie es oft geschieht, selbst einzuverleiben?

Achleitner: Solange sie diese Unternehmen in einem fairen Prozess kaufen, muss das ja gar nicht schlecht sein. Ich kann mir ein Ökosystem vorstellen, in dem kleine Startups entstehen, die dann als Spinins in Großunternehmen aufgehen. Das kann für beide Seiten gut sein. Es gibt ja auch die Seriengründer, die gleich mit der nächsten guten Idee starten. Wichtig ist allerdings, dass die jungen Unternehmen nicht durch den Sparzwang von Konzerneinkäufern im Keim erdrückt oder ihre Ideen einfach nur kopiert werden.

Die Welt: Wird Deutschland auch für ausländische Investoren attraktiv?

Achleitner: Auch in dieser Branche sehen wir tatsächlich eine Globalisierung. Mit unterschiedlichen, sehr speziellen Technologien können Gründer heutzutage spezielle Investoren auch aus dem Ausland ansprechen. Die Zusammenarbeit ist in der Regel allerdings einfacher, wenn Kapitalgeber und Startup aus dem gleichen Land kommen.

Die Welt: Gleichzeitig werden die Finanzierungsrunden kleiner. Gehen die Deutschen eher den Weg des "klein klein" anstatt nach dem nächsten "Google" oder "Facebook" zu suchen?

Achleitner: Das neue SAP, die nächste große Wachstumsstory, die gibt es in Deutschland tatsächlich noch nicht. Warum, das ist eine interessante Frage. Interessant ist aber auch eine andere Stufe der Investitionen, über die wir bisher hierzulande zu wenig diskutiert haben: die sogenannte Validierungsstufe, bevor ein klassischer Risikokapitalgeber einsteigt. Da geht es um gute Ideen, die noch nicht in marktfähige Patente und fertige Unternehmen verpackt sind.

Die Welt: Die mit Abstand meisten Investitionen fließen nach Berlin, weit vor Bayern auf Platz zwei. Entsteht in der Hauptstadt ein deutsches Silicon-Valley?

Achleitner: Im E-Commerce ist absolut beeindruckend, was Berlin gestemmt hat. Da spielt die Life-Style-Komponente eine große Rolle. Es ist eine junge, frische Stadt, die junge Leute anzieht. Im Bereich der klassischen technologieorientierten Gründungen allerdings ist der Süden weiterhin ein sehr guter Nährboden. Er punktet mit seinem Zusammenspiel von Universitäten, großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und großen Unternehmen wie Siemens oder General Electric.

Die Welt: Ökonomen sprechen von Pfadabhängigkeiten und Cluster-Effekten. Kann es in einem Land wie Deutschland nur ein, mit Bayern maximal zwei Gründerzentren geben?

Achleitner: Es können auch mehr sein. Starke Universitäten und Forschungszentren haben Sie zum Beispiel auch im Rheinland. Unterschiedliche Industrien und Branchen können unterschiedliche Zentren haben.

Die Welt: Wo liegen die großen Wachstumschancen auf dem Gründermarkt?

Achleitner: Eine Branche mit besonderem Potenzial ist sicher die Medizintechnik. Hier gibt es in Deutschland ein sehr gutes Zusammenspiel von der technologischen und der medizinischen Seite. Wir haben unter den Herstellern viele mittelständische Unternehmen. Und wir haben Produkte, die sich in relativ kurzer Zeit zur Marktreife entwickeln lassen. Finanzierer können eine Medizintechnik-Gründung also bis zur Marktreife durchfinanzieren. Aus dieser Branche werden wir in Zukunft noch einiges Wachstum sehen.

Die Welt: En vogue sind auch Sozialunternehmen, die weniger auf Rendite als auf gesellschaftliche Verbesserungen abzielen.

Achleitner: Soziale Investitionen kommen absolut. Das wird mit Sicherheit ein Zukunftsgebiet. Einige Unternehmen können neben sozialen Zielen auch finanzielle Renditen erzielen. Andere werden dies aufgrund des sozialen Themas, das sie angehen, nicht können.

Die Welt: Wollen im wohlhabenden Deutschland immer mehr Gründer die Welt verbessern, anstatt nur schnelles Geld zu verdienen?

Achleitner: Viele junge Gründer von heute haben tatsächlich eine andere Wertestruktur. Dazu kommen diejenigen, die sich mit 50 oder 60 Jahren noch einmal neu erfinden und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Ich finde das Spitze. Auch im Sozialen können Gründer Pioniere sein, deren Unternehmen und oder Ideen von den Großen, in diesem Fall zum Beispiel den Wohlfahrtsinstitutionen, übernommen werden.

Die Welt: Und die Gründer sind die Vorreiter dieses Wandels? Welche großen Impulse haben Gründer in den vergangenen Jahren gegeben?

Achleitner: Sie sind Vorreiter und Spiegel zugleich. Seit Ende der 90er-Jahre, als die Technologie des E-Commerce viele Chancen eröffnete, ist Gründen auch in Deutschland eine vollkommen etablierte Sache. Gleichzeitig hat sich die kulturelle Einstellung von Hochschulabsolventen verändert. Sie haben einen anderen Blick auf Karrieren. Die Absolventen von heute schätzen Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit.

Die Welt: Soziologen sprechen von der Generation Y.

Achleitner: Da ist viel dran. Auch die Einstellungen zur Hierarchie haben sich geändert. Ich glaube, das wird sehr viel bewegen in unserer Gesellschaft, weil sich die Wertungsentscheidungen ändern. Die Welle der 90er Jahre war getragen von technologischen Umbrüchen. Nun kommt eine Welle, die von einem Wandel der Einstellungen getrieben wird. Sie wird die Arbeitswelt stark verändern. Es ist spannend, das zu beobachten.

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