Aufstiegsheld besiegt den Krebs
Ein Stehaufmännchen von 79 Jahren
Mittwoch, 1. September 2010 18:06
- Von Olaf Lüttke
Bergedorf. Drei Jahre ist es nun her, dass Ewald Künn, den alle nur „Walli“ nennen, eine niederschmetternde Diagnose erhält. Im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung stellen die Ärzte fest, dass der frühere Kapitän von Bergedorf 85 an Prostata-Krebs erkrankt ist.
„Krebs, das ist ein Wort, das steht erst einmal so im Raum“, erinnert sich Künn heute. Es ist nicht die erste schwere Krankheit, die den 79-Jährigen heimsucht.
Wie nah Glück und Pech beieinander liegen können, muss Künn ausgerechnet in seinem sportlich erfolgreichsten Jahr erleben. 1958 steht Bergedorf 85 zum dritten Mal in der Aufstiegrunde zur Fußball-Oberliga, der damals höchsten deutschen Spielklasse. Am 25. Mai bevölkern 18.000 Menschen das Billtalstadion. Es ist die entscheidende Partie gegen den Itzehoer SV. Mit 1:7 haben die „Elstern“ das Hinspiel verloren. Doch an jenem Tag präsentiert sich die Mannschaft um Kapitän Künn von ihrer besten Seite und siegt 5:2 – der Aufstieg. „Walli“ und seine Teamkameraden wie Karl-Heinz Pörschke und Ulli Weber werden auf den Schultern der Bergedorfer durchs Stadion getragen. Eine Woche später folgt der nächste Triumph: Die „Elstern“ gewinnen durch ein 3:0 am Millerntor gegen Hildesheim die norddeutsche Amateurmeisterschaft.
Im August beginnt die neue Saison. VfL Osnabrück heißt der dritte Gegner. Künn ist mit dabei. Es sollte sein letztes Spiel in der Oberliga werden. Auf dem Platz erleidet er einen Blutsturz. Als die Ärzte im Krankenhaus in Osnabrück erfahren, dass Künn Leistungssportler ist, schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen. „Sie haben mir gesagt, ich hätte eine katastrophale Lunge“, erinnert sich Künn. Die Diagnose: Morbus Boeck, eine gutartige Entzündung, die meist die Lunge befällt. Mit 27 Jahren ist er Sportinvalide. „Das war sehr schade. Ich hätte sonst noch zwei, drei tolle Jahre vor mir gehabt“, sagt Künn. Noch im gleichen Jahr wird er in einer Klinik im Schwarzwald behandelt. Obwohl er lange dableiben muss, bekommt er weder Besuche noch Post von seinen alten Mannschaftskameraden. „Das hat sehr weh getan“, sagt Künn noch heute.
Doch im Alltag belastet ihn die Krankheit nicht. 1962 macht er sich als Speditionskaufmann selbstständig. Um sich fit zu halten, beginnt „Walli“ zu laufen. Höhepunkt: Ende der 1960er Jahre geht er mit seinem Sohn beim berühmten New-York-Marathon an den Start.
Und nun also Krebs. Doch „Walli“ hat Glück. Da die Krankheit rechtzeitig erkannt wird, gilt er nach drei Operationen als geheilt. „Ich habe den Krebs besiegt, wie man so sagt“. Dass es ihm gut geht, sieht man „Walli“ an. Er wirkt jünger als die mittlerweile fast 80 Jahre, die er auf dem Buckel hat. Dafür ist vor allem sein Enkel Milow verantwortlich. „Ich nenne ihn aber nur Butsche“, sagt der glückliche Opa und strahlt.
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