Dr. Markus Merk in Reinbek
Schiedsrichter als „Life-Entscheider“
Sonntag, 28. Februar 2010 13:54
- Von Volker Gast
Reinbek. Als Dr. Markus Merk, der dreifache Weltschiedsrichter des Jahres, die zahllosen HSV-Banner erblickte, mit denen die Aula der Krankenpflegeschule des St. Adolf-Stifts in Reinbek anlässlich seines Besuchs geschmückt worden war, da war sie sofort wieder da: die Erinnerung an den berühmtesten Pfiff seiner Karriere.
An jenen 19. Mai 2001, als Schalke 04 für genau vier Minuten und 38 Sekunden Deutscher Meister war und doch hilflos mitansehen musste, wie Merk beim Parallel-Spiel in Hamburg in der Nachspielzeit beim Stand von 1:0 für den HSV Freistoß für Bayern München pfiff. Der Rest ist Fußball-Geschichte: Patrick Andersson, Tor, der HSV-Sieg dahin, München Meister, Olli Kahn jubelt mit der Eckfahne, Schalke versinkt in einem Meer aus Tränen.
Doch Merk brauchte bei seinem Vortrag zum Thema „Sicher entscheiden“ nur einen einzigen Satz, um den proppevoll gefüllten Saal für sich einzunehmen. „So nett bin ich in Hamburg noch nie empfangen worden“, quittierte er den Auftrittsapplaus mit Blick auf damals mit einem süffisanten Lächeln.
Da stand er also nun, noch immer topfit, einen dunklen Anzug lässig mit Sportschuhen kombinierend, und für die meisten der 220 Ärzte, Ordens- und Krankenschwestern, Schiedsrichter und Fußball-Anhänger im Auditorium war das allein schon Ereignis genug. Merk sollte sie nicht enttäuschen, präsentierte zahllose Anekdoten aus seiner aktiven Zeit als Schiedsrichter: von seinem Lieblingsstadion Camp Nou in Barcelona, dem höflichen Herrn Beckham, dem schweigsamen Zinedine Zidane, der Quasselstrippe Luis Figo und wie er einmal bei Liverpool gegen Celtic Glasgow willkürlich vier Minuten nachspielen ließ, weil er die Fans noch länger „You’ll never walk alone“ singen hören wollte.
Doch der Fußball war eigentlich gar nicht sein Thema an diesem Abend. Er war nur die Bühne, auf der Merk seine Inhalte vermitteln wollte. Der 47-Jährige, der seinen Zahnarzt-Beruf aufgegeben hat („Das Leben von der Hand in den Mund ist vorbei“), berät Firmen bei Entscheidungsprozessen. Das Coaching von „Life-Entscheidern“, sei es in der Wirtschaft, bei der Personalführung oder im Gesundheitswesen, ist seine neue Passion. Dafür jettet er durch die Welt, gestern Tegernsee, heute Reinbek, morgen Athen.
Die Kunst, einen Entschluss zu fassen, basiert nach Merk auf fünf Basis-Werten: Begeisterung, Identifikation, Mut, Verantwortung und Willen. Was abstrakt klingt, wird schnell vorstellbar angesichts eines Schiedsrichter-Teams, das sich in den Katakomben des Stadions auf die Partie einschwört, wohl wissend, dass die 80.000 da draußen sie gleich hassen werden. „Es gibt kein erfolgreiches Team ohne eine gewisse Hierarchie, aber auch nicht ohne Vertrauen“, sieht Merk die Unparteiischen als Spiegel des Lebens.
Das alles mag nicht neu sein. Schade auch, dass Merks Argumentation logische Fehler aufwies, beispielsweise wenn er mal eine feste, mal eine flexible Zielorientierung als Maxime des täglichen Handelns einforderte. Beides nebeneinander geht kaum. Aber das sind Details. Und eines ist sicher: Niemand präsentiert sein Anliegen mit so viel Charme wie Merk. Das half ihm auch damals, als er einmal in einen Autobahn-Rasthof voller Schalke-Fans geriet. Eine bange Sekunde lang herrschte Totenstille. Dann sagte ein Vater zu seinem Sohn: „Schau mal, das ist der Mann, der uns zum ,Meister der Herzen’ gemacht hat.“
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