22.07.12

Wald-Kindergarten

Ihr Revier ist die Natur

Schwarzenbek. Vom bisher eher kalten Sommer lassen sie sich nicht die Laune verderben: Die Kinder des Wald-Kindergartens der Kita St. Elisabeth sind bei jedem Wetter draußen. Die "Waldkinder" lernen hier für das Leben - von der Natur. Von Anne Passow

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Foto: Passow

Kopfüber baumelt der vierjährige Silas am trockenen Ast eines gefällten Baums. Studien belegen: Kinder aus Wald-Kitas haben weniger Unfälle und sind motorisch weiter als ihre Altersgenossen.

Foto: Passow

"Guckt mal, eine Nacktschnecke" – Corvin (6) zeigt den übrigen Kindern seine Entdeckung.

Sommerlich war dieser Juli bisher wirklich nicht. Corvin aber macht das nichts aus. Er trägt eine rote Regenhose und eine rot-gelbe Jacke. "Guckt mal, eine Nacktschnecke", sagt er und zeigt auf das Tier, das sich auf einem Baumstamm voranbewegt. Der Sechsjährige ist eines von 15 Kindern, die den Waldkindergarten der Kita St. Elisabeth besuchen – auch in den Ferien.

Diesmal sind neun Kinder zum Containerhäuschen der Wald-Kita am Sachsenwaldring gekommen. Von hier aus geht's gemeinsam mit Gruppenleiterin Wiebke Rohland und Henrike Heidenreich, die als Mutter für die zweite Betreuerin eingesprungen ist, in den Rülauer Forst. Das Ziel der Kinder: die Baumwurzel. Auch wenn es die Wurzel, die den Ort einst prägte, längst nicht mehr gibt, gehört er noch zu ihren Lieblingsplätzen im Wald. Warum? "Man kann da so schön klettern", sagt Corvin. Aber auch der Weg zu diesem Ort ist spannend. Mit einem krummen Ast kommt Corvin aus dem Gebüsch gerannt. Silas (4) inspiziert derweil einen Betontunnel, durch den ein Bach fließt. "Hier haben wir mal einen Staudamm gebaut", erzählt er. Kurz darauf kommt er mit einem grünen Blatt zu Wiebke Rohland gerannt. "Guck mal, ein Buchenblatt." Der Vierjährige ist begeistert. Blatt ist eben nicht gleich Blatt für die Waldkinder.

"Sie können Pflanzen und Tiere ganz genau auseinanderhalten und erstaunen damit oft auch ihre Eltern", sagt die Erzieherin. Auch dass ein Buchenblatt im Computerzeitalter für so viel Begeisterung sorgt, ist normal. "Unsere Kinder brauchen keine Spielsachen. Sie nehmen das, was sie finden und sind unheimlich fantasievoll, wenn es darum geht, neue Spiele zu erfinden", sagt Rohland und erzählt von einem umgekippten Baumstamm, der zum Flugzeug oder zur Ladentheke wird, von Blättern, die zu Schmetterlingen, von Stöcken, die zu Schwertern werden. Oder zu Schleudern. Als die Kinder auf ihrem Lieblingsplatz angekommen sind, bindet Max (6) nämlich mit einem Seil ein Stück Rinde auf eine Astgabel. "Das wird eine Steinschleuder", erklärt er und schießt auch gleich einen Stein in den Wald. Silas hängt derweil kopfüber an einem Ast und schaukelt. "Kinder, die in den Waldkindergarten gegangen sind, können sich unheimlich gut selbst beschäftigen", sagt Rohland.

Von den Grundschulen bekommen die Erzieherinnen die Rückmeldung, dass sich die Waldkinder später besonders gut konzentrieren können und sehr sozial im Umgang mit anderen sind, denn auch das lernen sie im Wald ja Tag für Tag. Im Container am Sachsenwaldring bleiben die Kinder nur bei Sturm oder Dauerregen. Selbst im Winter sind die Kinder etwa zwei Stunden im Wald unterwegs. Positiver Nebeneffekt: Die Waldkinder sind selten krank.

Verzichten müssen sie auf nichts, denn es gibt sogar Eis im Wald. Weil Corvin bald in die Schule kommt, hat sich seine Mutter Catharina Bethien mit einer Tüte voller Eis für alle Waldkinder auf den Weg gemacht. Bethien ist überzeugt von dem Konzept des Waldkindergartens. "Die Kinder toben sich hier aus und lernen eine ganze Menge" sagt sie. Und immer wieder lernt auch Catharina Bethien von den Kindern, wie sie schmunzelnd berichtet: "Letztens habe ich zu Corvin gesagt: Guck mal, da ist ein Vogel. Dann hat er mich verbessert und gesagt: Das ist eine Blaumeise."

Waldkindergarten
Foto: Passow Max (6) baut sich aus Ästen und Band eine Schleuder.
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