Klavierstimmer
Alle Flügel hören auf sein Kommando
Freitag, 6. August 2010 19:51
- Von Susanne Holz
Reinbek. Siegfried Grimm hat Sonnabendabend ein wichtiges Rendezvous. Wenn er an seine Herzdame denkt, glänzen seine Augen, in Gedanken versunken legt er eine Hand auf sein Herz. Die Angebetete ist von robuster Statur mit edler Ausstrahlung.

Foto: Susanne Holz
Klavierstimmer Siegfried Grimm am Steinway-Flügel in Reinbek.
Sie kann temperamentvoll sein, beherrscht aber auch die leisen Töne, klingt dann fast zärtlich. „Wenn ich sie höre, ist es wie Balsam auf der Seele“, schwärmt Grimm. Sein Rendezvous kommt zudem aus bestem Haus – der Steinway-Dynastie.
Denn die Dame, die den 65-Jährigen ins Schwärmen bringt, ist ein Steinway-Flügel mit dem Namen K 2/59. Siegfried Grimm, von allen nur kurz „Grimm“ gerufen, ist Klavierstimmer und zwar jener, der alle Flügel betreut, die auf dem Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) zum Einsatz kommen. K 2/59 hat es ihm besonders angetan. Der Flügel wird beim „Musikfest auf dem Lande“ auf Schloss Wotersen erklingen.
Mit dem Flügel, der das ganze Jahr über im Reinbeker Schloss steht, verbindet ihn so etwas wie eine gute, solide Ehe. „Wir kennen uns seit 22 Jahren“, sagt Grimm. Am Freitag hat der Trittauer seine langjährige „Lebensgefährtin“ für das SHMF-Konzert gestimmt. Teilnehmer des Meisterkurses von Andrzej Jasinski, Klavier, und David Geringas, Violoncello, haben um 20 Uhr ihr Können bewiesen (Kritik folgt in unserer Montagsausgabe).
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Mal stehen sie bei einem Konzert in einer kalten Scheune, mal in einem großen Festsaal. Und sie klingen immer einfach fantastisch“, sagt ihr Betreuer. Mit Beleuchtern allerdings steht der Tastenprofi auf Kriegsfuß. Ihre Scheinwerfer heizen so schnell ein, dass sich das Innenleben der Flügel verziehen kann. „Beleuchter machen einem die Stimmung kaputt“, sagt Grimm, der hören kann, ob ein Flügel auf 440 Herz oder 443 Herz gestimmt ist. Ein Zuhörer würde den Unterschied nicht hören.
Der groß gewachsene Mann mit den feingliedrigen Händen hat lange Jahre nur Klaviere verkauft, sich aber in jeder freien Minute in den hochkarätigen Werkstätten rumgetrieben, wie er sagt.
Irgendwann war klar: Grimm wollte auch Klavierstimmer werden. Sein Gesellenstück war ein 80 Jahre alter Bechstein-Flügel, der Nikolas Graf von Bernstorff, einstiger Besitzer von Schloss Wotersen, gehörte. „Den Flügel habe ich komplett auseinandergenommen“, erklärt Grimm, der als 13-Jähriger erstmals am Klavier saß. Gern wäre er selbst professioneller Pianist geworden, musste sich aber eingestehen, dass er zwar sehr gut war, aber das Talent für eine Karriere am Klavier nicht ausreichte. Als Steinway-Klavierstimmer für das hochkarätige Schleswig-Holstein Musikfestival hat er seit 22 Jahren seine Berufung gefunden. „Mehr als ein Traumjob“, wie er betont.
Die Begrüßung
Rund eine Stunde beschäftigt er sich mit einem Flügel, begrüßt jeden persönlich. Zu Beginn spielt er ein paar Akkorde, „das heißt so viel wie Hallo“, sagt Grimm und lächelt verschmitzt. Nie wird er den Moment vergessen, als er als privater Konzertbesucher auf Schloss Wotersen saß und die ersten Klavierklänge hörte. „Es gab mir einen Stich ins Herz. Diesen Klang kannte ich doch, sie musste es sein“, erzählt der Profi. In der Pause schlich er sich zum Flügel, strich über die Tasten. Und tatsächlich: Es war seine Herzdame, die K 2/59.
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