Im Adamskostüm in die Natur
Nackig durch den Sachsenwald
Mittwoch, 4. August 2010 20:05
- Von Susanne Holz
Reinbek. Dorit P. hatte in dieser Woche eine Erscheinung. Auf einer Lichtung im Sachsenwald standen plötzlich Adam und Eva – wie Gott sie schuf und das Leben sie formte.

Foto: Polizei
Selbstbewusst lädt ein Schild auf einem Parkplatz im Sachsenwald dazu ein, sich aller Kleidung zu entledigen und nackt durch die Wälder zu wandeln. Das jedoch kann teuer werden.
Adam und Eva hatten sich zudem Freunde mitgebracht, auch sie waren splitterfasernackt – bis auf feste Schuhe an den Füßen und Rucksäcke auf dem Rücken. Insgesamt waren am Dienstag vier Männer und eine Frau nackig im Sachsenwald unterwegs. „Die Konfrontation mit den braun gebrannten Gestalten kam etwas plötzlich“, erinnert sich die 57-jährige Hebamme, die mit Mann, Pferd und zwei Hunden spazieren gegangen war und ihren Namen nicht in Zusammenhang mit Anhängern der Freikörperkultur lesen möchte.
„Ich traute meinen Augen nicht. Die Gruppe lief selbstbewusst auf dem Weg und keinesfalls im Unterholz, stiefelte an uns vorbei, erwiderte unseren verdutzten Gruß“, erinnert sich Dorit P. Lachend gibt sie zu: „Man schaut natürlich sofort genau da hin, wo man eigentlich nicht hinschauen sollte.“ Das jedoch schien die unbekleideten Ausflügler keineswegs zu stören. Die zufällige Zeugin erlebte sie selbstbewusst und sich ihrer Nacktheit absolut bewusst. Auch Miriam Pfister hatte diesen Eindruck. Als die 32-Jährige in der vergangenen Woche zu ihrem Pferd nach Sachsenwaldau fuhr, stiegen auf dem Waldparkplatz in der Nähe ein Mann und eine Frau aus dem Auto – nackt. „Ich dachte zuerst, dass die Frau ein hautfarbenes Kostüm trägt. Als dann aber ein Mann hinzutrat und seine Jacke auf den Rücksitz legte, war mir alles klar“, so Pfister. Merkwürdig sei es gewesen, aber harmlos zugleich.
Dass binnen einer Woche gleich mehrere entblößte Menschen im Sachsenwald gesichtet wurden, scheint indes kein Zufall zu sein. „Zieh dich aus und sei eins mit der Natur“, steht auf einem Schild, auf dem eine Familie zu sehen ist, die im Adamskostüm den Wald erkundet. „Parkplatz für Nacktwanderer“ prangt wie selbstverständlich über dem selbst gebastelten Bild.
Die Tatsache, dass im Sachsenwald mittlerweile nicht mehr nur Hasen, Kaninchen, Rehe und Vögel der Natur freien Lauf lassen, überrascht auch Reinbeks Polizeichef Thomas Specht. Seine Kollegen hatten am Dienstag versucht, die enthemmten Naturliebhaber zu finden. Die jedoch tobten entweder im Unterholz oder hatten kein Interesse an der Konfrontation mit den Ordnungshütern. Denn das, was in den eigenen vier Wänden niemanden stört, ist im Sachsenwald genau wie auf der Mönckebergstraße in Hamburg eine Ordnungswidrigkeit – Erregung öffentlichen Ärgernisses. Selbst wenn keine sexuellen Motive hinter dem Zurschaustellen des entblößten Körpers stehen, kann es teuer werden. „Zwischen 25 und 50 Euro Strafe kostet es, wenn man erwischt wird“, sagt Manfred Eggert vom Reinbeker Ordnungsamt. Dieses Bußgeld musste er allerdings schon jahrzehntelang nicht mehr verhängen. Würde er die Nudisten auf frischer Tat ertappen, würde er zunächst darum bitten, sich Jacke und Hose anzuziehen.
Um Einzelexemplare der Sorte „nackige Naturliebhaber“ handelt es sich vermutlich jedoch nicht. Polizeichef Specht glaubt, dass sie zur Gruppe „Mensch und Natur“ (www.menschundnatur.org ) gehören könnten, aber auch andere Gruppen suchen die größtmögliche Harmonie von Mensch und Natur. So verabreden sich beispielsweise FKK-Fans nach der Arbeit im Internet (www.nacktwandern.de ) zu Touren im Sachsenwald. Dabei bleiben Anzug, Krawatte und Kostüm im Auto. Nacktheit heißt für sie, sich frei und wohl zu fühlen, frei von jeglichen Zwängen, die Sonne auf der Haut zu spüren, den zarten Hauch eines lauen Lüftchens über den Körper gleiten zu lassen. „Wir Nudisten sind davon überzeugt, dass es jeder mal ausprobiert haben muss“, sagen die Anhänger von „Mensch und Natur“. Ob bald tatsächlich ganze Busladungen nackig durch den Sachsenwald marschieren werden, bleibt abzuwarten. Dorit P. nimmt es gelassen, sagt aber auch: „So richtig knackig sahen die nicht aus.“

Abo
Printarchiv
Leserbrief
Kontakt
RSS
Preisvergleich
Leserreisen
Versicherungscheck
Energievergleich
Immobiliensuche







Günther meint:
Puistola Grottenpösch meint:
Aber unterlassen Sie bitte diesen Blödsinn mit der "Erregung öffentlichen Ärgernisses". Das ist schlicht und enfach falsch, Nacktheit an sich ist nicht strafbar. Manche Ordnungsämter verhängen Bussgelder, doch ist auch diese Praxis umstritten.
Es ist nicht Aufgabe des Staates, über korrekte Bügelfalten, züchtige Burkas und andere Kleidungsfragen zu wachen.
luke meint: