Kriminalität
Einbrüche sind Schläge auf die Seele
Montag, 1. März 2010 20:01
Reinbek. Dunkelheit umhüllt bereits die Häuser an der Prahlsdorfer Wohnstraße. Margret und Uwe Schmidt (Name von der Redktion geändert) fahren die lange Auffahrt zu ihrem Pfeifengrundstück am Feldrand hinauf. Mit prall gefüllten Einkaufstüten stapfen sie durch den Schnee zur Haustür.
Das junge Paar freut sich auf einen gemütlichen Abend. Der Kaminofen ist angeheizt. Die beiden Angestellten haben ihr neues Einfamilienhaus in den vergangenen zwei Jahren mit viel Liebe renoviert und eingerichtet. Doch als der 27-Jährige den Schlüssel ins Türschloss steckt, merkt er gleich, irgendetwas stimmt hier nicht. Die Tür ist nur leicht eingerastet. Als er den Hausflur blickt, wird aus dem mulmigen Gefühl ein Stich in die Magengrube. Der dunkle Dielenfußboden ist übersät mit Besteckkästen. „Was machen die im Flur“, fragt sich seine Frau noch, bis beide realisieren: Einbrecher haben hier gehaust.
„Überall liegt Wäsche auf dem Boden verteilt. Die Schränke stehen offen, Schubladen sind herausgerissen“, schildert die 28-Jährige das Desaster. „In dem ersten Schock habe ich mir einen Schraubenzieher geschnappt und bin damit durch die Wohnung gelaufen, während ich über Handy mit der Polizei telefonierte“, sagt sie. Die Beamten waren sehr nett und waren auch schnell zur Stelle, um Spuren aufzunehmen.

Foto: bz
Alle Schränke und Regale wurden durchwühlt.
„Der Ehering meines Mannes und die meiner Großeltern, alles ist verschwunden. Auch die Armbanduhr des Großvaters. Für die Erbstücke, an denen viele Erinnerungen hängen, würde ich sogar Lösegeld bezahlen“, sagt die junge Frau und fügt fast flehend hinzu: „Ich hoffe, sie sind noch nicht eingeschmolzen.“ Um das zu verhindern, hat sie alle Online-Auktions- und Pfandhäuser nach Bildern der Lieblingsstücke durchstöbert. Vergeblich. Aber der Verlust der Dinge sei noch nicht einmal das Schlimmste. „Viel schrecklicher ist es, mit den Gefühlen klarzukommen.“ Seit Fremde zwischen dem Esstisch mit Blick auf die Gartenterrasse, Ankleidezimmer und dem modernen Ecksofa im Fernsehzimmer gewühlt haben, spürt die sensible dunkelhaarige junge Frau deren Anwesenheit fast körperlich: „Die ersten Tage nach dem Einbruch roch es unangenehm, als hätten die die Einbrecher stark geschwitzt.“ Die Sicherheit in ihrem Nest mit den cremegelb getönten Wänden ist vorerst dahin. Die erste Nacht konnten wir gar nicht schlafen“, sagt der junge Hausherr. Sonst gingen beide regelmäßig tanzen. Doch feste Abendtermine sind gestrichen. „Wir mögen das Haus nicht mehr alleinlassen. Wenn wir weggehen, kommt meine Mutter und hütet ein.“
Eine Freundin von mir hat sich schon bei der Opferhilfsorganisation Weißen Ring erkundigt und erfahren, dass viele Einbruchsopfer sogar therapeutische Hilfen in Anspruch nehmen, um das Trauma zu verarbeiten, dass jemand in ihre Privatsphäre eingedrungen ist. Die 28-Jährige will es erst einmal mit der Hilfe von Freunden und Verwandten versuchen. „Auch die Anteilnahme in der Nachbarschaft hat mit sehr geholfen“, sagt sie. Nachdem sie 60 Zeugenaufrufe verteilt hatte, ist sie von vielen angesprochen worden, mit denen sie vorher nie ein Wort gewechselt hatte.
Inzwischen ist alles aufgeräumt. Die beiden haben sich zwei Wochen Urlaub genommen, um alles zu regeln. Auf dem Tisch liegt ein Aktenordner mit der Briefkorrespondenz. Der Ring des Opas mit der Aufschrift „MH 24.7.47“, seine Lederarmbanduhr, das Besteck Hildesheimer Rose, die goldfarbene Digitalkamera, der komplette Schmuck der Großmutter – alles ist für die Versicherung aufgelistet. „Fotos haben wir leider nicht“. Das soll sich ändern. „Wir haben alles fotografiert und für verbliebene Wertgegenstände jetzt ein Bankschließfach angemietet“, erzählen sie und hoffen, dass sie eine ähnliche Erfahrung in ihrem Zuhause nie wieder machen müssen.
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