Zwangsversteigerung
Kampf um Hausbesitz vor Gericht
Montag, 15. Februar 2010 21:08
- Von Susanne Tamm
Reinbek. Auf dem engen Flur des Amtsgerichts herrscht Gedränge. Mehr als 30 Besucher warten auf die Zwangsversteigerung eines Einfamilienhauses in Neuschönningstedt.
„Bei Versteigerungen von Einfamilienhäusern gibt es in der letzten Zeit ein starkes Interesse“, sagt Rechtspflegerin Nicole Linderkamp. Etwa 50 Gewerbeobjekte, Wohnungen und Einzelhäuser kommen in Reinbek pro Jahr unter den Hammer. An diesem Tag wittern viele ein Schnäppchen. „Der Verkehrswert des Hauses ist mit 172.000 Euro sehr niedrig angesetzt“, sagt Linderkamp. Dazu gibt es noch einen Abschlag, weil dem Gutachter die Innenbesichtigung des Hauses verwehrt wurde. Schon bei 86.000 Euro könnte deshalb der Zuschlag erteilt werden.
Obwohl das Walmdach-Haus, das 1976 auf einem 653 Quadratmeter großen Grundstück errichtet wurde, nicht mehr ganz im Zeitgeschmack liegt, lockt es bereits in der ersten halben Stunde sieben Bieter aus der Deckung. Sie geben bei Linderkamp ihr Gebot ab. Das erste ist von einem Ehepaar aus Reinbek und mit 105.000 Euro recht hoch.
„Das wäre mir zu unsicher“, kommentiert Zuschauer Holger Klein das Geschehen. „Man weiß doch nicht, wie viel renoviert werden muss.“ Der Wentorfer will sich über den Ablauf einer Versteigerung informieren, weil er sich für ein anderes Objekt interessiert. „Dass man die Sicherheit frühestens drei Tage vorher überweisen muss, wusste ich nicht.“
Doch in diesem Fall ist alles ganz anders, denn der Eigentümer, der in Berlin lebt, kennt das Haus und versucht, es zurückzukaufen. Sein 18-jähriger Sohn gibt für ihn mit 170.000 Euro das höchste und letzte Gebot ab. Doch damit hat er die Rechnung ohne die Bank gemacht. Die fürchtet, leer auszugehen, weil der Abiturient ohne Einkommen ist. Der Anwalt legt deshalb Widerspruch gegen die Zulassung des Gebots ein. Linderkamp unterbricht. Dass Widerspruch gegen ein Gebot eingelegt wurde, habe sie in zehn Jahren das erste Mal erlebt, sagt Linderkamp. Aber der Eigentümer hatte bei einem Termin vor wenigen Wochen bereits seine Tochter für eine andere Immobilie vorgeschickt, die versteigert werden sollte. Sie erhielt den Zuschlag für das große Haus in Glinde, konnte aber später nicht bezahlen. Der Gläubiger befürchtete jetzt, dass der Eigentümer aus taktischen Gründen auch diese Versteigerung verhindern wollte.
„Ich will das Haus retten“, sagt der 66-jährige Eigentümer dagegen und ist sich sicher: „Das schaffe ich auch. Bei einer Zwangsversteigerung sind die Verluste zu hoch.“ Die Schulden bei der Commerzbank seien aufgelaufen, weil er aus Gutmütigkeit seine drei Immobilien als Sicherheit für eine Firma eingesetzt hatte. „Die ist insolvent gegangen und die Sicherheit wurde in Anspruch genommen“, erläutert der 66-Jährige, der zwar einen „Riesenverlust“ gemacht habe, aber nicht mit seinem Gesamtvermögen gebürgt hatte. Jetzt gibt es ausnahmsweise zwei wirksame Gebote: Die Rechtspflegerin muss prüfen, ob sie dem Widerspruch der Commerzbank stattgibt. Wer den Zuschlag erhält, verkündet sie am kommenden Freitag, 9.30 Uhr.
Artikelkommentare abonnieren
Kommentar abgeben
Noch kein Kommentar abgegeben

Abo
Printarchiv
Leserbrief
Kontakt
RSS
Preisvergleich
Leserreisen
Versicherungscheck
Energievergleich
Immobiliensuche






