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Mördern akribisch auf der Spur

Reinbek. Professor Hans-Jürgen Kaatsch hilft, Verbrechen aufzuklären. Der 61-Jährige ist Gerichtsmediziner, wird von der Kripo gerufen, wenn es unklare Todesfälle gibt.
Professor Hans-Jürgen Kaatsch leitet die Rechtsmedizinischen Institute in Kiel und Lübeck. Hier zeigt er menschliche Knochen, die untersucht wurden.
Foto: Susanne Holz
Professor Hans-Jürgen Kaatsch leitet die Rechtsmedizinischen Institute in Kiel und Lübeck. Hier zeigt er menschliche Knochen, die untersucht wurden.
Mit seinen Patienten hält Professor Hans-Jürgen Kaatsch stumme Zwiesprache. Ihr Leiden liest er von ihren Körpern ab. Dort sieht er Würgemale, Schusswunden, Einstiche, gebrochene Knochen, blaue Flecken, ausgerissene Haare oder Verbrennungen. Der 61-Jährige ist Gerichtsmediziner, seine Patienten sind Menschen, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind oder deren Todesursache auf den ersten Blick nicht geklärt werden kann.
„Wir werden immer dann von der Kriminalpolizei gerufen, wenn beim Auffinden einer Leiche etwas unklar ist“, erklärt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an den Universitätskliniken Kiel und Lübeck, der auch für Reinbek zuständig ist. Einer der Mediziner hat immer Bereitschaftsdienst, ist rund um die Uhr erreichbar. Selbst mitten in der Nacht schnappen sich die Rechtsmediziner ihren Metallkoffer, in dem sie alles haben, was für erste Untersuchungen am Leichenfundort benötigt wird.
Amtsgericht
Foto: Anne Müller
„Mit einem Thermometer messen wir die Körpertemperatur, können daran ablesen, wann der Mensch gestorben ist. Liegt die Leiche allerdings schon mehrere Tage, hilft uns diese Methode nichts. Zudem testen wir mit Medikamenten die Pupillenreaktion“, sagt Kaatsch. Wetterverhältnisse, die Lage der Leiche und die Bodenverhältnisse sind weitere wichtige Faktoren für die Rekonstruktion des Verbrechens.
„Ich wundere mich immer, wenn Rechtsmediziner in Fernsehkrimis auf die Frage nach dem Todeszeitpunkt antworten: ,Das kann ich erst nach der Obduktion sagen’. Was wollen die denn im Labor noch alles rausfinden?“
Dass Fernsehserien wie Tatort, CSI Miami, Bones – Die Knochenjägerin oder Der letzte Zeuge mit Ulrich Mühe den Beruf des Gerichtsmediziners populär gemacht haben, merkt der erfahrene Kieler täglich, wenn junge Leute anrufen und sich für ein Praktikum bei ihm bewerben. „Viele verbinden unseren Beruf mittlerweile mit jungen, attraktiven Frauen, die wie nebenbei einen Kriminalfall lösen. Wenn ich Schülern erkläre, dass sie zunächst Medizin studieren müssen und in ihrem ersten Praktikum im Krankenhaus nur Betten aufschütteln und Essen verteilen, ist der Reiz bei einigen schnell verflogen.“
Vielen seien auch die emotionalen Härten des Jobs nicht bewusst. Leichenfundorte seien keine Plätze, an denen man sich gern aufhalte, Gewaltopfer kein schöner Anblick. Kaatsch selbst hat schon Männer und Frauen auf dem Obduktionstisch untersucht, auf die ein Täter mehr als Hundert Mal eingestochen hat. Als eine psychisch kranke Mutter im Dezember 2007 im Ort Darry ihre fünf Kinder tötete, waren es Kaatsch und seine Kollegen, die die Jungen im Alter von drei bis neun Jahren obduzierten. Um dieser Aufgabe im Sinne der Opfer gerecht zu werden, sei eine emotionale Herangehensweise irreführend. „Ich vergleiche unsere Arbeit mit der eines Chirurgen. Wenn der mit jedem Patienten mitleiden würde, könnte er im OP keine gute Arbeit machen“, erklärt Kaatsch, der nicht nur Medizin, sondern auch Jura studierte. Trotzdem gehen ihm viele Fälle auch persönlich nah, speziell, wenn Kinder betroffen sind.
Geerdet wird der Experte durch andere Tätigkeitsbereiche, die einen Großteil seiner Arbeit ausmachen. Denn auf eines legt er Wert: Ein Gerichtsmediziner hat nicht jeden Tag einen Mord auf dem Tisch. In ganz Schleswig-Holstein gibt es jährlich rund 20 Fälle, hinzu kommen rund 550 unklare Todesfälle, die vom Haus- oder Notarzt gemeldet werden. Weitaus größer ist jedoch die Zahl der Alkoholsünder, deren Blutproben in der Rechtsmedizin untersucht werden müssen. 9000 Proben werten zwei medizinisch-technische Assistenten und ein Ingenieur pro Jahr aus. Jeder, der in Reinbek, Wentorf, Wohltorf, ja im ganzen Land einen über den Durst trinkt und hinter dem Steuer erwischt wird, landet bei Professor Kaatsch als Akte auf dem Tisch.
Im toxikologischen Labor werden zudem Drogen und Medikamentenmissbräuche aufgedeckt. „Ein Büschel Haare reicht und das Suchtproblem eines Menschen liegt nach Untersuchungen vor mir wie ein offenes Buch“, sagt der Mediziner. Leugnen sei zwecklos, die Tests seien todsicher.
In den vergangenen Jahren ist die Fallzahl stark gestiegen. Das liege jedoch nicht daran, dass mehr Menschen, speziell Jugendliche, Drogen konsumieren, sondern daran, dass die Kontrollen verschärft worden seien, die Polizei sensibilisiert ist. So erkläre sich auch die gestiegene Zahl misshandelter Frauen, die in der Gerichtsmedizin untersucht werden. Viele trauten sich mittlerweile, ihren Peiniger anzuzeigen.
Ob bei Leichen, Alkoholsündern oder Gewaltopfern – für Professor Kaatsch gilt: „Ich habe kein persönliches Interesse daran, Täter zu überführen. Rechtsmediziner sind eine unabhängige Instanz. Allerdings wird unser Wissen dazu genutzt, Fälle aufzuklären.“ Und das sei mindestens so befriedigend, wie als Polizist Mördern die Handschellen anzulegen.
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