VHS Reinbek

"Unser Faust": Packender Pakt mit dem Teufel

Das VHS Theaterensemble spielt "Unser Faust" zum 30. Geburtstag des Ensembles. Ein rasantes Bühnenspektakel.

Foto: Janina Jankowski / BGZ

Das VHS Theaterensemble spielt "Unser Faust" zum 30. Geburtstag des Ensembles. Ein rasantes Bühnenspektakel.

Reinbek. Diese Premiere ist gelungen. Das VHS-Theaterensemble überzeugt in „Unser Faust“ mit Dynamik, Witz und Tempo.

Reinbek.  Reichtum, Macht, ewige Jugend. Das ist es, was Faust berauscht, wonach er strebt. „Gib mir alles, gib es mir sofort, dann frage ich nicht nach den Folgen“, ist seine Bitte an Mephisto. Dem Teufel verkauft er dafür seine Seele. Die Geschichte ist wohlbekannt. Das VHS-Theaterensemble Reinbek bringt sie anlässlich seines 30-jährigen Bestehens in einer ganz eigenen Version auf die Bühne. Dynamisch, mit Witz, Tempo und Bezügen zur modernen Alltagswelt. Der Beifall nach der Premiere von „Unser Faust“ am Sonnabend im ausverkauften Spielraum der VHS bestätigte die Inszenierung. Die 200 Zuschauer jubelten.

Spannung von der ersten bis zur letzten Minute

Keine einzige Minute verliert das Stück an Spannung, Kraft und Faszination. Die Schauspieler spielen sich in teils schrillen Kostümen und Masken mit großartigen Leistungen, Leidenschaft und Können durch Faust-Szenen der Literaturgeschichte. Diese Szenen hat die Regisseurin und Ensemble-Leiterin Brigitte Oels zu einem Stück vereint, in dem auch Humor nicht zu kurz kommt. Immer wieder ertönt Lachen im Publikum, das den Zuschauern spätestens aber in der Folgeszene im Halse stecken bleibt.

Mal erklingen Chansons, mal Elektro-Beats. Mal huschen schwarze Teufel mit roten Masken über die Bühne. Mal stehen sich der gute Engel (Ebba Huntenburg) und der böse Engel (Birgit Windmüller) gegenüber. Die Mitglieder des Ensembles schlüpfen in immer neue Rollen. Im Hintergrund flimmern Farben und Bilder über die Leinwand. Die Sounds sitzen. Dazwischen bewegen sich jeweils großartig gespielt Faust (Holger Bartsch) und ein weiblicher, blonder Mephisto (Regine von Oehsen) auf dem Weg zur Erfüllung aller Wünsche Fausts.

Zu melodischen Klängen reisen die beiden um die Welt, blicken auf die Menschen. Fausts Überlegenheitsgefühle wachsen. „Sie ekeln mich an, diese Menschen“, gibt Faust zu verstehen. „Sie sind zufrieden im Morast ihres Alltags, ihr Leben angefüllt mit Nichtigkeiten“, erwidert Mephisto, „aber auch mit Gefühlen, um die ich sie manchmal beneide.“ Doch Faust will mehr sein als sie, mehr haben, mehr wissen. Mephisto erfüllt ihm seine Wünsche.

Faust steigert sich in Ekstase

Faust steigert sich im Rausch seiner Überlegenheitsgefühle in Ekstase, in einen Wahn, dirigiert die Menschen durch Regen und Sturm, die wie Marionetten seinem Willen auf der Bühne folgen. Und mit Begeisterung schaut man ihm zu und lebt mit, wie er sich zum kleinen Gott der Welt erhebt - mit einer Discokugel in den Händen auf das Universum hinabblickt. Fragen kommen auf: Wie würde man selbst entscheiden, wenn einem der Teufel Geld, Macht und Jugend anböte? Und wie mit Geld, Macht und ewiger Jugend umgehen?

Wie zur Warnung präsentiert Mephisto im Stil einer Zirkusdirektorin im Kuriositäten-Kabinett mit glitzerndem Hut und Mikrofon die sieben Todsünden. Wie Casting-Kandidaten liefern die personifizierten Todsünden witzig-schockierende Darbietungen ab: die Trägheit (Ina Dammann), der Neid (Dominic Kock), die Gier (Wiebke Witoßek), die Völlerei (Ebba Huntenburg), der Zorn (Birgit Lemke), der Hochmut (Birgit Windmüller) und die Wollust (Chistian Dahl, Leonore Pastewka, Ina Damman).

Bunter Kostümreigen

Dennoch lernt niemand dazu. Nicht die Politiker, die sich in einer weiteren Szene vom Teufel angebotene Geldscheine in die eigenen Taschen stopfen – großartig verdeckt durch runzelige Masken. Nicht die singenden Gäste der Kneipe, die beim Wein kein Maß finden – in Jogginghosen gekleidet, im Gammel-Look oder mit Bauarbeiterhelm.

Und schon gar nicht Faust, dem ein Ärzte-Team nun auch die ewige Jugend schenkt, woraufhin er die schönste Frau der Welt Helena (Wiebke Wietoßek) für sich beansprucht. Doch schneller als er alles vollends genießen kann, klingelt auch bereits die Todesglocke. Das Höllengrab wartet. Der Genuss von Geld, Macht und Jugend waren kurz. Faust schaut in die Röhre. Und ein grandios agierender Casperle (Dominic Kock) bringt es auf den Punkt: „Ich lass euch wissen: Mit dem Teufel seid ihr echt beschissen.“

Nicht so mit dem Stück „Unser Faust“. Der Beifall hält an. „Es war eine großartige Aufführung. Eine der besten Aufführungen, die wir von dieser Truppe je gesehen haben“, sagt Peter Polland (75) aus Reinbek. „Man merkt, dass mit viel Liebe und Engagement gespielt wurde“, ergänzt seine Frau Hella Polland (74). Andere Zuschauer werfen weitere Kommentare ein wie: „Ganz toll“ oder „so professionell gemacht“. Lob, Blumen und eine Riesentorte gab es auch von der stellvertretenden VHS-Leiterin Ingrid Jensen-Hänsch. Dank auch an die Schauspielerin Ebba Huntenburg, die bereits seit 30 Jahren zum Ensemble gehört.

Alle Vorstellungen ausverkauft

Zu Brigitte Oels sagte Ingrid Jensen-Hänsch auf der Bühne: „Sie haben es geschafft, ein Aushängeschild für unsere VHS zu sein.“ Dafür hat Brigitte Oels als Gründerin des VHS-Ensembles in den vergangenen 30 Jahren mit großem Einsatz gearbeitet. Eine Fotoausstellung, die am Sonnabend in den Fluren der VHS eröffnet wurde, zeigt Bilder aus 30 Jahren Theatergeschichte. „Der Job, das ist mein Baby“, sagt die promovierte Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Brigitte Oels. „Es macht unheimlich Spaß, den riesigen kreativen Prozess in der Gruppe zu begleiten“. Ans Aufhören denkt sie nicht. Es läuft gut. Die insgesamt vier Vorstellungen von „Unser Faust“ anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Ensembles sind bereits ausverkauft.