Immobilien Kündigung: Bürohaus für Flüchtlinge entmietet

Die Gewerbeimmobilie an der Borsigstraße 22 im Reinbeker Gewerbegebiet soll zur Flüchtlingsunterkunft werden.

Foto: Anne Müller / BGZ

Die Gewerbeimmobilie an der Borsigstraße 22 im Reinbeker Gewerbegebiet soll zur Flüchtlingsunterkunft werden.

Reinbek. Der Vertrag ist bereits von der Stadt unterzeichnet. Die jetzigen Mieter sollen bis Ende Juni an der Borsigstraße ausziehen.

Reinbek.  Vor drei Jahren ist ein Geesthachter Maschinenbaumeister mit zwei Angestellten an die Borsigstraße 22 gezogen. Er hatte das barrierefreie Büro wegen einer Muskelerkrankung behindertengerecht ausgebaut. Seit Februar weiß er nun nicht mehr, von wo aus er im Sommer arbeiten wird. Denn der 49-Jährige hat die Kündigung auf dem Tisch. Wie andere kleinere Firmen und das Jobcenter als Hauptmieter, muss er zum 30. Juni raus. Dafür hat der neue Eigentümer, die Hamburger „Borsig­straße 22 GmbH & Co KG“, einen lukrativeren Mietvertrag in Aussicht. Die Stadt könnte im Büro- und Geschäftshaus 50 Flüchtlinge unterbringen. „Der Mietvertrag wurde zum 1. Juli unterzeichnet“, bestätigt Bauamtsleiter Sven Noetzel. Allerdings habe die Stadt noch eine Ausstiegsmöglichkeit, wenn das Bürohaus zum Juli nicht frei sein sollte.

Eine Maklerfirma hatte das Objekt als potenzielle Flüchtlingsunterkunft annonciert: „Die für die Unterkunft von der Stadt Reinbek geplanten Umbauten und Investitionen werden allein vom Mieter getragen“, heißt es im Exposé. Und weiter: „Sämtliche Einbauten werden in Abstimmung mit dem jeweiligen Vermieter nach Beendigung des Mietverhältnisses weitestgehend zurückgebaut und in den ursprünglichen Zustand versetzt. Die Instandhaltung geht ebenfalls zu Lasten des Mieters.“ Die Festlaufzeit würde zehn Jahre nicht unterschreiten.

Das vom Makler angepriesene Mietmodell ist lukrativ. Denn die Stadt zahlt 13,38 Euro pro Quadratmeter, was für eine Gewerbeeinheit schwer zu erzielen wäre. Die ansässigen Gewerbemieter werden derweil vor die Tür gesetzt: „Ich muss dann wohl von zu Hause aus arbeiten“, sagt der Maschinenbaumeister, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte. Ein weiterer Mieter wird ebenfalls in ein Home-Office ausweichen: „Wir ziehen uns aus Reinbek zurück“, sagt der Mitarbeiter einer Dienstleistungsfirma für EDV-Systeme, die bundesweit 80 Mitarbeiter hat. Zwei betreuen zurzeit noch von der Borsigstraße aus die Region.

Jobcenter will umziehen

Das Jobcenter hat sich als Hauptmieter bereits mit der Tatsache arrangiert. „Der Vermieter hat die Räume verkauft“, sagt Doris Ziethen-Rennholz, Leiterin des Stormarner Jobcenters. Ohnehin seien die Büros für die 45 Mitarbeiter zu klein geworden. Denn das Personal musste in Folge des Flüchtlingszustroms um acht Prozent aufgestockt werden, so Ziethen-Rennholz. 1700 Bedarfsgemeinschaften werden betreut. Dahinter stehen 2700 erwerbsfähige Leistungsempfänger. Das Jobcenter hat im Gewerbegebiet eine neue Bleibe gefunden: „Wir haben die Möglichkeit, dass jemand für uns baut und dadurch etwa 440 Quadratmeter mehr Platz zur Verfügung. Allerdings wird das bis Ende Juni wohl nicht klappen: „Wir würden gerne zum Ende des Jahres umziehen“, schätzt Ziethen-Rennholz.

Das Gebäude an der Borsigstraße wurde erst vor wenigen Monaten von dem neuen Eigentümer erworben. Laut Handelsregister ist die „Borsigstraße 22 GmbH & Co. KG“ seit 26. November 2015 eingetragen. Ihr obliegt laut Register „der An- und Verkauf, die Verwaltung und Vermietung von bebauten und unbebauten Grundstücken, insbesondere des in 21465 Reinbek, Borsig­straße 22“. Persönlich haftender Gesellschafter ist die „Hanse Realis Verwaltungs GmbH, Hamburg“.

Zum Jahreswechsel wurde die Immobilie angeboten. Im Exposé heißt es: „Nunmehr hat sich die Politik für ein Flüchtlingsheim am oben genannten Standort entscheiden. Hierzu hatte sich der Bürgermeister auf Wunsch der Sozialbehörde mit den anderen Fraktionsvorsitzenden abgestimmt, um die ,politische Windrichtung’ auszuloten.“

Viele Angebote hat im Rathaus Torsten Christ aus dem Gewerbegebiet auf den Tisch bekommen. Seit vergangenem Jahr arbeitet der engagierte Bürgeramtsleiter der Stadt mit Hochdruck daran, immer neue Unterkünfte für Flüchtlinge zu finden. Dabei werde auch auf Objekte im Gewerbegebiet ausgewichen, wie am Senefelder Ring, an der Carl-Zeiss-Straße oder auf dem Gelände des Betriebshofes. „Um die Jahreswende hätten wir sonst auf Turnhallen zurückgreifen müssen“, so Christ. Zur Borsigstraße hält sich die Stadt noch bedeckt. „Wir warten derzeit auf die weiteren Planungen“, sagt Christ. Das Bürohaus müsse ja erst einmal leer sein. Der Mietvertrag wurde in den politischen Gremien in nicht öffentlicher Sitzung verhandelt.