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Wie echt ist Bismarcks Stimme?

Reinbek. Der Sensationsfund der Bismarkstiftung ruft Skeptiker auf den Plan. In Internetforen werden Zweifel an der Echtheit der historische Tonaufnahmen von Bismarcks Stimme geäußert, sogar Vergleiche zu den "Hitler-Tagebüchern" gezogen. Die Stiftung selbst geht nach jahrelanger Forschung aber von absoluter Echtheit aus.
Foto: interfoto_rm
Es ist die historische Sensation schlechthin, mit der die Otto-von-Bismarck-Stiftung in dieser Woche an die Öffentlichkeit gegangen ist: Die Stimme von Otto von Bismarck ist, wie berichtet, wieder auferstanden – nach 123 Jahren. Es knarzt und knistert auf der alten Wachswalze, die die Mitarbeiter des Edison-Archivs in New Jersey gefunden haben und die Stephan Puille von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin entschlüsselt hat. Doch Historiker sind sicher: Es ist die Stimme des Kanzlers, der ein Gedicht aufsagt, einen Gruß an seinen Sohn Herbert hinterlässt und sogar die ersten Zeilen der französischen Nationalhymne singt.
Laien kommen deutschlandweit jedoch ins Grübeln. Kann es wirklich sein, dass ein derart altes und vor allem wertvolles Tondokument plötzlich wieder auftaucht? Sollten nicht auch die Hitler-Tagebücher eine historische Sensation gewesen sein und stellten sich später als Fälschung heraus?
Dr. Andreas von Seggern, Historiker bei der Bismarck-Stiftung, ist sicher, dass es sich bei den Tondokumenten auf keinen Fall um eine Fälschung handelt. Seit 2005 beschäftigt sich von Seggern mit dem Thema. „Geschichtsforschung ist wie ein Spiel mit Mosaiksteinen“, sagt er. Vor sieben Jahren hat er im Fotoarchiv der Stiftung das erste „Steinchen“ gefunden – das Porträtfoto eines Mannes, mit dem Datum „7.10.1889“ und der Unterschrift „Wangemann“ versehen. Zudem hat sich Wangemann im Gästebuch des Schlosses verewigt. Ein konkreter Hinweis, dem er nachgegangen ist.
Schnell hatte der Historiker aus Friedrichsruh herausgefunden, dass das Bild Theo Wangemann zeigt, jenen Amerikaner, der 1889 durch ganz Europa gereist ist, um berühmte Stimmen mit dem neu erfundenen Phonographen aufzunehmen. Da das Leben Otto von Bismarcks zum Teil minutiös der Nachwelt hinterlassen ist, lässt sich belegen, dass der Kanzler im Oktober 1889 Besuch von eben jenem Theo Wangemann gehabt hat. „Das allein ist schon eine sehr konkrete Quellenangabe“, sagt von Seggern. Dennoch forschte er noch weiter, um sich hundertprozentig absichern zu können.
Die wichtigsten Zeitungen aus der Kaiserzeit gibt es in Friedrichsruh auf Microfilm. „In wirklich allen Zeitungen, auch in denen, die kritisch über Bismarck berichteten, war von diesem Besuch zu lesen.“ Auch die Bergedorfer Zeitung berichtete am 10. Oktober 1889 in anderthalb eng bedruckten Spalten über das historische Ereignis.
Die letzte Gewissheit hatte der Stiftungsmitarbeiter, als er im Nachlass einen Brief von Johanna von Bismarck, der Frau des Kanzlers, an ihren gemeinsamen Sohn Herbert gefunden hatte. Darin berichtet sie über die Vorführung der Wachswalze, die auch sie sehr beeindruckt hat. „Die Tatsache, dass Theo Wangemann auf Friedrichsruh war, um seine neue Erfindung vorzuführen, können wir also zu 99,9 Prozent belegen“, so von Seggern. Doch wie echt und glaubhaft sind nun die Tondokumente, die den Besuch belegen sollen?
„Wir gehen davon aus, dass die Tondokumente echt sind“, so der Historiker. Zum einen, weil die Dokumente aus dem seriösen Edison-Archiv stammen und eben nicht – wie bei den Hitler-Tagebüchern der Fall – urplötzlich aus einer völlig fremden Quelle auftauchen. Zum anderen, weil versierte Techniker versichern, dass man diese Wachswalzen schwer bis gar nicht fälschen könne. „Die Walzen wurden Stephan Puille aus Amerika zudem leer übergeben. Er musste sie mühevoll entschlüsseln. Wenn man eine Fälschung vorlegen wollen würde, würde man doch die Stimme mitliefern“, betont von Seggern. Eine Fälschung hält er bei Betrachtung aller Aspekte für ausgeschlossen.
Die Stimme des Kanzlers und Fürsten aus dem Sachsenwald hat in den vergangenen Tagen nicht nur deutschland-, sondern weltweit für Furore gesorgt. Deshalb hat sich die Stiftung spontan entschlossen, dem Thema eine ganze Matinee zu widmen. Am 26. Februar, 11 Uhr, wird der erfolgreiche Forschungstechniker Stephan Puille aus Berlin erklären, wie er der Wachswalze die Stimme des Kanzlers entlockt hat. Die Historiker der Stiftung werden ihren Teil der Forschung präsentieren. Beides zusammen hat das Geschichtsbild zumindest in einem Punkt gerade gerückt: Otto von Bismarck hatte keine „Fistelstimme“, wie über mehr als hundert Jahre immer wieder behauptet wurde.
1 Kommentar
Plumperquatsch meint:
Ich glaube nicht, dass es sich um eine Fälschung handelt. Warum sollte man so eine Nebensächlichkeit fälschen? Sowas führt doch nur bei denen zu Jubelschreien, die sich Preußens Glanz und Gloria zurückwünschen. Eigentlich ist das nur ein langweiliges Tondokument einer bekannten Persönlichkeit, von der bislang (wie ich vermute) keines vorliegt.

Das ändert aber die Zeitgeschichte nicht. Das ist auch keine historisch wichtige Rede, die da aufgezeichnet wurden, sondern eher Firlefanz. Fälscher würden sich da schon etwas besseres einfallen lassen. Mit sowas lockt man nur Bismarck-Fans hinter dem Ofen hervor, die anderen 99,9999% der Bevölkerung interessiert das herzlich wenig.

Was seine Fistelstimme betrifft, finde ich die Argumentation drollig. Die einzige wissenschaftlich fundierte Aussage, die damit gemacht werden kann ist: Um den 10.Oktober 1889 herum sprach jemand diesen Text auf die Wachsrolle, auf der der Name von Bismarck zu finden ist. Ob das nun tatsächlich Bismarck war oder jemand anderes (Privatsekretär? Adjudant?) kann nicht geklärt werden. Und ob Bismarck sich besonders bemüht hat, mit tiefer Stimme zu sprechen, anstatt wie sonst eher fistelig, weiß man auch nicht. Es kann auch sein, dass sich seine Stimme vor diesem Zeitpunkt höher angehört hat oder danach. Mit welchen Quellen ist denn diese Fistelstimme belegt? Von wann sind die?

Die Fistelstimme (von der ich heute zum ersten Mal höre, aber ich bin auch kein Bismarck-Fan-Boy) ist aber immer noch weder be- noch widerlegt.

Aber der Vergleich mit den Hitler-Tagebüchern ist dennoch passend. Auch da haben sich ja plötzlich alle dafür interessiert, wann der Adolf Mundgeruch hatte oder wie sein Stuhlgang war. Aber heute ist es ja auch eine Meldung wert, welche Unterhose Beckham trägt oder was Lady Gaga gestern gegessen hat. Daher kann man dem Otto seinen späten Ruhm ruhig gönnen. ^^

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