Schauprozess
Das Amtsgericht bremst "Emma Drängler" aus
Sonntag, 29. Januar 2012 19:14
- Von Susanne Holz
Reinbek. Theater beim Tag der offenen Tür am Amtsgericht. Staatsanwälte, Richter, aber auch andere Mitarbeiter des Amtsgerichtes waren in verschiedene Rollen geschlüpft, um Interessierten einen möglichst realistischen Gerichtsprozess zu präsentieren. Zusätzlich informierten gestern die Polizei, die Schuldnerberatung, der Anwaltsverein und Opferschützer über ihre Arbeit und Angebote.
Damit hatte Emma Drängler wohl nicht gerechnet. Ihr flotter Mini Cooper wird
die nächsten acht Monate in der Garage stehen bleiben, ihr Führerschein ist
exakt so lange einkassiert. Zudem muss sie 40 Tagessätze zu je 40 Euro
bezahlen. Das tut weh, zumal die 22-jährige Barfrau nicht mehr als 1200
netto mit ihren Thekeneinsätzen monatlich verdient. Weder die Staatsanwältin
noch die Richterin wollten gestern im Amtsgericht Reinbek glauben, dass Emma
Drängler den Mofafahrer Peter Klein aus Notwehr auf der Hamburger Straße
ausgebremst und ihm an der nächsten Ampel Reizgas in die Augen gesprüht hat.
Da nützte selbst das schauspielerische Talent von Emma Drängler nichts, die
gekonnt von Sarah Kümmel in Szene gesetzt worden war. Denn die gesamte
Gerichtsverhandlung in Saal 107 war nichts als Theater. Echte Staatsanwälte,
Richter, aber auch andere Mitarbeiter des Amtsgerichtes waren in
verschiedene Rollen geschlüpft, um den Besuchern beim „Tag der offenen Tür“
– organisiert von der stellvertretenden Amtsgerichtsdirektorin Heike
Meistering – einen möglichst realistischen Gerichtsprozess zu präsentieren.
Und selbst die zahlreich erschienenen Zuschauer mussten mitspielen. Als „Im
Namen des Volkes“ das Urteil vorgelesen wurde, standen alle – wie im echten
Leben – auf. Am Ende gab es, anders als sonst in den Gerichtssälen,
allerdings Applaus. „Wir wollen hier nicht Barbara Salesch nachspielen, wir
wollen zeigen, wie es wirklich im Gericht zugeht“, sagte Richterin Ute
Schulze-Hillert.
Zahlreiche Besucher nutzten gestern die Gelegenheit, um hinter die Kulissen
des Gebäudes zu schauen, dass die meisten nur von außen kennen. „Viele
Bürger denken, dass hier nur Menschen verklagt werden“, sagte Dr. Ole
Krönert, Präsident des Landgerichts Lübeck, bei der Begrüßung. Er freue
sich, dass das Amtsgericht Reinbek mit seiner öffentlichkeitswirksamen
Veranstaltung beweise, dass es sehr viel mehr leiste als das. Das
Grundbuchamt, Erbfälle oder das Betreuungsrecht – all das gehöre dazu.
Zusätzlich präsentierten sich gestern die Polizei, der Weiße Ring, die
Schuldnerberatung Sönke-Nissen-Park-Stiftung, der Anwaltsverein und der
Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“ sowie der Betreuungsverein Stormarn.
Die niedrige Hemmschwelle ermunterte viele Besucher auch ungewöhnliche Fragen
zu stellen. Ob man als Internet-Nutzer automatisch Mitglied des Netzwerkes
facebook sei, wollte beispielsweise ein älterer Herr wissen.
Polizeihauptmeisterin Beate Schlemminger und Kriminalkommissarin Imke Pahl
konnten ihn an ihrem Infostand beruhigen. „Wir haben ihm gesagt, dass man
sich dort anmelden muss. Da war er beruhigt“, sagte Schlemminger.
Für das Thema Betreuung interessierte sich das Ehepaar Christel und Hartmut
Didschuns, das seine ganz eigenen privaten Erinnerungen an das Amtsgericht
mitbrachte. „Früher war das Amtsgericht ein Kinderheim. Mit den Jungs, die
hier lebten, habe ich Fußball gespielt. Meine Cousine wurde hier geboren,
als das Gericht noch ein Krankenhaus war“, erinnert sich der 72-Jährige.
Auch heute kann das Amtsgericht noch Geschichten erzählen. „Dort, wo die
Prozesse abgehalten werden, roch es vor wenigen Tagen noch nach Glühwein.
Wir feiern hier immer Weihnachten“, plauderte Amtsgerichtsdirektor Bernd
Wrobel in seiner Begrüßungsrede aus dem Nähkästchen.
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