Beruf
Rasche Kündigung bei Kinderwunsch
Mittwoch, 18. Januar 2012 18:23
- Von Susanne Holz
Reinbek. Arbeiten in Pflegeberufen lässt sich schwer mit Familienplanung vereinbaren. Durch familienfeindliche Arbeitsbedingungen verlieren Arbeitgeber qualifiziertes Personal. Im Reinbeker Kursana-Haus fordert man Lösungen.

Foto: Susanne Holz
Maria Helena Cammaus, Direktorin des Kursana-Hauses Reinbek, und Pflegedienstleiterin Berrit Knoop bei der Planung.
Der perfekte Pflegedienstmitarbeiter ist hoch engagiert, hervorragend ausgebildet, gut organisiert, einfühlsam, behält auch bei größtem Stress einen kühlen Kopf und seine herzliche Ausstrahlung und ist im Dienstplan flexibel einsetzbar. Während die erstgenannten Anforderungen zahlreiche Bewerber von Haus aus mitbringen oder sich in Fortbildungsseminaren aneignen, sieht die Sache beim Stichwort „Flexibilität“ schon anders aus. „Wir versuchen ein sehr guter Arbeitgeber zu sein, legen viel Wert auf die Ausbildung und die Fort- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter“, sagt Maria Helena Cammaus, Direktorin des Kursana-Hauses in Reinbek. Jedoch: „Sobald unsere Mitarbeiterinnen in die Familienphase einsteigen, sind sie quasi für uns verloren“, weiß auch Pflegedienstleiterin Berrit Knoop. Familie und ein Pflegeberuf – das gehe kaum zusammen.
Die 60 Senioren, die in der Villa an der Schönningstedter Straße leben, werden derzeit von 54 Mitarbeitern betreut. Mehr als Zweidrittel von ihnen sind Frauen. Sobald sie sich entschließen, Kinder zu bekommen, dreht sich im Kursana das Personalkarussell. Denn ein Wiedereinstieg in den Beruf ist bei den Arbeitszeiten kaum möglich. „Die meisten möchten gern von 9 bis 14 Uhr arbeiten. Aber wer macht dann um 6 Uhr das Frühstück für unsere Bewohner, die meist schon um 8 Uhr essen möchten?“, sagt Maria Helena Cammaus. Man versuche, den Wünschen der Mitarbeiter entgegenzukommen, nicht immer gelinge das. Um Pflegekräfte langfristig ans Haus binden zu können, müssten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, sagt Cammaus. Starre Betreuungszeiten in Kindergärten torpedierten jeden Personalplan.
Die Dussmann-Gruppe, zu der die Kursana-Häuser gehören, hat das Problem erkannt und bietet in Berlin und Wetzlar Kindergärten in der Nähe oder auf dem Gelände großer Firmen an. Am Unfallkrankenhaus Berlin gibt es einen „Kulturkindergarten“, in dem 80 Kinder betreut werden. Ein Angebot, das den dortigen Pflegekräften zugute kommt.
„Für dieses Konzept sehen wir bundesweit Bedarf“, sagt Michaela Mehls, Sprecherin der Dussmann-Gruppe. Ein Vorbildprojekt für ganz Deutschland nennt Steffen Ritter, Pressesprecher des Arbeitgeberverbandes Pflege, die 24-Stunden-Betreuung für Kinder. Weil derartige Angebote noch die Seltenheit sind, werden immer wieder Pflegemitarbeiter gesucht.
Für die Kursana-Häuser selbst werden seit längerem auch Frauen und Männer aus Lettland, Rumänien und der Slowakei angeworben. Sie lernen auf Kosten des Unternehmens Deutsch, werden in der hauseigenen Akademie in Erfurt ausgebildet und dann in ganz Deutschland beschäftigt. Maria Helena Cammaus ist auch für außergewöhnliche Wege offen, wenn am Ende ein qualifizierter Bewerber in Reinbek eingestellt werden kann. Sie hat beim „Speeddating“ des Arbeitsamtes mitgemacht. Bei einer Bewerberin hat es „gefunkt“ – sie wurde sofort für die Villa Reinbek eingestellt.
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