Nacktwanderer
Naturverbunden und hart im Nehmen - Bis 18 Grad nackig unterwegs
Freitag, 7. Oktober 2011 21:29
- Von Susanne Holz
Reinbek. Auf einem Parkplatz in Ohe haben sich Sonja, Michael und Dieter das erste Mal nackt gegenübergestanden. So, wie Gott sie schuf und das Leben sie formte.

Foto: privat
Mit blankem Po und Rucksack auf dem Rücken präsentieren sich die Nacktwanderer im Sachsenwald. Viele Spaziergänger nehmen es gelassen, andere schauen stur nach vorn.
Die schützende Kleiderhülle war gefallen. Zum Vorschein kamen Hüftgold, Winterröllchen, Muttermale und all das, was im Alltag immer im Verborgenen bleibt. „Die ersten zehn Minuten waren komisch. Dann hatten wir es vergessen, dass keiner mehr was an hat“, erinnert sich Sonja. Die 44-Jährige und ihre zwei Mitstreiter gehören zu einer wachsenden Zahl von Menschen, die es genießen, nackt zu wandern. Mittlerweile beendet die bis zu 15 Teilnehmer große Gruppe ihre zweite Nacktwander-Saison. Bevorzugte Gebiete im Norden: Der Sachsenwald, die Lüneburger Heide und die Gegend rund um Pinneberg. Die Sonne auf der Haut spüren, den Wind in den Haaren, den Elementen unmittelbar ausgesetzt – für sie gibt es nichts Schöneres.
Im vergangenen Jahr sorgten sie im Sachsenwald für Furore, als sie nur mit Schuhen an den Füßen und einem Rucksack auf dem Rücken die schöne Natur genossen. Verdutzt rieben sich andere Spaziergänger die Augen, konnten nicht glauben, was ihnen die Anhänger der Freikörperkultur (FKK) ohne jede Scham präsentierten (wir berichteten). „Die meisten fragen, ob uns etwas geklaut wurde oder ob das jetzt die neue Mode sei, sie nehmen das locker. Nur einige schauen angestrengt nach vorn, wenn wir ihnen begegnen“, sagt Michael (49). Der Hamburger ist Ingenieur und möchte auch nach der zweiten offiziellen Wandersaison im Sachsenwald lieber anonym bleiben. Er ahnt, dass einige Bekannte und Freunde mit Unverständnis reagieren würden, wüssten sie von seinem ungewöhnlichen Hobby.
Ihre Vorliebe und ihren Nachnamen behält auch Sonja lieber für sich. Die 44-Jährige entdeckte den Reiz der Nacktheit erstmals auf Teneriffa für sich. Während andere Touristen in Shorts und T-Shirt die Gegend erkundeten, genoss sie textilfrei die Zeit in ihrem Ferienhaus. Unbeobachtet von fremden Blicken fühlte sich das Leben plötzlich ganz anders an.
Neugierig geworden besuchte sie dann in Hamburg einen FKK-Stammtisch. Die erste Kontaktaufnahme fand übrigens angezogen statt. „Schnell hatten wir die Idee, nach Feierabend nackt zu wandern“, erinnert sie sich. Mittlerweile trinken sie auch ihr Bier in der Stammkneipe erst, wenn alle Kleider ordentlich auf dem Stapel liegen.
Dieter Gräwe (56) aus Glinde hat schon als Kind mit seinen Eltern die Ferien nackt am Strand verbracht. Wildfremde Menschen außerhalb der Sauna im Adamskostüm zu sehen, ist für ihn nichts Besonderes mehr. Dafür, dass sich meist Männer gern ihrer Kleidung entledigen, hat Sonja, eine der wenigen Damen in der Szene, eine Erklärung: „Frauen hadern sehr oft mit ihrem Körper, finden sich nicht schön, zu faltig oder dick. Mir tut es gut zu sehen, dass andere auch nicht perfekt sind. Ich fühle mich in meiner Haut mittlerweile sehr wohl.“
Auch in alltäglichen Dingen hat es ihr geholfen, die eigenen Hemmschwellen zu überwinden. Steht die Diplom-Kauffrau als Rednerin vor einer Gesellschaft, die hauptsächlich aus Männern besteht, stärkt es ihr Selbstbewusstsein zu denken: „Wenn ihr wüsstet, was ich in meiner Freizeit mache.“
Für die drei würde ein Traum in Erfüllung gehen, gäbe es im Sachsenwald einen offiziellen Naturisten-Stieg wie in Wippra im Harz. Also einen Bereich im Wald, in dem das Nacktwandern nicht nur toleriert, sondern ausdrücklich erlaubt ist. Eine Anfrage an das Haus der Familie von Bismarck verlief jedoch nicht Erfolg versprechend. Man würde es begrüßen, wenn sie angezogen durch den Wald spazieren würden, antwortete der Graf persönlich.
In den kommenden Wochen wird die Gruppe dieser Aufforderung gern nachkommen. „Wir wandern nur bis 18 Grad. Dann wird es zu kalt“, erklärt Michael. Die Lösung: Er und seine Mitstreiter treffen sich zum Kegeln – nackt. Ein kleines Problem hat damit nur der Gastwirt, wenn er die Getränke serviert. Denn irgendwie sehen ohne Kleider alle ähnlich aus.
Die Nacktwanderer sind über die Internetseite www.fkk-freun.de oder per Mail nacktivitaeten@graekoe zu erreichen.

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Hans-Werner meint:
du bist ein armer Mensch.
Schon mal was von Toleranz gehört?
Michael meint:
auch Nackte sind nur Menschen und keineswegs perfekt.
Ich kann meine Mitmenschen sehr gut einschätzen.
Es gibt unter ihnen einige die unsererem wunderschönen Hobby sicher feindlich gegenüber stehen. Andere wissen sehr wohl davon und auch dort lag ich mit meiner Einschätzung richtig. Mit Verklemmtheit hat das nichts zu tun, eher mit Stressvermeidung. Ich sehe darin kein Widerspruch.
Und ein wenig Selbstbewußtsein braucht man schon dazu.
Zunächst muß man erstmal den eigenen Körper so akzeptieren wie er ist. Auch wenn es wirklich nur zu sehr wenigen Begegnungen kommt, braucht man dazu Selbstvertrauen. Die meisten werden sich das nicht trauen. Wir wollen niemanden provozieren, aber verstecken wollen wir uns auch nicht.
Übrigens:
Freiheit fängt im Kopf an und fühlt sich auf der Haut auch gut an.
gisela meint:
Auch Nackte können zeimlich verklemmt sein...