05.12.09

Hippotherapie

Heilsamer Galopp bringt Muskeln auf Trab

Reinbek. "Jetzt Galopp!" ruft Julia und löst auf "Samsons" breitem Rücken vorsichtig eine Hand vom Longiergurt, um ihrer Mutter Birgit Lentz am Rande der Reitbahn zuzuwinken. Vor einem Jahr noch wäre es der Sechsjährigen, die das Down-Syndrom hat, nicht möglich gewesen, allein das Gleichgewicht zu halten. Von Ilka Schröter

Doch die wöchentlichen Therapiestunden bei Ute Kording-Gagern auf Gut Silk zeigen Wirkung. Logopädie, Psychomotorik, Schwimmen - die Schwarzenbekerin hat einen vollen Terminkalender, und nicht immer löst das Freudenstürme aus. "Nur zur Hippotherapie geht sie ohne Murren", sagt Birgit Lentz lächelnd. "Sie kann es dann kaum erwarten, wieder auf Samson zu sitzen."

Dass Julia jetzt so vergnügt und mit wackelndem Kopf auf dem gutmütigen Wallach im Kreis durch die Halle trabt, grenzt an ein Wunder. Birgit Lentz: "Wie so häufig bei der Diagnose Trisomie 21, ist unsere Kleine mit einem Herzfehler zur Welt gekommen." Anfangs hätten ihr die Ärzte nur fünf Monate gegeben, "jetzt besucht sie sogar die erste Klasse einer Regelschule, mag am liebsten Musik und Deutsch". Die Schwarzenbekerin hofft, dass ihre Tochter noch einige Zeit ohne künstliche Herzklappe auskommt, da das Material nicht mitwächst und nach jedem größeren Entwicklungsschub eine erneute Operation notwendig wäre. "Aber wenn ich sehe, wie fit sie heute ist, bin ich guter Dinge."

Durch das Reiten hat Julia auch die nötige Balance zum Fahrradfahren trainiert. "Eine tolle Entwicklung", meint Ute Kording-Gagern (51), die gelernte Physiotherapeutin ist und 2004 die Zusatzqualifikation zur Hippotherapeutin beim "Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten" erlangte. Sie erinnert sich: "Bei den ersten Treffen musste ich hinter dem Mädchen auf Samson steigen und sie festhalten, und meine Mitarbeiterin ging mit sogenannten Langzügeln hinter dem Pferd her und steuerte es." Das entspräche dann eigentlich der klassischen Hippotherapie, "Julia hat so schnell Fortschritte gemacht, dass sie in sechs Monaten vielleicht sogar ohne Longe reiten kann".

Etwas langsamer lässt es Bettina Seifert angehen. Die 45-Jährige erlitt vor zwei Jahren eine Hirnblutung, ist seitdem halbseitig gelähmt. "Zuerst konnte ich mich ausschließlich im Rollstuhl fortbewegen, jetzt brauche ich nur noch einen Stock", sagt sie. Seit einem Jahr steigt die Aumühlerin regelmäßig aufs Pferd - keine einfache Angelegenheit, wenn die linke Körperhälfte nur eingeschränkt auf Befehle des Gehirns reagiert. Aber mithilfe eines Podests an der Bande kann sie ihr Bein über Samsons Rücken schwingen. "Ich bin froh, wenn das Pferd nur im Schritt und Frau Kording-Gagern nebenher geht und meine Haltung korrigiert", gibt Bettina Seifert zu. "Das kam mir zu Anfang ja schon schnell vor, weil ich mich so an mein eigenes Schneckentempo gewöhnt hatte." Der Hippotherapie sei es zu verdanken, dass sie ein Gefühl für eine normale Fortbewegungsgeschwindigkeit wiedererlangt habe. Außerdem würden dabei alle Muskeln bewegt und gedehnt. Ute Kording-Gagern: "Der Schritt des Pferdes ähnelt dem des Menschen. Vor allem bei Halbseitenlähmungen ist die Erfahrung der Beidseitigkeit des Gehens für die Patienten eine wichtige Erfahrung." Der Reiter müsse 100 bis 120 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute mit seinem Körper ausbalancieren, Arme und Beine, Gesäß und Rumpfmuskulatur würden angesprochen - "sehr gut auch bei Rückenschmerzen".

Leider zeigen sich die Krankenkassen trotz Wirksamkeit wie bei vielen alternativen Heilmethoden nur sehr selten zur Kostenübernahme bereit. Für eine halbe Stunde Hippotherapie berechnet Ute Kording-Gagern 40 Euro - davon müssen ihr Gehalt und das des Langzügelführers sowie Stall- und Futterkosten beglichen werden. "Zu diesem Beruf gehört eine Menge Idealismus", sagt die Reinbekerin.

Sie fühlt sich besonders den Kindern in der Reha-Klinik Geesthacht verbunden, wo ihre damals siebenjährige Tochter nach einem Autounfall im Jahr 2003 mehrere Monate verbringen musste. Der dortige Round Table und der Lady Circle Reinbek (heute und morgen auf dem Reinbeker Weihnachtsmarkt) sammeln Spenden, um kleinen Patienten die heilsame Bewegung auf dem Pferd zu ermöglichen. Ute Kording-Gagern: "Auf der Pflegestation befinden sich zurzeit zwei Kinder, denen Stiftungen einen Therapieblock finanzieren würden. Mir fehlen bloß Freiwillige, die die Hin- und Rückfahrt übernehmen."

Wer dazu bereit ist, erhält Auskunft unter Telefon (040) 722 28 21 oder im Internet: hip potherapie-kg@web.de .

"Wenn ich sehe, wie fit sie heute ist, bin ich guter Dinge."

Birgit Lentz, Julias Mutter

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