Schriftgröße: A A A
Logo der Bergedorfer Zeitung
http://www.bergedorfer-zeitung.de/printarchiv/glinde/article38496/Wenn_die_Erziehung_ueberfordert.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Wenn die Erziehung überfordert

Kinderhaus der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) leistet Hilfe im Hintergrund.
Für Nadine Meyer (Name geändert) hat sich ein Traum erfüllt: Die Hauptschulabsolventin hat einen Ausbildungsplatz als Friseurin ergattert. Keineswegs selbstverständlich - vor allem, wenn man ihre Lebensgeschichte kennt. Doch dem Mädchen und ihrer allein erziehenden Mutter wurde von einer Einrichtung geholfen, die eher im Hintergrund arbeitet: dem Südstormarner Kinderhaus. "Wir sind froh, dass sie es geschafft hat", sagt Matthias Richter, Geschäftsführer und pädagogischer Leiter der Einrichtung, die von der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) betrieben wird.
Es ist ein schlichtes, zweistöckiges Haus am Schlehenweg, mit Schaukel, Wippe und Klettergerüst im Garten. Dieser Rückzugsort bietet 16 Kindern ab dem Grundschulalter Halt. Sechs Mitarbeiter, Erzieher und Sozialpädagogen, sorgen dafür, dass die Kleinen Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und Raum zum Spielen bekommen.
Was vielen selbstverständlich scheint, hatte Nadine nicht. Richter erinnert sich daran, dass sie mit acht Jahren im Kinderhaus aufgenommen wurde. Ihre Mutter hatte zuvor Hilfe beim Beratungszentrum Südstormarn und beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) gesucht: Denn Nadine hatte ihr anvertraut, dass sie drei Jahre zuvor sexuell missbraucht worden war. Die Glinderin, die mit ihrer Tochter von Hartz IV lebte, hatte in ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren, litt an psychischen Problemen.
Doch beim ASD habe man schnell gemerkt, dass Nadine und ihre Mutter nicht nur therapeutische Hilfe benötigten. "Nadines Mutter war mit der Erziehung überfordert. Deshalb kam ihre Tochter zu uns."
Therapien erhielten Mutter und Tochter im Beratungszentrum der SVS. Nach der Schule ging Nadine ins Kinderhaus, in den Ferien bereits morgens. So konnte ihre Mutter sich auf ihre Krankheit konzentrieren. Das Mädchen durfte einfach Kind sein, brauchte nicht darauf zu achten, dass der Kühlschrank gefüllt oder die Katze versorgt war. Gerade bei psychischen Schwierigkeiten werden Rollen in der Familie oft vertauscht: Die Kinder müssen unangemessen hohe Verantwortung übernehmen.
Gleichzeitig führte Nadines Mutter Gespräche im Kinderhaus, die sich allein um Fragen der Erziehung drehten. "Da ging es um Streitereien wegen der Ordnung oder über das Taschengeld", erzählt Richter. "Viele Eltern wissen nicht mehr, wie Erziehung funktioniert. Sie schwanken zwischen extremer Freiheit und Strenge." In anderen Familien hapere es auch an grundlegenden Dingen: an der Essensversorgung - besonders zum Monatsende - oder an der Hygiene, aber auch am Umgang miteinander. Wenn ein Kind am Tisch sitzt und einfach "Trinken!" schreit, bringen die Betreuer ihm bei, dass das anders läuft. "Erziehung erfordert Ausdauer", sagt Richter. Wo diese fehle, sprängen er und sein Team ein.
Bei Nadine hat es geklappt. Sie schaffte es in die Hauptschule, obwohl sie erst die Förderschule besuchen sollte. Im Alter von 13 Jahren wollte sie dann nicht mehr ins Kinderhaus kommen. Wie viele andere in der Pubertät wollte sie mehr Freiheit statt des stabilen Rahmens, den ihr das Haus bot. Nadine und ihre Mutter kamen noch etwa ein halbes Jahr lang zu Erziehungsgespräche. "Wir haben dieser kleinen Familie unter schwierigen Verhältnissen das Zusammenleben ermöglicht", stellt Richter fest.(st).

nach oben
© Bergedorfer Zeitung 2008