Schriftgröße: A A A
Logo der Bergedorfer Zeitung
http://www.bergedorfer-zeitung.de/printarchiv/geesthacht/article61293/Pro_und_contra_Ganztagsschule.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Pro und contra Ganztagsschule

Geesthacht. "Gebundene Ganztagsschule oder offene?" Diese Frage beschäftigt jetzt alle Eltern, deren Kind in die fünfte Klasse kommt. Wie berichtet, sollen Realschule und Oberstadtschule im Sommer zur Gemeinschaftsschule mit verbindlichem Ganztagsbetrieb werden.
Dagegen hat sich Protest von Eltern formiert. Und auch beim Infoabend der Schule am vergangenen Freitag wurde deutlich: Viele Eltern befürworten die Ganztagsschule, aber nur auf freiwilliger Basis.
"Es stört mich ungemein, dass die Ganztagsschule für alle verpflichtend sein soll", sagt Claudia Ruske-Sziedat. Nun werde sie ihren Sohn Eugen möglicherweise in einer Wentorfer Schule anzumelden. "Uns bleibt kein Familienleben mehr", fürchtet auch Martina Bruhn. Ihre Tochter Michelle (10) bekomme nachmittags Lerntherapie und gehe zweimal wöchentlich um 15 Uhr zum Sport. "Wo sollen wir das denn noch unterbringen?" Sabine Jordan, die mit ihrem Sohn Niklas (9) ebenfalls in der Mensa sitzt, hat sich auch schon über die Gesamtschule und das Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) informiert. "Am OHG hätte Niklas nur einmal in der Woche einen achtstündigen Tag, das ist deutlich weniger als hier". Bedenken auch bei Britta Radzuweit: "Jeden Tag bis 16 Uhr Unterricht, das ist für Fünftklässler ein sehr langer Tag", sagt die Mutter, die selbst drei Tage in Vollzeit arbeitet. An diesen Tagen würde sie eine Nachmittagsbetreuung für ihre Tochter Selina (10) begrüßen, an den anderen beiden hätte sie Selina gerne früher zu Hause. "Schön, wenn die Ganztagsschule ein Kann wäre und kein Muss", so Britta Radzuweit.
Jens Dürkop vom Schulelternbeirat der Realschule hält dagegen: "Wir brauchen die gebundene Ganztagsschule, damit das deutsche Schulsystem seinem Bildungsauftrag gerecht wird". Gisela Ahlborn, Lehrerin an der Oberstadtschule, sieht das genauso: "Die Ganztagschule ist europäischer Standard. Und eine einmalige Chance für Kinder, Unterstützung beim Lernen zu bekommen und ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten."
Auch die Schulleiter Klaus Krüger und Anke Schmidt mit dem Starterteam der Gemeinschaftsschule machen dies in ihrer Präsentation deutlich. Unterricht bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr, unterbrochen von Sport- und Kreativangeboten, Mittagspause, individuelle Lernkonzepte für jeden Schüler, Beratung durch den Schulsozialarbeiter Willi Blum, eine Hausaufgabenbetreuung - und das alles kostenlos. Eine wichtige Entlastung für Familien, sagt die Realschulleiterin Sabine von Borstel: "Denn dass ein Kind in der fünften Klasse zu Hause eine Rundumbetreuung erfährt, ist heute die Ausnahme".
Gleich im Anschluss kommt trotzdem die Kritik einer Mutter: "Sind sie sicher, dass alle Eltern die verbindliche Ganztagsschule wollen?" Antwort von Realschulleiter Krüger: "Sie haben die Wahl, können Ihr Kind zur Gesamtschule schicken oder auf eine andere Schule im Umland". Eine Antwort, die der Fragerin nicht gefällt - sie verlässt die Veranstaltung erbost. Doch es gibt auch Applaus, als Krüger sagt: "Darüber will ich hier heute Abend nicht diskutieren." In der Tat ist die Entscheidung schon gefallen - in den politischen Gremien der Stadt und beim Land Schleswig-Holstein. "Wo waren diese Eltern, als wir vor zwei Jahren mit der Planung begannen?", fragt Gerhard Boll, Lehrer der Realschule, erstaunt.

nach oben
© Bergedorfer Zeitung 2008