Bücherhalle
Unsittliches kam nicht in die Regale
Samstag, 26. September 2009 04:00
- Von Anne K. Strickstrock
Die Bergedorfer Bücherhalle wird 100 Jahre alt - und hat bewegte Zeiten hinter sich.
Er bat die "hochwohlgeborenen" Bürger um Spenden: Wilhelm Kreyenburg, Leiter der Mädchenschule an der Brauerstraße, gründete vor 100 Jahren den Verein "Oeffentliche Bücherhalle Bergedorf". Dazu nahm er Bergedorfs einst größten Arbeitgeber, die Bergedorfer Stuhlrohr-Fabrik, in die Pflicht: Direktor Rudolf Sieverts spendete 1000 Mark, was etwa dem Tageslohn von 250 Arbeitern entsprach. Das war der Grundstein für Bergedorfs erste Bücherhalle, die im Haus der Sattlerei Carl Nürnberger in der damaligen Neuen Straße 9 (heute: Neuer Weg, hinter dem Penndorf-Haus) eröffnet wurde: Am 1. Oktober 1889 waren immerhin schon 4700 Bände im Bestand, die von der ersten Festangestellten, Fräulein Martha Altschwager, verwaltet wurden.
Es standen Klassiker wie die Nesthäkchen-Romane, Gullivers Reisen oder die 'Flusspiraten am Mississippi' in den Regalen. "Alles sittlich Gefährliche, alles ästhetisch Ungesunde, aber auch alles politisch Aufreizende" hatten die ehrenamtlichen Helfer aussortiert. So jedenfalls war es den drei großen Kisten zu entnehmen, in denen Historiker Dr. Geerd Dahms schmökern durfte, um im Namen des Bergedorfer Kultur & Geschichtskontors nun eine 24-seitige Jubiläums-Ausgabe zu veröffentlichen, die für drei Euro zu kaufen ist: "Es gab alte Bestandslisten, Lesekarten und Zeitungsartikel", berichtet Dahms, der auch ungeheure Preise entdeckte: Während heutzutage eine jährliche Lesekarte 40 Euro kostet, waren es einst nur zehn Pfennige.
Im ersten Monat ließen sich immerhin schon 900 Leser eintragen. Das war auch Kreyenburgs Engagement zu verdanken. Er rief Volksunterhaltungsabende ins Leben: Bis zu 600 Besucher kamen ins Colosseum oder in die Hasse-Aula. Ende der 20er-Jahre kam die Reihe der "Bücherhallensonntage" hinzu, an denen Pastor Engelhardt über "Liebesglück und Liebesleid" oder "Von neuem Gottsuchen" erzählte. Der Zuspruch war enorm: 1922 wurden bereits 11 000 Leser gezählt. Doch die Bücherhalle, deren Betrieb etwa zu einem Drittel von der Stadt subventioniert wurde, musste 1924 umziehen, weil die Zuschüsse gekürzt wurden. Vier Jahre lang war sie dann im Gewerkschaftshaus Am Pool 11 untergebracht.
"Das Jahr 1928 brachte die Zäsur, weil der sozialdemokratische Bürgermeister Wilhelm Wiesner die Bücherhalle mit der Bibliothek der Gewerkschaft zusammenlegen wollte", sagt Dahms: "Das war wie ein Putsch, eine Enteignung durch die Stadt. Und so wundert es auch wenig, dass der Sohn des Bürgermeisters zum neuen Leiter der dann 'städtischen Bücherhalle' wurde." Fortan fand sich vorwiegend sozialistische und gewerkschaftliche Literatur in den Regalen - bis 1933: Am 24. Juni des Jahres wurden 414 Bücher auf dem Fritz-Reuter-Sportplatz öffentlich verbrannt. Anschließend waren die Bücherregale zumeist mit Germanen-Romanen gefüllt.
1938 wurde Bergedorf in die Hansestadt eingemeindet, wurde die Bücherhalle der "Fachstelle für das Volksbüchereiwesen" zugeordnet und zog neben das Bergedorfer Rathaus. "Da gab es auch einen schönen, geräumigen Luftschutzkeller", sagt Dahms lakonisch. Erst nach dem Krieg verschwanden die blonden NS-Helden wieder: Bis Januar 1946 nahmen die Engländer einen Bestands-Austausch vor, bei dem 1737 Bücher rausflogen.
Im Jahr 1949 schließlich wurde die Bücherei ins System der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen aufgenommen, doch platzten die Räume aus allen Nähten. Zunächst war an eine Unterbringung im neu erbauten Lichtwarkhaus gedacht, doch plötzlich wurden die Mittel dafür gestrichen. Inzwischen war der Bestand auf 10 000 Bücher angestiegen, gab es zwei ehrenamtliche Büchereien in Lohbrügge und Nettelnburg und 17 kleine Volksbüchereien im Landgebiet.
Dr. Christel Mirbt, die das Haus von 1972 bis 1992 leitete, erreichte schließlich eine Verlegung: Am 18. April 1974 zog die Bücherhalle in das City Center Bergedorf. Leiter Wolfgang Tiedtke initiierte den nächsten Umzug: Seit 1992 präsentiert sich die Bücherhalle neben dem CCB auf drei Etagen und wird derzeit von Christel Quehl und Dietrich Becker geführt: "Im Dezember geht Christel in den Ruhestand und ich bewerbe mich für die volle Leitung", sagt Becker. Er weiß, dass sein Haus im Vergleich zu anderen Bezirken klein ist und nicht mal ein Medium pro Einwohner zur Verfügung stellt, sondern nur gut 38 000 Medien. Dennoch sind die Zahlen beeindruckend: Jährlich kommen 152 000 Besucher.
Am Mittwoch, 30. September, 14 Uhr, wird Kultur-Staatsrat Dr. Nikolas Hill den Festakt zum 100-jährigen Bestehen eröffnen. Zuvor gibt es zwei Angebote für Leser: Am 28. September ist Kindertag, will Magier Marcel Kösling von 11 Uhr an alle Kinder ab fünf Jahren "verzaubern". Erwachsene sind am 29. September willkommen, wenn Edgar Bessen (Ohnsorg-Theater) von 18.30 Uhr an Döntjes erzählt. Eintritt frei.


Abo
Printarchiv
Leserbrief
Kontakt
Gastro-Tipps
Preisvergleich
Leserreisen
Versicherungscheck
Energievergleich
Immobiliensuche