Streitschlichter
Etwas großelterliche Gelassenheit geben
Dienstag, 20. September 2011 04:00
- Von Anne K. Strickstrock
Lohbrügge. "Ich war das ganz ehrlich nicht!" Aufgebracht stürmen fünf Kinder in den Pavillon 9 auf dem Schulhof der Stadtteilschule am Binnenfeldredder: Wer von ihnen hat wohl in der Pause die wertvolle Sonnenbrille kaputtgemacht?
Das herauszufinden ist jedoch nicht die Aufgabe der Streitschlichterin: "Die Kinder sollen selbst zu einer Lösung kommen. Vielleicht legen sie alle zusammen, um die Reparatur zu bezahlen", sagt Uta von Usslar. Die 68-jährige, ehemalige Journalistin betont, dass die Schüler freiwillig und vertraulich über ihre Sorgen reden können.
Hamburgweit genossen bislang zehn ehrenamtliche Streitschlichter beim "Landesverband Seniorpartner in School" eine 80-stündige Ausbildung, bevor sie heute an drei Hamburger Schulen arbeiten. Bereits vor zehn Jahren gründete sich der Verein in Berlin, bundesweit sind mehr als 500 Ehreamtliche in zwölf Bundesländern tätig - Nachwuchs gesucht.
In Lohbrügge sind auch Gestalttherapeutin Margret Warmer und Gudrun Heinrich im Einsatz. Die ehemalige Lehrerin (66) weiß, dass die Pädagogen neben der Unterrichtsvorbereitung wenig Zeit haben für Hänseleien unter Schülern, Aggressionen oder seelische Nöte. Vor einigen Tagen stellte sich das Trio der Gesamtlehrerkonferenz vor: "Lehrer bekommen nur eine Bestätigung darüber, dass Schüler hier waren. Wir melden aber inhaltlich, wenn Drogen oder Schläge im Spiel waren, also das Kindeswohl gefährdet ist."
Oft ist die Atmosphäre auf dem Schulhof rau: "Ich mach dich kalt", pöbelt etwa ein Sechstklässler auf dem Schulhof und rempelt von hinten einen Jungen an, dem das Butterbrot aus der Hand fällt. "Rivalitätskämpfe unter Jungen sind häufig, aber meist sind das gute Freunde, die kein anderes Repertoire kennen, um soziale Kontakte aufzunehmen", erklärt Warmer (66), die ahnt, dass es gut tut, "wenn wir zuhören und ein bisschen großelterliche Gelassenheit verschenken können".
So sei es oft wichtig, über Gefühle zu sprechen, das Wort Entschuldigung auszusprechen und zu versuchen, sich eine Probewoche lang nicht zu ärgern. Das gilt auch für die Gruppe, die mit dem Finger auf das pummelige Mädchen zeigte und rief, sie habe ein Loch in der Hose.
Einmal kam auch ein Mädchen zerknirscht in den Pavillon 9. Die Elfjährige meinte weinend, ihre beste Freundin habe allen verraten, in wen sie verliebt ist. "Man muss genau hinschauen", wissen die Streitschlichterinnen, die alle ausreden lassen und keine Situation bewerten wollen: "Es ist nicht immer ein böswilliger Geheimnisverrat. Manchmal weiß die ganze Klasse schon längst, wem die verliebten Blicke gelten."
Montags, mittwochs und donnerstags von 9.15 bis 12.15 Uhr ist das kleine Büro im Pavillon besetzt. Und die Streitschlichter suchen noch (gern männliche) Verstärkung: Die nächste kostenlose Ausbildung zum Schulmediatoren beginnt am 26. September in Hamburg. Nähere Auskunft gibt Vereinsvorsitzende Inge Maria Dinse unter Telefon (040) 45 62 20.


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