Campingplatz Lanze

Rentnerpaar blieb nichts als das nackte Leben

Jörg und Ulla Schmieder sind seit dem Unglück bei Freunden untergekommen. Sie wünschen sich eine kleine Wohnung für einen Neuanfang.

Foto: Elke Richel / BGZ

Jörg und Ulla Schmieder sind seit dem Unglück bei Freunden untergekommen. Sie wünschen sich eine kleine Wohnung für einen Neuanfang.

Lauenburg. Jahrelang lebten Ulla und Jörg Schmieder in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz Lanze. Doch der brannte an Silvester ab.

Jörg Schmieder (58) legt den Arm um die Schulter seiner Frau Ulla (60). Sie sitzen in dem Wohnzimmer des kleinen Einfamilienhauses am Moorring in Lauenburg. Hier ist es warm, draußen bitterkalt. Es ist nicht ihr Zuhause, Bekannte haben das Ehepaar vorübergehend provisorisch aufgenommen. Ihr Zuhause war ein Wohnwagen auf dem Campingplatz Lanze. Er ist in der Silvesternacht abgebrant.

Das Feuer breitete sich rasant aus

Es war nur eine knappe Polizeimeldung kurz nach Jahresbeginn: Aus unbekannter Ursache brannte in der Silvesternacht am Lanzer See ein Wohnwagen komplett aus. Feuerwehren aus Basedow, Lanze und Buchhorst waren im Einsatz, konnten aber aufgrund der rasanten Ausbreitung des Feuers nicht verhindern, dass auch der Pkw des Ehepaares in Flammen aufging. Die Frau musste mit Verdacht auf Rauchvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden.

„Jetzt geht es wieder bergauf“, hatte Jörg Schmieder seiner Ulla in der Silvesternacht versprochen. Schließlich hatten die Ärzte gesagt, dass die Bestrahlungen angeschlagen haben könnten.

Der Jahreswechsel sollte ein positiver Neuanfang werden

Nach den Tiefschlägen der letzten Jahre endlich ein Stück Hoffnung: War sein jahrelanger Kampf gegen den Krebs vielleicht doch nicht vergebens gewesen? Was machte es schon, dass der gemeinsame Lebensmittelpunkt des Rentnerpaars nichts weiter war als ein kleiner Wohnwagen am Lanzer See – im Sommer wie im Winter.

Denn das Geld ist knapp, seit Jörg Schmieder vor 13 Jahren seine Krebsdiagnose erhielt und seinen Job als Fernfahrer an den Nagel hängen musste. Daran ändert auch die kleine Rente nichts, die Ulla Schmieder als ehemalige Beschäftigte bei einer Zeitarbeitsfirma erhält. „Wir gönnten uns eine Flasche Sekt und stießen um Mitternacht auf unser neues Leben an“, erzählt der 58-Jährige. Doch nur eine Stunde später erlebten die beiden einen Albtraum, der ihrer Hündin „Daisy“ das Leben kostete.

Der Hund jaulte, da schlugen Flammen aus dem Vorzelt

„Kurz nach ein Uhr ging ich nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Als ich mich umdrehte, sah ich plötzlich, dass unser Vorzelt in Flammen stand. Ich wusste, ich habe nur Sekunden, um meine Ulla da lebend rauszuholen“, sagt der schmächtige Mann mit bebender Stimme. Wie er es schließlich geschafft habe, wisse er nicht. Aber den Anblick seiner ohnmächtigen Frau, deren Kleidung bereits Feuer gefangen hatte, werde er nie vergessen.

So wie das letzte, kurze Aufjaulen von „Daisy“, die in der Flammenhölle gefangen war. „Sie wird nicht mehr viel gespürt haben“, tröstet sich Ulla Schmieder. Aufgewacht ist die 60-Jährige erst auf der Intensivstation im Geesthachter Johanniter-Krankenhaus – mit einer schweren Rauchvergiftung und leichten Brandverletzungen.

Entfachte eine Silvesterrakete den verheerenden Brand?

Zur Ursache des verheerenden Feuers hatte die Polizei die Ermittlungen gestern noch nicht abgeschlossen, und auch Jörg Schmieder hat dazu nur eine Vermutung. „Campingnachbarn erzählten, dass eine Silvesterakete auf das Vordach geflogen war.“ Auch er hatte den Neujahrstag im Krankenhaus verbracht und sich dort immer wieder den Kopf zerbrochen, um einen Ausweg zu finden. Das Obdachlosenheim hatte man dem verzweifelten Ehepaar als erste Zuflucht angeboten. „Wir sollten getrennt untergebracht werden. Aber wir sind 17 Jahre verheiratet, lieber hätten wir auf der Straße geschlafen“, waren sich beide einig.

Selbsthilfeverein organisiert einen Schlafplatz

Dass es dazu nicht kommen musste, hat das Ehepaar Schmieder Angelika und Christian Krause vom Lauenburger Verein Psychische Selbsthilfe zu verdanken. Ulla Schmieder, die jahrelang selbst an schweren Depressionen litt, arbeitet seit Kurzem im Vorstand des Vereins. „Ulla ist immer zur Stelle, wenn andere Menschen Hilfe brauchen, auch wenn es ihr selbst nicht gut geht“, sagt Angelika Krause. Kurzerhand sind sie und ihr Mann ein Stück zusammengrückt und teilen sich jetzt tagsüber ihr kleines Haus mit dem mittellosen Ehepaar. Nachts schlafen Schmieders im Wohnwagen, der im Vorgarten steht.

Alle Papiere sind mit verbrannt

„Ich bin unendlich dankbar dafür, dass wir so gute Freunde haben“, sagt Ulla Schmieder, weiß aber auch, dass das keine Dauerlösung ist. Im Moment wachsen ihr und ihrem Mann die Probleme aber so über den Kopf, dass sich beide nicht ohne Hilfe auf Wohnungssuche begeben können. Allein die Besuche bei Ämtern und Behörden erfordern gerade ihre ganze Kraft: Sämtliche Dokumente sind nämlich bei dem Brand vernichtet worden und müssen neu beantragt werden.

Viele Zehntausend Menschen leben ständig auf Campingplätzen

Statistiken darüber, wie viele Menschen dauerhaft auf Campingplätzen leben, gibt es nicht, nur Schätzungen. In Nordrhein-Westfalen sollen zwischen 20 000 und 30 000 Menschen ihren Erstwohnsitz auf Campingplätzen haben. Das verstößt gegen das Baurecht, wurde aber über Jahrzehnte geduldet. Das statistische Bundesamt erfasst deutschlandweit 650 000 Camper, deren Wohnwagen einen ständigen Stellplatz haben. Strenge Brandschutzauflagen, wie bei offiziellem Wohnraum, gibt es für Campingbehausungen nicht. Aber das Wohnen ist günstig.

Größter Wunsch nun: Eine kleine Wohnung

Mit Hilfe von Andreas Holtermann, dem Chef ihres Vereins, wollen Ulla und Jörg Schmieder diese Hürden nehmen und jetzt auch staatliche Unterstützung beantragen. Ihr größter Wunsch: eine kleine Wohnung in Lauenburg, möglichst im Erdgeschoss.

Wer Ulla und Jörg Schmieder beim Neuanfang helfen möchte, kann sich telefonisch beim Verein Psychische Selbsthilfe unter (0 41 53) 5 99 65 31 melden.