Kreis Segeberg

„Der Straßenstrich an der Bundesstraße 206 muss weg“

Anwohner protestieren gegen Prostitution an der B 206. Dort ist entlang der Parkplätze Schleswig-Holsteins längster Straßenstrich entstanden. Das Abendblatt hat sich dort umgesehen und mit Anwohnern gesprochen.

Kreis Segeberg. Lässig sitzt Maria auf ihrem blau karierten Kissen am Rand der B 206. Auf dem Parkplatz lehnen Männer an ihren Autos und stehen sich die Füße platt. Ein dunkelhaariger Mann mit Sonnenbrille löst sich von seinem BMW-Cabriolet, hockt sich zu Maria ins Gras. Zwei Minuten unterhalten sie sich, Maria lächelt ihn höflich an, dann fährt der BMW wieder weg und macht Platz für den nächsten Wagen.

„Er wollte nur den Preis wissen“, sagt Maria. „Für Morgen.“ Maria arbeitet als Prostituierte und heißt nur so, wenn sie gerade in Deutschland ist und arbeitet. In ihrer Heimat in Bulgarien nennt sie sich anders. Seit etwa drei Monaten steht sie an der B 206 kurz vor Bockhorn. An Kunden mangelt es wahrlich nicht, Ärger gibt es jetzt trotzdem.

„Ich kann mir nicht vorstellen, an einem Straßenstrich zu wohnen“, sagt Heino Brandt zornig. Das Doppelhaus seiner Familie steht nur wenige Meter entfernt in Bockhorn. Kurz vor dem Ortseingang und hinter dem Ortsausgang liegen nur zwei der vielen Parkplätze, an denen auf der Strecke zwischen Bad Bramstedt und Bad Segeberg Prostituierte ihrer Arbeit nachgehen. In den vergangenen Monaten ist hier Schleswig-Holsteins wohl längster Straßenstrich entstanden. Hinnehmen wollen das die Anwohner nun nicht mehr. Zusammen mit Gleichgesinnten aus den Ortsteilen Bark und Schafhaus hat Heino Brandt eine Bürgerinitiative gegründet. „Nein Danke!“, sagen sie zur Prostitution an der Bundesstraße, die direkt an ihre Grundstücke grenzt.

Maschinenführer Brandt lebt mit seiner Familie idyllisch, direkt hinter seinem kleinen Gartentor kann er eintauchen in die Barker Heide, ein mittlerweile aufgeforstetes Naturschutzgebiet. Hier in dieses besonders geschützte Gebiet fahren auch die Prostituieren in den Autos ihrer Freier. Oft sind es nur 20 Meter, die sie in den Wald hineinfahren. Hinterlassen werden benutzte Kondome und Taschentücher. Toiletten oder andere Waschmöglichkeiten gibt es nicht. „Die benutzen unseren Wald als Klo“, sagt Doris Laß, Mitbegründerin der Bürgerinitiative. „Das muss aufhören.“

Heino Brandt hat zwei kleine Töchter. Im Wald spielen, so wie früher, wollen sie nicht mehr. Zu nah kommen sie dann den Freiern, die ihnen oft Angst machen. Auch entlang der Bundesstraße fahren sie nicht allein mit ihrem Fahrrad. „Meine Familie lebt nicht mehr gerne hier. Das akzeptiere ich nicht“, sagt er.

Maria weiß um die Wut der Anwohner. Nachdenklich legt sie ihren Kopf in den Nacken, zuckt dann mit den Schultern. Es gebe halt keine Arbeit in Bulgarien. Auch Maria hat Kinder. Zwei Töchter und ein Sohn leben in Bulgarien bei ihrer Schwester. „Die älteste ist gerade 15 Jahre alt geworden“, sagt Maria. Bis September will sie noch in Deutschland bleiben und das Geld verdienen, mit dem sie ihre Familie versorgt. Dann soll es für einige Wochen in die Heimat gehen, im Winter wird sie zurückkehren. Auch wenn sie dann zehn Stunden pro Tag bei schlechtem Wetter auf dem Parkplatz steht und die Kunden weniger werden. Abends gegen 19 Uhr werden Maria und ihre Kolleginnen abgeholt. Sprechen will sie darüber nicht. Die empörten Anwohner schon. Sie berichten von einem dunklen Jeep, der die Prostituierten einsammelt. Maria versichert: „Ich bin freiwillig hier.“ Ein bisschen Geld aber müsse sie schon abgeben.

Jozefa Paulsen von der Fachstelle gegen Frauenhandel Contra in Kiel hat die Prostituierten besucht. „Sie machen nicht den Eindruck, als ob sie Angst hätten“, sagt sie. Das könne sie mit ihren 15 Jahren Berufserfahrung einschätzen. Dennoch: Die Situation der Frauen im Wald an der B 206 sei die schlimmste, von der sie gehört habe. „Sie sind dort völlig allein und schutzlos ihren Freiern ausgeliefert“, sagt sie. Es komme immer wieder vor, dass Prostituierte vergewaltigt werden. „Solche Männer werden von der Situation dort geradezu angelockt“, sagt Paulsen.

Abends, wenn Maria schließlich nach ihrem langen Tag zu Hause ankommt, kocht sie sich in ihrer Wohnung in Neumünster ein warmes Abendessen. In Neumünster hat sie bis vor wenigen Monaten noch gearbeitet. Dann erließ die Stadtverwaltung Sperrbezirke und vertrieb sie. Die Prostituierten durften ihre Dienste nur noch im Gewerbegebiet anbieten. Kunden gab es dort kaum. Deshalb sind immer mehr von ihnen zur B 206 umgezogen. Sperrbezirke wollen auch die Bewohner der Gemeinde Bark. Seit Wochen versuchen sie, Ämter und Polizei auf die Situation aufmerksam zu machen. Zuständig aber fühlt sich niemand. Verboten ist Prostitution in Deutschland nicht. Die Polizei schaute bereits vorbei, Hinweise auf Straftaten gebe es nicht. Um Minderjährige handele es sich bei den Prostituierten nicht. Auch das Ordnungsamt der Gemeinde fühlt sich machtlos. Die B 206 sei schließlich eine Bundesstraße. Die Bürgerinitiative aber gibt nicht auf. Mit Unterstützung der Bürgermeister der umliegenden Dörfer sammelt die Initiative zurzeit Unterschriften. Die Liste soll anschließend an den Petitionsausschuss des Landtages gehen. Spätestens dann soll Schluss sein mit dem Straßenstrich in seiner ländlichen Heimat, sagt Heino Brandt.

Maria seufzt als sie das hört. Sie spart gerade für ein Wohnmobil, schließlich kommt der Winter ganz bestimmt. So eines wie das der deutschen Sexarbeiterin, die schon jahrelang auf dem Parkplatz an der Bundesstraße 206 steht und im Dorf akzeptiert wird, das würde ihr gefallen. „So ein Wohnmobil kostet aber 2000 bis 3000 Euro“, sagt sie. „Dafür muss ich noch viele Tage arbeiten.“

Kommentar – Das Land braucht eine Strategie

Die Situation rund um den Straßenstrich an der B 206 ist unzumutbar – sowohl für die Anwohner als auch für die Prostituierten.

Wer in die Barker Heide zieht, um dort in Ruhe mit seiner Familie in einem Naturschutzgebiet zu leben, will nicht morgens neben dem längsten Straßenstrich des Landes aufwachen. Dazu kommt der Wertverlust des eigenen Grundstücks. Bockhorn dürfte derzeit keine allzu gefragte Adresse sein. In einem solchen Umfeld muss man sich nicht wohlfühlen, der Ärger der Anwohner ist berechtigt.

Noch schlimmer ist die Lage aber für die Sexarbeiterinnen. Es gibt keine Toiletten, keine Waschmöglichkeiten. Wohnwagen besitzen sie nicht. Pro Parkplatz bieten meist nur ein oder zwei Frauen ihre Dienste an. Spätestens im Wald sind sie dann hilflos ihren – bisweilen gewalttätigen – Freiern ausgeliefert. Dass Experten wegen dieser Zustände die Hände über den Kopf zusammenschlagen, ist leicht nachzuvollziehen. Es muss etwas geschehen.

Die von den verzweifelten Anwohnern geforderten Sperrbezirke würden das Problem der Bockhorner lösen – mehr aber auch nicht. Das Problem wanderte bereits von Neumünster an die B 206. Es ist keine Lösung, die Frauen einfach nur erneut zu vertreiben. Im Ergebnis würden sie ein paar Kilometer weiter wandern, um dort ihrer Arbeit nachzugehen – und so ihre Familien in der Heimat zu versorgen.

Andere Städte und Länder haben längst eine Strategie. Oft werden sogenannte Verrichtungsboxen in kontrollierten Gebieten aufgebaut. Drogenhändler und Zuhälter haben dort keinen Zutritt. Nicht immer war diese Strategie bisher erfolgreich. Überhaupt eine zu entwickeln, ist aber dringend nötig.

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