Strahlen-Alarm
Atomaufsicht hüllt sich in Schweigen
Donnerstag, 26. April 2012 15:16
- Von Timo Jann
Büchen. Nach dem Strahlen-Alarm im Büchener Naturschutzgebiet "Nüssauer Heide" fordert Greenpeace Aufklärung von der Atomaufsicht in Kiel. „Wenn da tatsächlich nichts sein soll, dann könnte man die Werte ja auch veröffentlichen", sagt Heinz Smital, Atomexperte bei der Umweltschutzorganisation.
Wie berichtet, hatten Messgeräte der Experten des „Löschzug Gefahrgut“ des
Kreisfeuerwehrverbandes am Sonnabend Strahlen-Alarm gemeldet. Bei einer
Kontrolle am Montag bestätigten sich die Messwerte der Feuerwehr. Am
Dienstagabend meldete das für die Atomaufsicht zuständige Justizministerium
der Landesregierung dann aber nach eigenen Messungen, dass es sich um
„statistische Schwankungen“ der natürlich vorkommenden Strahlung handeln
solle. Allerdings: Die Messsonde der Feuerwehr vom Typ NBR filtert für
unverfälschte Ergebnisse die natürlich vorkommende Strahlung bis auf das
Calium 40-Isotop aus.
Eigentlich sollte die Mitteilung der Atomaufsicht die laut Büchens
Bürgermeister Uwe Möller „eingetrübte Stimmung“ in der Region beruhigen.
Doch sie wirft Fragen auf, die bislang nicht beantwortet werden. „Für uns
ist die Sache abgeschlossen, dazu sagen wir nichts mehr“, erklärte
Ministeriumssprecher Oliver Breuer. Konkrete Mess- und Grenzwerte wollte er
nicht nennen.
„Dieses Verhalten der Atomaufsicht ist irritierend“, meint Smital. „Nur mit
vielen weiteren physikalischen Daten wäre es möglich, die Lage zu
beurteilen.“
Die Feuerwehr verweist darauf, keine Werte nennen zu dürfen. „Mir steht es
nicht zu, über die Daten zu philosophieren. Wir waren nur
Serviceleistungsunternehmen für den Grundstücksbesitzer“, sagt
Kreiswehrführer Michael Raddatz. Er ist überzeugt davon, dass es nach der
ersten Feststellung der Strahlung am Sonnabend richtig war, die
Katastrophenschutzübung mit 300 Einsatzkräften fortzusetzen. Das hatte er
mit Landrat Gerd Krämer abgesprochen. Raddatz: „Vielmehr hat dieser Fall
doch gezeigt, dass die Feuerwehr auch im Rahmen einer Übung absolut
vernünftig mit ihrer Technik umgeht.“ Durch die Kontrollmessungen am Montag
habe man mögliche Mess- oder Bedienfehler ausgeschlossen.
Greenpeace will Aufklärung – Feuerwehr darf keine Werte nennen – „Eingetrübte Stimmung“
Nach Informationen unserer Zeitung hatten die Gefahrgut-Experten sowohl am
Sonnabend als auch am Montag eine Verunreinigung der Oberfläche mit
radioaktiven Gefahrstoffen registriert. Deren Vorkommen wird in „Impulsen
pro Sekunde“ (Ips) gemessen.
Das Messsystem in den Erkundungsfahrzeugen, die die Feuerwehr außer in der
Kreisfeuerwehrzentrale in Elmenhorst auch in Lauenburg, Schwarzenbek und
Mölln speziell für Zwischenfälle mit radioaktiven Stoffen, etwa nach einem
Störfall im Atomkraftwerk Krümmel oder im Helmholtz-Forschungszentrum
vorhält, registrierte um 50 Prozent über dem Warnwert des Geräts liegende
Ips – die höchste Alarmstufe der Software. „Es scheint sich nicht um eine
zeitliche Schwankung zu handeln, die vorkommen könnte, weil die Messwerte
bestätigt wurden“, sagt Atomexperte Smital.
Drei Typen unterschiedlicher Generationen der Erkundungsfahrzeuge gibt es im
Kreis. Das neueste Modell basiert auf einem Mercedes, der 2010 als Prototyp
für eine neue Baureihe in Dienst gestellt und gestestet wurde. Mit diesem
Fahrzeug wurde am Sonnabend erstmals die Strahlung gemessen. Die Sonde wird
durch seitlich angebrachte Fühler gefüttert.
Wehrführer Raddatz erklärte das System am Montagabend: „In einem Zählrohr
nehmen wir die vorkommende Strahlung auf, die Stoffe werden gezählt und jede
Sekunde gibt es einen Wert.“ Die so genannte Dosisleistung und die Aktivität
der Strahlung sind weitere Einheiten, nach denen Gefahr für Menschen
beurteilt wird. Notfalls rücken die Erkunderfahrzeuge mit ihren Besatzungen
aus, um die Strahlung nach einem Zwischenfall festzustellen. Auf dieser
Basis müssten dann Maßnahmen, beispielsweise Evakuierungen, entschieden
werden. Fraglich ist jetzt, ob die Software einfach fehlerhaft ist.
Als erster Politiker hat Björn Thoroe, Landtagsabgeordneter der Linken, auf
die Messung reagiert. „Die Landesregierung muss sofort handeln und auch in
der Nähe von anderen ehemaligen Truppenübungsplätzen nach erhöhten
Strahlungswerten suchen. Die Informationspolitik der Landesregierung ist
wieder einmal mangelhaft“, kritisiert er.
Fakten müssen auf den Tisch - Kommentar von Timo Jann
Was auch immer in Büchen entdeckt wurde – es müssen Fakten auf den Tisch.
Fakten, die Klarheit darüber geben, was an Strahlung registriert wurde,
woher die Werte stammen könnten und ab welchem Zeitpunkt konkrete Gefahr für
Mensch und Umwelt besteht.
Nur zu sagen, es sei alles im grünen Bereich, das reicht längst nicht mehr,
solange keine Messwerte veröffentlicht werden. Die Vergangenheit – gerade im
Kreis mit angeblichen Geheimversuchen, Atomunglücken und der Leukämiehäufung
– hat doch gezeigt, wie sensibel die Menschen in Sachen Strahlung schon
geworden sind. Eine solche Geheimniskrämerei – vor allem, wenn angeblich
alles in Ordnung ist – ist daher absolut unpassend.



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