26.04.12

Strahlen-Alarm

Atomaufsicht hüllt sich in Schweigen

Büchen. Nach dem Strahlen-Alarm im Büchener Naturschutzgebiet "Nüssauer Heide" fordert Greenpeace Aufklärung von der Atomaufsicht in Kiel. "Wenn da tatsächlich nichts sein soll, dann könnte man die Werte ja auch veröffentlichen", sagt Heinz Smital, Atomexperte bei der Umweltschutzorganisation. Von Timo Jann

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Am Montag überprüft die Feuerwehr ihre überraschenden Messergebnisse vom Sonnabend: Wieder schlagen die Geräte Alarm.

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Sichtlich ratlos schauen die Experten angesichts der Messergebnisse.

Wie berichtet, hatten Messgeräte der Experten des "Löschzug Gefahrgut" des Kreisfeuerwehrverbandes am Sonnabend Strahlen-Alarm gemeldet. Bei einer Kontrolle am Montag bestätigten sich die Messwerte der Feuerwehr. Am Dienstagabend meldete das für die Atomaufsicht zuständige Justizministerium der Landesregierung dann aber nach eigenen Messungen, dass es sich um "statistische Schwankungen" der natürlich vorkommenden Strahlung handeln solle. Allerdings: Die Messsonde der Feuerwehr vom Typ NBR filtert für unverfälschte Ergebnisse die natürlich vorkommende Strahlung bis auf das Calium 40-Isotop aus.

Eigentlich sollte die Mitteilung der Atomaufsicht die laut Büchens Bürgermeister Uwe Möller "eingetrübte Stimmung" in der Region beruhigen. Doch sie wirft Fragen auf, die bislang nicht beantwortet werden. "Für uns ist die Sache abgeschlossen, dazu sagen wir nichts mehr", erklärte Ministeriumssprecher Oliver Breuer. Konkrete Mess- und Grenzwerte wollte er nicht nennen.

"Dieses Verhalten der Atomaufsicht ist irritierend", meint Smital. "Nur mit vielen weiteren physikalischen Daten wäre es möglich, die Lage zu beurteilen."

Die Feuerwehr verweist darauf, keine Werte nennen zu dürfen. "Mir steht es nicht zu, über die Daten zu philosophieren. Wir waren nur Serviceleistungsunternehmen für den Grundstücksbesitzer", sagt Kreiswehrführer Michael Raddatz. Er ist überzeugt davon, dass es nach der ersten Feststellung der Strahlung am Sonnabend richtig war, die Katastrophenschutzübung mit 300 Einsatzkräften fortzusetzen. Das hatte er mit Landrat Gerd Krämer abgesprochen. Raddatz: "Vielmehr hat dieser Fall doch gezeigt, dass die Feuerwehr auch im Rahmen einer Übung absolut vernünftig mit ihrer Technik umgeht." Durch die Kontrollmessungen am Montag habe man mögliche Mess- oder Bedienfehler ausgeschlossen.

Greenpeace will Aufklärung – Feuerwehr darf keine Werte nennen – "Eingetrübte Stimmung"

Nach Informationen unserer Zeitung hatten die Gefahrgut-Experten sowohl am Sonnabend als auch am Montag eine Verunreinigung der Oberfläche mit radioaktiven Gefahrstoffen registriert. Deren Vorkommen wird in "Impulsen pro Sekunde" (Ips) gemessen.

Das Messsystem in den Erkundungsfahrzeugen, die die Feuerwehr außer in der Kreisfeuerwehrzentrale in Elmenhorst auch in Lauenburg, Schwarzenbek und Mölln speziell für Zwischenfälle mit radioaktiven Stoffen, etwa nach einem Störfall im Atomkraftwerk Krümmel oder im Helmholtz-Forschungszentrum vorhält, registrierte um 50 Prozent über dem Warnwert des Geräts liegende Ips – die höchste Alarmstufe der Software. "Es scheint sich nicht um eine zeitliche Schwankung zu handeln, die vorkommen könnte, weil die Messwerte bestätigt wurden", sagt Atomexperte Smital.

Drei Typen unterschiedlicher Generationen der Erkundungsfahrzeuge gibt es im Kreis. Das neueste Modell basiert auf einem Mercedes, der 2010 als Prototyp für eine neue Baureihe in Dienst gestellt und gestestet wurde. Mit diesem Fahrzeug wurde am Sonnabend erstmals die Strahlung gemessen. Die Sonde wird durch seitlich angebrachte Fühler gefüttert.

Wehrführer Raddatz erklärte das System am Montagabend: "In einem Zählrohr nehmen wir die vorkommende Strahlung auf, die Stoffe werden gezählt und jede Sekunde gibt es einen Wert." Die so genannte Dosisleistung und die Aktivität der Strahlung sind weitere Einheiten, nach denen Gefahr für Menschen beurteilt wird. Notfalls rücken die Erkunderfahrzeuge mit ihren Besatzungen aus, um die Strahlung nach einem Zwischenfall festzustellen. Auf dieser Basis müssten dann Maßnahmen, beispielsweise Evakuierungen, entschieden werden. Fraglich ist jetzt, ob die Software einfach fehlerhaft ist.

Als erster Politiker hat Björn Thoroe, Landtagsabgeordneter der Linken, auf die Messung reagiert. "Die Landesregierung muss sofort handeln und auch in der Nähe von anderen ehemaligen Truppenübungsplätzen nach erhöhten Strahlungswerten suchen. Die Informationspolitik der Landesregierung ist wieder einmal mangelhaft", kritisiert er.


Fakten müssen auf den Tisch - Kommentar von Timo Jann

Was auch immer in Büchen entdeckt wurde – es müssen Fakten auf den Tisch. Fakten, die Klarheit darüber geben, was an Strahlung registriert wurde, woher die Werte stammen könnten und ab welchem Zeitpunkt konkrete Gefahr für Mensch und Umwelt besteht.

Nur zu sagen, es sei alles im grünen Bereich, das reicht längst nicht mehr, solange keine Messwerte veröffentlicht werden. Die Vergangenheit – gerade im Kreis mit angeblichen Geheimversuchen, Atomunglücken und der Leukämiehäufung – hat doch gezeigt, wie sensibel die Menschen in Sachen Strahlung schon geworden sind. Eine solche Geheimniskrämerei – vor allem, wenn angeblich alles in Ordnung ist – ist daher absolut unpassend.


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