Form-A(r)t
Kunst für ein freies Weißrussland
Montag, 23. April 2012 14:52
- Von Undine Brandt
Glinde. Auf der Form- A(r)t sind dieses Jahr besonders viele russische und weißrussische Künstler vertreten. Für sie hat die Politik in der Kunst eine besondere Bedeutung, denn in ihrer Heimat kann freie Meinungsäußerung lebensgefährlich sein.
Wer in Weißrussland den Mund aufmacht, braucht Mut. Oder aber er nimmt
Repressalien in Kauf und darf beispielsweise nicht ins Ausland reisen. Wer
den Mund aber zu weit aufmacht, der begibt sich in die Gefahr, von einem Tag
auf den anderen spurlos zu verschwinden – wie die vier Oppositionellen Jurij
Zaharenko, früherer Innenminister, Viktor Gonèar, früherer Vize-Präsident,
der Unternehmer Anatolij Krasovskij sowie der Kameramann Dmitrij Zavadskij.
Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko gilt als der letzte Diktator
Europas. Diesen „spurlos Verschwundenen“ widmete die weißrussische
Künstlerin Lena Jurikowa eine Skulptur, die sie auf der diesjährigen
Form-A(r)t präsentierte. „So viele russische und russischstämmige Künstler
wie dieses Jahr hatten wir noch nie“, sagt Kirsten Mielke, Organisatorin der
20. internationalen Kunstschau.
Viele der Kunstschaffenden haben übers Internet von der internationalen
Ausstellung im Bürgerhaus erfahren. Doch so politisch wie Jurikowa waren die
anderen nicht.
Alexey Perolovsky hatte zwar auch ein Ölporträt von Fidel Castro dabei,
allerdings hing der – mit einem Augenzwinkern – auf dem Kopf. Perolovskiy
war extra aus Wolgograd, dem früheren Stalingrad, angereist und hatte von
den 48 Künstlern den weitesten Weg auf sich genommen. Für den Russen war es
das erste Mal, dass er seine Ölbilder in Europa ausstellte. Ein Großteil der
rund 2000 Besucher hatte „freundliche und lobende Worte“ für ihn gefunden,
nur kaufen wollte niemand ein Bild. „Es hat mich erschreckt, dass hier noch
weniger für Kunst bezahlt wird als in Russland.“ Rund 2000 Euro kostet eines
seiner Ölbilder. Darin stecken vier Monate Arbeit. Doch auch viele Russen
haben so viel Geld nicht übrig, deswegen kann Perolovsky auch nur überleben,
weil er berühmte Werke kopiert.
Seine Künstlerkollegin Dilara Torik aus Omsk (Sibirien) geht einen anderen
Weg: Sie arbeitet nebenbei in einer Kunstschule als Dozentin. Nur so könne
sie ihre Wohnung bezahlen, sagt die 41-Jährige. Auch sie reiste extra nach
Glinde und stellte zum ersten Mal in Deutschland aus.
„Wer ehrliche Kunst schafft, hat in Russland derzeit kaum eine Chance“, ist
Michail Tschernjavski überzeugt. „Denn die Leute, die Geld haben,
interessieren sich kaum für Kunst. Und die diejenigen, die sich dafür
interessieren, haben kein Geld.“ Der 58-Jährige stammt aus Weißrussland,
ging mit 18 Jahren zum Kunststudium nach St. Petersburg, seit zwölf Jahren
lebt er in Deutschland – zuerst in München, jetzt in Berlin. Leicht sei es
auch hier nicht, ein Bild zu verkaufen, sagt Tschernjavski. Deshalb hat er
auch eine Kunstschule gegründet, in der er Kindern die Technik des Malen
beibringt. „Was das Leben hier aber viel einfacher macht, sind die
politische Freiheit und die soziale Absicherung.“
Bergedorfer Zeitung Online
Artikelkommentare abonnieren
Kommentar abgeben
Noch kein Kommentar abgegeben



Abo
Printarchiv
Leserbrief
Kontakt
Gastro-Tipps
Preisvergleich
Leserreisen
Versicherungscheck
Energievergleich
Immobiliensuche











