23.04.12

Form-A(r)t

Kunst für ein freies Weißrussland

Glinde. Auf der Form- A(r)t sind dieses Jahr besonders viele russische und weißrussische Künstler vertreten. Für sie hat die Politik in der Kunst eine besondere Bedeutung, denn in ihrer Heimat kann freie Meinungsäußerung lebensgefährlich sein. Von Undine Brandt

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Foto: Brandt

Diese Skulptur widmet Lena Jurikowa den oppositionellen Weißrusslands. Sie trägt den Titel "Spurlos Verschwundene". Die rot-weißen Farben sind die der Opposition.

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Wer in Weißrussland den Mund aufmacht, braucht Mut. Oder aber er nimmt Repressalien in Kauf und darf beispielsweise nicht ins Ausland reisen. Wer den Mund aber zu weit aufmacht, der begibt sich in die Gefahr, von einem Tag auf den anderen spurlos zu verschwinden – wie die vier Oppositionellen Jurij Zaharenko, früherer Innenminister, Viktor Gonèar, früherer Vize-Präsident, der Unternehmer Anatolij Krasovskij sowie der Kameramann Dmitrij Zavadskij. Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko gilt als der letzte Diktator Europas. Diesen "spurlos Verschwundenen" widmete die weißrussische Künstlerin Lena Jurikowa eine Skulptur, die sie auf der diesjährigen Form-A(r)t präsentierte. "So viele russische und russischstämmige Künstler wie dieses Jahr hatten wir noch nie", sagt Kirsten Mielke, Organisatorin der 20. internationalen Kunstschau.

Viele der Kunstschaffenden haben übers Internet von der internationalen Ausstellung im Bürgerhaus erfahren. Doch so politisch wie Jurikowa waren die anderen nicht.

Alexey Perolovsky hatte zwar auch ein Ölporträt von Fidel Castro dabei, allerdings hing der – mit einem Augenzwinkern – auf dem Kopf. Perolovskiy war extra aus Wolgograd, dem früheren Stalingrad, angereist und hatte von den 48 Künstlern den weitesten Weg auf sich genommen. Für den Russen war es das erste Mal, dass er seine Ölbilder in Europa ausstellte. Ein Großteil der rund 2000 Besucher hatte "freundliche und lobende Worte" für ihn gefunden, nur kaufen wollte niemand ein Bild. "Es hat mich erschreckt, dass hier noch weniger für Kunst bezahlt wird als in Russland." Rund 2000 Euro kostet eines seiner Ölbilder. Darin stecken vier Monate Arbeit. Doch auch viele Russen haben so viel Geld nicht übrig, deswegen kann Perolovsky auch nur überleben, weil er berühmte Werke kopiert.

Seine Künstlerkollegin Dilara Torik aus Omsk (Sibirien) geht einen anderen Weg: Sie arbeitet nebenbei in einer Kunstschule als Dozentin. Nur so könne sie ihre Wohnung bezahlen, sagt die 41-Jährige. Auch sie reiste extra nach Glinde und stellte zum ersten Mal in Deutschland aus.

"Wer ehrliche Kunst schafft, hat in Russland derzeit kaum eine Chance", ist Michail Tschernjavski überzeugt. "Denn die Leute, die Geld haben, interessieren sich kaum für Kunst. Und die diejenigen, die sich dafür interessieren, haben kein Geld." Der 58-Jährige stammt aus Weißrussland, ging mit 18 Jahren zum Kunststudium nach St. Petersburg, seit zwölf Jahren lebt er in Deutschland – zuerst in München, jetzt in Berlin. Leicht sei es auch hier nicht, ein Bild zu verkaufen, sagt Tschernjavski. Deshalb hat er auch eine Kunstschule gegründet, in der er Kindern die Technik des Malen beibringt. "Was das Leben hier aber viel einfacher macht, sind die politische Freiheit und die soziale Absicherung."

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