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Immer ein paar Asse im Ärmel

Glinde. Er hat auf einem Baumstamm den Atlantik überquert, mit Riesenschlangen gekuschelt und dem Tod ins Auge geblickt. Rüdiger Nehberg war Konditor in Hamburg, bevor er sein Leben umkrempelte, sein Survival-Wissen nutzte und sich mit spektakulären Aktionen für die bedrohten Yanomami-Indianer in Brasilien einsetzte.
In seinem Garten in Rausdorf tankt Rüdiger Nehberg auf, bevor er sich wieder auf Reisen begibt.
Foto: Annett Habermann
In seinem Garten in Rausdorf tankt Rüdiger Nehberg auf, bevor er sich wieder auf Reisen begibt.
Gemeinsam mit seiner Frau Annette Nehberg gründete der 76-Jährige vor zehn Jahren die Organisation TARGET mit dem Ziel, die in muslimischen Ländern praktizierte Genitalverstümmelung abzuschaffen.
  • Am Dienstag, 26. Oktober kommt Rüdiger nach Glinde. In einem Vortrag berichtet er ab 20 Uhr im Akzent Hotel, Am Sportplatz 98b, über sein aufregendes Leben. Unsere Mitarbeiterin Annett Habermann sprach vorab mit ihm.
Annett Habermann: Herr Nehberg, auf dem Weg zu diesem Interview stand ich fluchend im Stau. Lassen Sie sich nach dem, was Sie alles erlebt haben, von solchen profanen Dingen aus der Fassung bringen?
Rüdiger Nehberg: Stau nervt mich auch, denn ich versuche, pünktlich zu sein. Ich sage mir zwar, dass ich es nicht ändern kann, aber eine innere Nervosität bleibt. Da bin ich genauso zivilisationsgeschädigt wie Sie.
Werden die Abenteuer mit dem Alter weniger und die Vorträge mehr?
Es sind nicht mehr Vorträge als früher. Aber natürlich hat sich mein Reisestil verlagert. Vor fünf Jahren habe ich mich noch für drei Wochen nackt im Regenwald absetzen lassen. Heute könnte ich das nicht mehr. Ich merke deutlich, wie sich meine Kräfte reduzieren und dem muss ich mich anpassen. So wie früher mit dem Baumstamm über den Atlantik – das könnte ich nur noch als Gepäckstück.
Wie erreichen Sie im Kampf gegen die Genitalverstümmelung die Stammesführer in den kleinen Dörfern mitten in der Wüste?
Unsere Idee war, die Führung des Islam dazu zu kriegen, dass die es zur Sünde erklärt. 90 Prozent der Opfer sind Muslimas, und die falsche Begründung lautete meist, der Koran fordere das. Uns gelang eine Konferenz mit den höchsten Gelehrten der Welt in Kairo. Wir zeigten ihnen Aufnahmen von dem Verbrechen. Da wurden gestandene Männer blass unter ihrer schwarzen Haut. Einstimmig erklärten sie die weibliche Genitalverstümmelung zu einem Verbrechen gegen höchste Werte des Islam. Die wichtigsten Zitate dieser Prominenz haben wir in ein „Goldenes Buch“ geschrieben und mit Fotos belegt. Es ist für die Imame als Predigtgrundlage gedacht und soll in vier Millionen Moscheen der 35 betroffenen Länder verteilt werden.
Ab wann waren Reisen und Abenteuer nicht mehr nur Selbstzweck, sondern Hilfe für andere Menschen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ja, das war die Begegnung mit den Yanomami-Indianern in Brasilien. Als ich Augenzeuge eines Bürgerkrieges wurde, wo ein Riesenheer illegaler Goldsucher im Begriff war, das letzte große frei lebende Indianervolk Amerikas auszurotten. 20 Jahre lang habe ich mit spektakulären Aktionen dazu beigetragen, dass die Indianer einen akzeptablen Frieden erhielten.
Was möchten Sie den Zuhörern ihrer Vorträge mitgeben?
Ich bin kein Politiker, kein Feldherr und ich konnte trotzdem etwas verändern. Projekte gibt es genug, auch im Kleinen in Deutschland. Man braucht nur eine gute Strategie. Niemand ist zu gering etwas zu verändern.
Sie haben so viel erlebt. Wovor haben sie noch Angst?
Vor Folter und dem Dahinsiechen im Krankenbett. Alle anderen Ängste sind relativierbar. Vor jedem Unternehmen analysiere ich die denkbaren Gefahren und versuche, mit entsprechenden Vorbereitungen ein paar Asse im Ärmel zu haben.
Haben sie jemals den Wunsch verspürt, in einem anderen Land zu leben?
Nie. Ich habe auf den vielen Reisen vor allem die Demokratie Deutschlands zu schätzen gelernt. Wer kann schon auf 65 Jahre Frieden und Wohlstand verweisen? Ich fühle mich verpflichtet, denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.
  • Karten gibt es für 12 bzw. 7 Euro unter Telefon (040)711880 oder an der Abendkasse.
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