Oberstadt
„Die Chance müssen wir nutzen“
Dienstag, 23. Februar 2010 18:12
- Von Kai Gerullis
Geesthacht. Noch fehlt die schriftliche Zusage aus dem Bildungsministerium. Doch seit Tagen sorgt allein die Ankündigung, dass im August in der Oberstadt Geesthachts erste gebundene Ganztagsschule ihre Arbeit aufnehmen wird, für Diskussionsstoff.

Foto: Timo Jann
Die Oberstadtschule soll zur gebundenen Ganztagsschule werden.
So fürchten einige Eltern, dass der verpflichtende Unterricht am Nachmittag Familien auseinander reißen könnte oder die Kinder von den Angeboten der Sportvereine ausschließt. Nun melden sich die Mitglieder des Schulausschusses zu Wort – und betonen erneut die Vorteile der neuen Schulform.
„Uns ist über alle Fraktionen hinweg klar, dass die gebundene Ganztagsschule allen am meisten nützt“, sagt der Ausschussvorsitzende Herbert Gröber (CDU). So würden die Kinder vier Tage pro Woche verlässlich und kostenlos bis 16 Uhr betreut, können gemeinsam Mittagessen und ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen. „Bei Fragen steht immer ein Lehrer bereit“, sagt die stellvertretende Ausschussvorsitzende Kathrin Bockey (SPD). „Und der Nachmittag ist ja nicht um 16 Uhr zu Ende, auch danach können sich die Schüler mit Freunden treffen“, spricht sich Bockey gegen Argumente aus, dass die gebundene Ganztagsschule das Sozialleben der Schüler einschränken könnte. „Ich weiß jetzt schon von Sportvereinen, die ihre Kurszeiten entsprechend anpassen werden“, sagt Gröber.
Zudem biete der Unterricht die Möglichkeit, Talente zu unterstützen und Schwache zu fördern, Sitzen bleiben ist nicht mehr möglich. „Ein Kind innerhalb von sechs Stunden nonstop mit Wissen zu beladen, wie es an den Halbtagsschulen passiert, ist ein Konzept, dass nur wenige Kinder zum Erfolg bringt. Der Stress dort entsteht wesentlich aus Zeitnot“, so Bockey. „Wir haben die Möglichkeit, eine Gemeinschaftsschule unter besten pädagogischen Vorraussetzungen zu bekommen. Die Chance müssen wir nutzen.“
Dennoch reagierten viele Eltern bislang skeptisch auf den bevorstehenden Start der neuen Schule. Während sich für die offene Ganztagsschule an der Integrierten Gesamtschule zahlreiche Eltern in die Anmeldelisten fürs neue Schuljahr eingetragen haben, ist die Nachfrage für das Angebot in der Oberstadt noch überschaubar. Die Verwaltung plant jetzt eine Infoveranstaltung für die Eltern der kommenden Fünftklässler. „Die allermeisten Schulen, die in Deutschland Innovationspreise gewinnen, sind echte Ganztagsschulen. Sie alle standen irgendwann am Anfang mit vielen Fragen“, so Bockey.

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S. Starp-Thölert meint:
Eine Chance für die POLITIKER dieser Stadt sehe ich darin, dass das OFFENE Ganztagsangebot gefördert wird. Warum gibt es nicht die finanziellen Mittel für Schulen mit einem offenen Angebot? Dann kann jeder Schüler, finanziell unabhängig, wählen, ob er ein qualifiziertes Angebot am Nachmittag wahrnehmen möchte, oder nicht.
Und dann kann auch Frau Bockey ihren Innovationspreis gewinnen: für eine hochmotivierte, finanziell unterstützte offene Ganztagsschule.Und wer sich nicht mit seinen Kindern und den Hausaufgaben auseinandersetzten möchte, kann gerne die Hilfe in der Schule annehmen! Dann sogar kostenlos und zwanglos und freiwillig!
Hanna Schülke meint:
nach der Veranstaltung im Forum der jetzigen Realschule in Geesthacht war ich sehr erschrocken über die Abneigung gegen die neue Schulform. Auch ich kann mir nur schwer Vorstellen wie es ist wenn am Mittagstisch ein Kind fehlt. Aber ich sehe auch viel Positives. Mein Kind möchte auf jeden Fall an diese Schule und ich denke, dass Familie nicht nur bis 16 Uhr stattfindet, sondern eher später, wenn alle Hausaufgaben gemacht sind, häufig weit nach 16 Uhr. Die Kinder werden doch auch immer älter, müssen also nicht mehr so früh ins Bett wie in den ersten Schuljahren. Also Zeit für Familie, Freunde und Hobbys in der man keinen Gedanken mehr an Schule und Hausaufgaben verschwenden muss.
Auch die Sorge, dass man die Erziehung an die Schule abgibt halte ich für unbegründet. Gerade in den Familien, die sich viele Gedanken um diese Schule machen, hat mit Sicherheit in den letzten 10 Jahren eine gute Erziehung stattgefunden und wird auch weiter stattfinden. Der Abstand zum Kind, vor allem in der Pubertät, und das fehlende `Streit`-Thema Hausaufgaben bringen wieder die Möglichkeit auf mehr Qualitätszeit in der Familie.
Ich kann die Skepsis sehr gut verstehen. Alles Neue ist erst einmal ungewohnt. Doch in vielen Ländern ist es bereits eine sehr erfolgreiche Normalität. Das Familienleben wird so mit Sicherheit nicht schlechter es wird einfach nur anders und mit Kindern erlebt man doch ständig etwas Neues.
Wenn aber Eltern einer Schule so negativ gegenüberstehen, werden auch die Kinder diese Schule ablehnen. Ich würde mir in den Familien mehr Mut für was neues Wünschen. Geben sie ihren Kindern die Möglichkeit sich an ihrer neuen Schule wohl zu fühlen, auch wenn es nicht die erste Wahl sein sollte.
Mir macht nicht die neue Schulform Sorge, sonder die Einstellung vieler Eltern. Aber motivierte Eltern die gemeinsam mit den Lehrern das Beste für ihre Kinder wollen gehören aus meiner Sicht zu einer guten Schule und einer guten Klassengemeinschaft einfach dazu.
Herzliche Grüße
Hanna Schülke