Schreckgespenst oder Gewerbesteuerquelle
Das AKW und die Geesthachter
Sonntag, 13. September 2009 15:59
Geesthacht. Oben im Badezimmer ihrer Schwiegereltern kann Yvonne Völker den Schornstein erblicken. Da leuchten ihr im Dunkeln die Lampen des Atomkraftwerks (Akw) Krümmel entgegen.

Foto: Karin Lohmeier
Bettina Boll (Grüne) wehrte sich gegen den Vorwurf der Panikmache: „Angst will uns auch warnen.“
Für einen Teil der Geesthachter ist es ein Schreckgespenst, das endlich stillgelegt werden sollte – für immer. Doch ein entsprechender Antrag der Grünen scheiterte am Freitagabend in der Ratsversammlung.
Ali Demirhan, Fraktionsvorsitzender der Grünen, sagt trotzdem: „Die Menschen wollen Krümmel nicht mehr haben.“ 2007 war es am Akw zu einem Trafobrand gekommen, zwei Jahre stand es still. Als es Anfang Juli wieder ans Netz ging, gab es nach wenigen Tagen einen Kurzschluss im Trafo. Zudem wurde ein defektes Brennelement gefunden, Krümmel ist nun wieder abgeschaltet.
Anders als die Geesthachter Ratsversammlung hat sich die schwarz-grüne Koalition in Hamburg für eine dauerhafte Stilllegung ausgesprochen, und auch der Kieler Umweltminister Christian von Boetticher (CDU) schließt nicht aus, Vattenfall die Betriebserlaubnis zu entziehen. Dörthe Le-Van-Quyen hätte dann ihr Ziel erreicht. Sie setzt sich in der Elterninitiative Geesthacht gegen das Akw ein. Wenn das Kraftwerk abgeschaltet würde, dann hätte sie das Gefühl, in Sicherheit zu sein, sagt Dörthe Le-Van-Quyen.
Ein ausgeglichener Verwaltungshaushalt mit einem Überschuss und 20 Millionen Euro an Rücklagen – Geesthacht hat gut gelebt vom Kernkraftwerk. Von 2000 bis 2007 gab es hohe Nachzahlungen, rund 100 Millionen Euro. Davon blieb gut ein Drittel bei der Stadt, der Rest floss als Umlage und Ausgleichszahlung an das Land und den Kreis.
Seit Krümmel stillsteht, zahlt das Kernkraftwerk nicht mehr und wird wohl es wohl auch nicht so schnell wieder tun – wegen hoher Abschreibungen auf die Reparaturkosten, vermutet der Erste Stadtrat und kommissarische Bürgermeister, Dr. Volker Manow. Sollte das Akw endgültig vom Netz gehen, muss die Stadt kürzertreten. Hohe Investitionen etwa in Kindergärten oder Schulen wie in den vergangenen Jahren gäbe es dann wohl nicht mehr. Eine Neuverschuldung in ein paar Jahren sei denkbar. „Es dürfte sehr, sehr schwierig werden, das auszugleichen“, meint der 48-Jährige.
330 Leute arbeiten in Krümmel. Bei einem Aus könnten aber insgesamt knapp 1000 Arbeitsplätze in Geesthacht und Umgebung wegfallen, befürchtet Torsten Wilms, Vorsitzender der Wirtschaftlichen Vereinigung. Petra Bolte und Bettina Boll von den Grünen betonten dagegen in der Ratsversammlung, auch nach dem Abschalten würden die Arbeitsplätze noch viele Jahre erhalten bleiben, weil das Akw zurückgebaut werden müsse.
Yvonne Völker ist erst vor kurzem aus Hamburg nach Geesthacht gezogen. Die 41-Jährige vertraut darauf, dass die 330 Mitarbeiter sorgfältig arbeiten. Sie sagt: „Ich habe nicht so ein Gefühl der Bedrohung.“dpa/kl
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