Atomkraft
Zwischen Wut und Ratlosigkeit
Sonntag, 5. Juli 2009 20:12
- Von Kai Gerullis
Geesthacht. Noch am Freitag hatten rund 100 Menschen vor dem Atomkraftwerk Krümmel für eine Abschaltung demonstriert – wenige Stunden später ging die Anlage dann tatsächlich vom Netz. Bei den Atomkraftgegner sorgte die Schnellabschaltung allerdings eher für Wut, als für Freude.

Foto: Timo Jann
Noch am Freitag demonstrierten 100 Atomkraftgegner und forderten das sofortige Aus für Krümmel. Nur wenige Stunden später ging das AKW per Schnellabschaltung vom Netz.
„Das war kein Witz, sondern eine hoch komplizierte Vollbremsung für den Reaktor. Das darf man keinesfalls verharmlosen. Alle Bauteile werden massiv beansprucht. Wir fordern die sofortige Stilllegung des Reaktors und den Entzug der Lizenz für Betreiber Vattenfall“, so Jan Becker von Contratom, eine Initiative, die sich für die Stilllegung des AKW einsetzt und gestern eine Spontandemonstration organisierte.
Die Geesthachter Ratsherrin (Grüne) und Aktivistin Bettina Boll fordert eine härtere Gangart gegen Vattenfall. „Es ist an der Zeit, dass jetzt auch strafrechtliche Schritte gegen den Betreiber geprüft werden müssen.“
Der Geesthachter SPD-Landtagsabgeordnete und energiepolitische Fraktionssprecher Olaf Schulze hofft nun auf ein Umdenken: „Jetzt muss auch der Letzte begreifen, dass Atomkraft nicht der sicherste Weg ist.“
Ratlos, aber auch bestürzt über die erneute Panne äußerten sich gestern auch Befürworter der Technik: „Man darf keinesfalls beschönigen, was dort passiert ist“, betonte Ratsherr Sven Minge (CDU). „Es scheint tatsächlich so, als wäre dort eine Menge im Argen, das beobachten wir mit Verwunderung.“ Der Geesthachter fragt sich vor allem, warum nach dem Brand 2007 nicht auch gleich der zweite Transformator ausgetauscht wurde. Minge hofft auf eine schnelle Aufklärung der Geschehnisse.
Auch Ratsherr Hans Georg Priesmeyer (FDP) hofft darauf, dass bald umfangreiche Untersuchungsergebnisse vorliegen, vorher möchte sich der Physiker nicht zu Details äußern. „Es scheint aber so zu sein, dass alle Sicherheitsvorrichtungen wie gewünscht funktioniert haben. Das ist positiv“, so Priesmeyer. Gleichzeitig wünscht er sich, dass „die Beurteilung Fachleuten und nicht Politikern überlassen wird“.
Die Untersuchung der Panne hat bereits begonnen. Ingenieure der Firma Vattenfall und die von der Atomaufsicht hinzugezogenen Sachverständigen müssen jetzt unter anderem klären, ob der Maschinentransformator während des Wiederanfahrprozesses sorgfältig überwacht wurde. Wann erste Ergebnisse vorliegen, ist noch unklar. „Für den weiteren Prozess gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit. Erst wenn alle technischen und organisatorischen Fragen eindeutig geklärt sind, werden wir – in enger Abstimmung mit der Aufsichtsbehörde – das Kernkraftwerk wieder in Betrieb nehmen“, sagte Ernst Michael Züfle, Geschäftsführer von Vattenfall Nuclear Energy, gestern.
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