Arzneimittel 21 Impfstoffe sind bundesweit nicht lieferbar

Frank Techet nimmt die Politik in die Pflicht: Impfstoffe müssen für jeden immer zugänglich sein.

Foto: Wiebke Brütt / BGZ

Frank Techet nimmt die Politik in die Pflicht: Impfstoffe müssen für jeden immer zugänglich sein.

Geesthacht. In Geesthacht mangelt es derzeit an reinen Polio-Impfstoffen. Kombi-Präparate sind nur eingeschränkt vorhanden.

Geesthacht..  Kinderlähmung, Grippe und Typhus: 21 Impfstoffe gegen unterschiedlichste Krankheiten sind derzeit in Deutschland nicht verfügbar. Das meldet das Paul-Ehrlich-Institut mit Sitz in Langen (Hessen). Die Einrichtung, die dem Gesundheitsministerium unterstellt ist, ist für die Kontrolle von Impfungen und biomedizinischen Arzneimitteln zuständig – unter anderem prüfen die Fachleute dort auch die Verfügbarkeit von Impfstoffen.

„Es gibt derzeit praktisch nichts“

Die landesweiten Engpässe haben ganz konkrete Folgen für Geesthacht: „Es sind keine Polio-Erstimpfungen und keine Nachimpfungen möglich. Die Leute sind nicht geschützt“, sagt Apotheker Frank Techet. Er und seine Geesthachter Berufskollegen sind alarmiert. „Ich könnte gerade 100 Impfdosen verkaufen“, erklärt Techet.

Tatsächlich befindet sich im Kühlfach des Inhabers der Stadtapotheke lediglich ein Paket Kombi-Impfstoff, der vor Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis (Kinderlähmung) und Pertussis (Keuchhusten) schützt. Dienstag ist dieses erste Paket, das er seit Wochen in den Händen hält, bei Techet angekommen. Ein Monoimpfstoff Polio ist gar nicht verfügbar. „Den gibt es derzeit praktisch nicht“, sagt Techet. Er habe alle Großhändler kontaktiert, aber die Lieferungen bleiben aus. Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht nach.

Hersteller kalkulieren zu knapp, kritisieren die Apotheker

„Die Herstellung von Impfstoffen dauert sehr lange, meistens mehrere Monate. Ist eine Charge mal fehlerhaft, ist das Problem schon da“, erläutert Gerd Ehmen, Präsident der schleswig-holsteinischen Apothekenkammer, in der mehr als 2000 Apotheken vertreten sind, einen Grund für den Engpass.

„Und es wird ganz knapp am Bedarf produziert. Sonst ist das nicht wirtschaftlich“, nennt Ehmen einen Punkt, der seinem Berufskollegen Frank Techet die Zornesfalten auf die Stirn treibt. „Medikamente sind keine normalen Güter. Sie müssen jederzeit für alle zugänglich sein“, sagt der Apotheker und nimmt die Politik in die Pflicht: „Der Markt funktioniert nicht. Darum muss der Gesetzgeber einspringen und fordern, dass Impfstoffe bis zu einem halben Jahr in Lagern vorgehalten werden müssen. Für mich ist das derzeit kein Zustand.“

Besonders knifflig ist die derzeitige Situation mit dem Engpass bei reinen Polio-Impfstoffen, weil es für diese Impfung anders als beispielsweise bei Grippeschutzimpfungen keine Alternativen gibt, entkräftet Techet ein Argument des Apothekenkammerpräsidenten. Der hatte auf Anfrage erklärt: „Man kann bei Engpässen auf andere Impfstoffe umsteigen – so tauscht man unter medizinischer Verantwortung und Berücksichtigung der Begleitstoffe hin und her.“

Alternative Impfstoffe können Risiken wie Überdosierungen bedeuten

Im Fall Polio können Ärzte und Apotheker derzeit aber nur auf einen Kombinations-Impfstoff umsteigen – was nicht unproblematisch ist. „Wenn der Patient die anderen Stoffe nicht braucht, ist das eine Belastung für den Körper und es besteht die Gefahr einer Überreaktion“, erklärt Tanja Schelinski von der Sonnenapotheke, in der verschiedene Impfstoffe gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus gerade Mangelware sind.

Normalerweise läuft die Verteilung von Impfstoffen folgendermaßen ab: Jeder Arzt hat Partnerapotheken, bei denen er die Impfdosen, die er braucht, per Sprechstundenrezept bestellt. Die Apotheke wiederum ordert entsprechende Impfstoffe beim Großhändler und der wiederum beim Hersteller. Techet: „Es ist seit Längerem so, dass wellenartig unterschiedliche Impfstoffe nicht mehr verfügbar sind.“