15.03.12

Atommüll

1100 Fässer mit gefährlicher Strahlung unter Krümmel

Geesthacht. Bundesweit werden immer mehr angegammelte Fässer mit Atommüll entdeckt. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte jetzt Vattenfall, dass auch unter dem Atomkraftwerk Krümmel noch rund 1100 Fässer mit radioaktivem Abfall lagern. Über den Zustand der Fässer konnte Vattenfall keine Angaben machen: Die Strahlung in dem Lager ist zu hoch. Die Atomaufsicht hat sich eingeschaltet. Von Kai Gerullis

Im Jahr 2000 wurden bereits in der Landessammelstelle auf dem GKSS-Gelände marode Atomfässer entdeckt. Atommüll in ähnlichem Zustand könnte auch in zwei Kavernen unter dem Kernkraftwerk Krümmel lagern. Die Atomaufsicht hat jetzt die Überprüfung beider Lagerstätten veranlasst.
Foto: Jann Im Jahr 2000 wurden bereits in der Landessammelstelle auf dem GKSS-Gelände marode Atomfässer entdeckt. Atommüll in ähnlichem Zustand könnte auch in zwei Kavernen unter dem Kernkraftwerk Krümmel lagern. Die Atomaufsicht hat jetzt die Überprüfung beider Lagerstätten veranlasst.

Die Außenhaut war verrottet, im gelben Deckel klafften riesige Löcher: Groß war die Aufregung, als Ende Februar im Kernkraftwerk Brunsbüttel verrostete Atommüllfässer ans Licht kamen. Doch die marode Atom-Altlast muss kein Einzelfall sein. Wie Betreiber Vattenfall jetzt auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigte, lagern unter dem Kernkraftwerk Krümmel noch größere Mengen mit strahlendem Abfall. Rund 1100 Fässer und Gebinde mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll sind seit Betriebsstart der Anlage 1984 angefallen. Jahr für Jahr ist der radioaktive Müllberg gewachsen, unter anderem lagern in zwei Kavernen in sieben Meter Tiefe direkt unter dem Reaktorgebäude Fässer mit belasteten Filterharzen und Filterverdampferkonzentraten – größtenteils verpackt in denselben gelben Fässern, die jetzt in Brunsbüttel für einen Skandal sorgen. Zum Vergleich: In Brunsbüttel lagern derzeit noch 600 Fässer.

Ob in Krümmel einzelne Behälter ebenso verrottet sind, ist völlig unklar – denn derzeit gibt es keine aktuellen Angaben über den Zustand des Zwischenlagers. Nach den Vorfällen in Brunsbüttel fordert die schleswig-holsteinische Atomaufsicht jetzt auch eine umgehende Überprüfung in Krümmel. Doch die Bestandsaufnahme gestaltet sich schwierig. "Die Kavernen sind Sperrbereiche, in die keine Mitarbeiter dürfen", sagt Oliver Breuer, Sprecher des Kieler Justizministeriums, zu dem auch die Atomaufsicht gehört. "Wir haben angeregt, den Zustand mit Kameras zu untersuchen. Doch der Betreiber sagt, dass die Strahlung in dem Lager so hoch ist, dass Kameras nicht lange funktionieren", so Breuer. Betreiber Vattenfall zeigt sich zuversichtlich, eine Lösung zu finden. "Wir verständigen uns mit der Atomaufsicht und arbeiten das gemeinsam ab", so Vattenfall-Sprecherin Sandra Kühberger.

Wie hoch die Strahlungswerte in den Krümmeler Lagerkellern genau sind, ist unklar. Für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Atommüll in Kavernen gibt es in Schleswig-Holstein keine Grenzwerte. Zum Vergleich: In einer Kaverne mit Atommüllfässern in Brunsbüttel waren nach Angaben der Atomaufsicht bis zu 500 Millisievert Strahlenbelastung je Stunde an einzelnen Fässern gemessen worden. Ein Arbeiter darf maximal 20 Millisievert Strahlung im Jahr ausgesetzt sein.

Eingelagert wurde der radioaktive Müll in den Krümmeler Kavernen seit das Kraftwerk 1984 in Betrieb gegangen ist. Eigentlich sollten die Altlasten aus dem Betrieb schnell in ein Endlager verbracht werden – doch das gibt es bis heute nicht. So steht der Müll mitunter seit Jahrzehnten in den Kavernen. Bislang wurden in Krümmel nur einzelne Fässer sporadisch in Augenschein genommen. Um die schwach- bis mittelradioaktiven Altlasten für eine Endlagerung in dem voraussichtlich nun ab 2019 zur Verfügung stehenden Schacht Konrad bei Salzgitter vorzubereiten, werden Fässer seit einiger Zeit sukzessive per Roboter aus den Kavernen genommen, maschinell ausgesaugt und in strahlendichte Gusscontainer verpackt.

Dabei wird stichprobenartig auch der Zustand begutachtet. Bislang sind aus Krümmel keine Auffälligkeiten bekannt – allerdings schließt die Atomaufsicht den künftigen Fund von maroden Fässern nicht aus. Bei einer vergleichbaren Umpackaktion kamen auch die verrosteten Fässer in Brunsbüttel ans Tageslicht, Betreiber Vattenfall informierte die Behörden erst Wochen später über den Vorfall. Bis die Panne aufgeklärt ist, hat die Überwachungsbehörde jetzt alle Umfüllaktionen gestoppt – sowohl in Brunsbüttel wie in Krümmel. "Bevor nicht geklärt ist, in welchem Zustand die Einlagerungen sind, wird es keine weiteren Umsaugaktionen geben", betont Oliver Breuer, Sprecher des Justizministeriums.

Nach Angaben der Atomaufsicht soll auch die Landessammelstelle für leicht radioaktive Abfälle auf dem Gelände des Helmholtz Zentrums Geesthacht (ehemals GKSS) untersucht werden. Auch hier lagern seit Jahren Fässer mit radioaktivem Abfall, unter anderem aus Arztpraxen und Forschungseinrichtungen im Norden – nicht jedoch aus der Atomkraft. Im Jahr 2000 wurden in diesem Lager bei einer Routineprüfung dennoch marode Fässer mit hoch belastetem Inhalt gefunden.

Für Atomkraftgegnerin Bettina Boll ist das Atommülllager unterm Kernkraftwerk ein Schock – bislang war ihr die Dimension nicht bekannt. "Da liegt ziemlich viel brisantes Material zusätzlich auf dem Gelände", sagt die Geesthachterin. "Und leider wird hier wieder deutlich, dass Vattenfall nur das zugibt, was ohnehin an die Öffentlichkeit kommt." Besonders perfide in ihren Augen: Auf einem hundertfach verteilten Poster mit einem Querschnitt des Kraftwerks von Vorbesitzer HEW ist das Fasslager deutlich eingezeichnet. Auf derselben Infografik, die Vattenfall Jahre später veröffentlichte, ist hier nur grauer Beton. "Die sukzessive Einlagerung von mittlerweile 1100 Gebinden und Fässern ist ja auch etwas, das man nicht an die große Glocke hängt", sagt Boll, die grundlegende Aufklärung fordert.

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