01.03.12

Unfallstatistik

Senioren am Steuer – ein Risiko?

Geesthacht. Es passiert immer wieder – und immer öfter: Senioren sind im Verkehr überfordert und verursachen einen schweren Unfall. Doch den Führerschein im Alter abzugeben, fällt schwer.

Senioren im Straßenverkehr
Foto: DPA Das eigene Auto gehört für viele Senioren heute zur Mobilität dazu.

Die Polizeidirektion hat jetzt eine umfassende Auswertung des Unfallgeschehens vorliegen. 622 Unfälle mit Verletzten gab es 2011 im Kreisgebiet. 113 Mal waren Senioren (mindestens 65 Jahre alt) an diesen Crashs beteiligt. Und 79 dieser Unfälle (70 Prozent) hatten die beteiligten Senioren selbst verursacht. "Wir reden über eine Risikogruppe, die man nicht unterschätzen darf", sagt Polizeidirektor Holger Meincke. Je älter die Autofahrer sind, desto größer ist auch das Risiko, dass sie einen Unfall selbst verschulden. Die Hälfte der 2011 registrierten Senioren-Unfälle wurde von Frauen und Männern verursacht, die schon älter als 75 Jahre sind.

"Wir wollen niemanden in seiner Mobilität ausbremsen, aber wir können durch unsere Präventionsangebote nur dafür werben, sich regelmäßig ärztlich untersuchen zu lassen, um die eigene Fahrtüchtigkeit im Blick zu behalten", sagt Polizist Kay-Uwe Güsmer, der die Unfallstatistik ausgewertet hat. Eine Untersuchung ist freiwillig. Einer der Crash-Fahrer ist Fred K. aus Börnsen. Im Juni 2009 hatte er, verursacht durch einen Fahrfehler, einen folgenschweren Unfall auf dem Geesthachter Wochenmarkt ausgelöst. Sechs Menschen wurden schwer verletzt. Zum Unfallzeitpunkt war K. 75 Jahre alt. Urteil gegen ihn vor dem Amtsgericht: 600 Euro an die Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Fred K. war mit der Automatik seines VW Golf überfordert. Sein Mandant sei kein "verantwortungsloser Senior", der eigensinnig nicht auf seine Mobilität verzichten könne, hatte der Verteidiger damals ein mildes Urteil gefordert.

Im August 2009 dann ein ähnlicher Fall: In Börnsen will der 75 Jahre alte Fahrer eines Ford am Kirchweg ausparken. Dabei verwechselt er Gas und Bremse und rast eine Böschung herunter. Forderungen nach einer regelmäßigen vorsorglichen Überprüfung der Fahrtüchtigkeit von älteren Menschen, die nach solchen Unfällen immer wieder aufkommen, haben sich bisher nicht durchgesetzt. "Wir haben es auf den Straßen mit einem zunehmenden Interessenskonflikt zu tun", sagt Meincke. Er verweist auf die unterschiedlichen Ziele, die Freizeit-Fahrer und Geschäfts-Fahrer hätten. Meincke: "Wer auf dem Weg zu einem Geschäftstermin ist, der will nicht die Obstbaumblüte beobachten. Der überholt dann vielleicht, gilt bei dem Senior deshalb schon als aggressiver Fahrer, obwohl er die zulässige Geschwindigkeit einhält, denn die ist auf der Landstraße Tempo100 und nicht 65."

Die Polizei hat ermittelt, dass es vor allem komplexere Situationen sind, die die Senioren am Steuer eines Autos überfordern. Das Linksabbiegen bei Gegenverkehr etwa, oder die Vorfahrtsregelungen. "Die Senioren haben heute eine ganz andere Mobilität als noch vor zehn Jahren. Wir haben immer mehr immer ältere Menschen, die am Straßenverkehr aktiv teilnehmen", sagt Güsmer. Zu den älteren Verkehrsteilnehmern gehört auch Kreisseniorenbeirätin Ilse Timm (74). Die Geesthachterin kann sich nicht vorstellen, ihren Führerschein bald abzugeben. "Ich fahre gern Auto, auch immer noch weitere Strecken, zum Beispiel zum Landtag nach Kiel." In ihrem Bekanntenkreis weiß sie von zwei Autofahrerinnen, die 80 Jahre alt sind. "Selbst, wenn sie sich eingestehen, dass ihre Reaktionen verlangsamt sind, ist es aus psychologischen Gründen nicht einfach, den Führerschein tatsächlich abzugeben und das Auto zu verkaufen", weiß Timm. Für viele bedeute das einen Mobilitäts- und Statusverlust. "Man gehört nicht mehr dazu, ist zu alt."

Die Seniorenbeirätin glaubt, dass etwa günstigere Taxipreise für Senioren ein Anreiz sein könnten, sich nicht mehr selbst hinter das Steuer zu setzen. Der Geesthachter Fahrlehrer Ralf Hapke appelliert vor allem an die Vernunft. "Ich kann nur empfehlen, ab dem 60. Lebensjahr am besten alle zwei Jahre zum Sehtest zu gehen", so Hapke. Zudem sollten Senioren, die sich insbesondere mit Beginn der Dunkelheit unsicher fühlen, ihre Fachtüchtigkeit testen lassen. "Der ADAC hat entsprechende Angebote, aber auch Fahrschulen sind Ansprechpartner", so Hapke.

tja, knm, ger
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