Pflegeeinrichtung
Fontiva Elbe-Residenz: Es geht drunter und drüber
Montag, 20. Februar 2012 16:06
- Von Kai Gerullis
Geesthacht. Zu wenig Pflegepersonal, unbezahlte Rechnungen und eine Serie von Diebstählen: In der Elbe-Residenz gibt es offenbar massive Probleme. Das Personal des Seniorenzentrums an der Trift warnte in internen Vermerken sogar eindringlich vor Mängeln in der Bewohnerversorgung.

Foto: Jann
Das Seniorenheim Fontiva Elbe-Residenz am Marktplatz in Geesthacht.
„Die Situation hat sich im vergangenen Jahr stetig verschlechtert. Beim Essen
werden die Bewohner manchmal nur von einer Kraft betreut. Muss jemand auf
die Toilette begleitet werden, sitzen alle anderen Bewohner ohne Aufsicht im
Speisesaal, obwohl dort viele Menschen mit Demenz sind. Das ist
unverantwortlich“, erzählt Annegret Hoffmann (Name geändert), die ein
Elternteil in der Residenz untergebracht hat. „In der Pflege ist die
Situation nicht anders. Drückt ein Bewohner den Klingelknopf, kann es eine
Stunde dauern, bis ein Pfleger kommt. Dabei könnte ja ein Notfall
vorliegen“, so Hoffmann. In den vergangenen Wochen habe sich die Situation
weiter zugespitzt. „Gerade in den Nächten kann es dauern, bis aufs Klingeln
reagiert wird. Ich habe für meinen Angehörigen kein gutes Gefühl.“
Auch Marianne Wilkens, die ebenfalls aus Angst nicht mit ihrem richtigen Namen
an die Öffentlichkeit tritt, kritisiert gegenüber unserer Zeitung lange
Wartezeiten. „Wenn ich für meinen Angehörigen in der Elbe-Residenz eine
Schwester brauchte, musste ich oft lange suchen. Einmal habe ich die Klingel
gedrückt, aber niemand kam. Später stellte sich heraus, dass das System gar
nicht funktionierte.“
Eine langjährige Kraft aus dem Pflegeteam bestätigt die Vorwürfe, bittet aus
Sorge um seine berufliche Zukunft aber darum, unter dem Pseudonym Jochen
Martens genannt zu werden. „Nachts ist im gesamten Haus teilweise nur eine
Nachtwache anwesend. Dabei müssten eigentlich drei Nachtwachen und eine
ausgebildete Kraft vor Ort sein“, sagt der Mitarbeiter und begründet den
Pflegenotstand: „Das Personal wurde in den vergangenen Monaten systematisch
ausgedünnt. Gerade in den vergangenen Tagen haben mindestens drei Kräfte die
Kündigung erhalten, teilweise ohne Angabe von Gründen“, so Martens.
In der Praxis seien nur sechs Pflegekräfte vor Ort
„Die Pflege ist dadurch gefährdet“, darauf machten die Mitarbeiter auch die
Geschäftsleitung in Potsdam aufmerksam, unter anderem im August vergangenen
Jahres mit einer offiziellen Überlastungsanzeige, die von dem
stellvertretenden Pflegedienstleiter unterschrieben wurde. Darin heißt es
beispielsweise: „Hiermit möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass wir
uns wegen des derzeitigen Personalmangels nicht in der Lage sehen, alle
notwendigen Aufgaben ordnungsgemäß und im Interesse der uns anvertrauten
Bewohner(innen) gerecht zu werden.“ Um eine qualifizierte Pflege
sicherzustellen, würden für die 83 Bewohner auf drei Stockwerken der
Pflegebereiche zehn Mitarbeiter in zwei Schichten benötigt. In der Praxis
seien es nur sechs, heißt es weiter in den internen Papieren, die unserer
Zeitung vorliegen. Mehrarbeit und Überstunden seien demnach bereits voll
ausgeschöpft. „Wir können die Verantwortung für möglicherweise auftretende
Pflegefehler und Mängel in der Bewohnerversorgung nicht länger tragen und
fordern sie höflich auf, Maßnahmen zur Sicherstellung einer bedarfsgerechten
Personalbesetzung zu ergreifen“, heißt es weiter. Passiert sei nichts,
berichtet Martens.
Stattdessen, so der Mitarbeiter, seien nur kritische Einträge aus den
Dokumentationen verschwunden, die die Misere belegen könnten. Zudem sei der
Druck auf das Personal erhöht worden, unter anderem in regelmäßigen
Vier-Augen-Gesprächen mit einem Mitglied der Geschäftsführung aus Potsdam,
berichtet Martens. Aus einem weiteren vorliegenden Vermerk geht hervor, dass
die Geschäftsführung gegen den Protest der Mitarbeiter plante, eingespielte
Teams zu trennen – einige der Angestellten drohten daraufhin schriftlich, zu
kündigen. „Mein Eindruck ist, dass die Geschäftsführung das Personal
wechselt wie andere Hemd und Socken“, sagt Wilkens.
Fontiva-Geschäftsführung weist die Kritik zurück
Die Geschäftsführung des in Potsdam ansässigen Trägers Fontiva weißt die
Kritik vehement zurück. „Angehörige können die Abläufe oft nicht
beurteilen“, sagt Prokurist Carsten Heinemann. Und auch von einem
Personalengpass könne keine Rede sein, betont das Mitglied der
Geschäftsführung. „Wir liegen in der Elbe-Residenz sogar mit vier Stellen
über dem geforderten Stellenschlüssel“, so Heinemann im Gespräch mit unserer
Zeitung. Laut Martens sei dies in der Praxis aber kaum relevant. „Der
Krankenstand lag mitunter bei 50 Prozent, somit wird der Personalschlüssel
nur auf dem Papier erfüllt“, sagt Martens.
Annegret Hoffmann fehlt für die Personalsituation jedes Verständnis, tritt die
Elbe Residenz doch als modernes Haus mit Anspruch auf, das sich zudem gerade
die Bestnote 1,0 des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen sichern
konnte. „Die Aussagekraft ist aber sehr begrenzt, da nur nach dokumentierten
Pflegeleistungen bewertet wird. Hinter die Kulissen guckt der Medizinische
Dienst nicht“; so Martens. „Da klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit
auseinander. Dabei gehört das Seniorenzentrum bei weitem nicht zu den
günstigen Einrichtungen“, sagt Hoffmann. Rund 2000 Euro kostet ein Platz mit
Pflegestufe 3, 500 Euro davon werden in den monatlichen Rechnungen als
Kosten für Investitionen im Haus ausgewiesen – mehr als in vielen anderen
Einrichtungen in der Region. „Demnach nimmt die Fontiva rund 500?000 Euro
Investitionskosten im Jahr ein. Aber ich kann nicht erkennen, dass das
wirklich ankommt.“ Das Haus sei vielfach auf Stand der frühen 90er-Jahre.
„Ein Beispiel für fehlende Investitionen ist unsere Hausnotrufanlage, die
seit zwei Jahren defekt ist. Das ist der Geschäftsführung bekannt“, sagt
Martens. Von Seiten der Fontiva werden lange Wartezeiten dagegen
zurückgewiesen, lange Wartezeiten in der Nacht gebe es laut Heinmann nicht.
Zahlungsrückstand bei den Stadtwerken
Finanzmittel scheinen dagegen eher ein Problem zu sein: Erst ein Jahr ist es
her, dass in der Fontiva Elbe Residenz das Licht ausgehen sollte. Mehr als
130.000 Euro Zahlungsrückstand hatte das Seniorenheim an der Trift bei den
Geesthachter Stadtwerken angehäuft. Als letzte Konsequenz drohte im März das
Ende der Versorgung mit Strom und Fernwärme. Erst im letzten Moment überwies
die Fontiva den offenen Betrag. „Aber auch weitere Rechnungen wurden nicht
beglichen“, sagt Martens und nennt offene Forderungen von Zeitarbeitsfirmen
und einer Großwäscherei als Beispiele. Fontiva-Geschäftsführerin Monika
Egger bezeichnet die Probleme mit den Stadtwerken als „Missverständnis“,
weitere Zahlungsschwierigkeiten weißt Heinemann zurück. „Wenn unsere
Zahlungsabläufe den Lieferanten nicht passen, dann suchen wir uns andere
Lieferanten. Da haben wir überhaupt keine Probleme.“
Zunehmende Zahl an Diebstählen
Große Sorge bereitet den Pflegern aber auch eine zunehmende Zahl an
Diebstählen in der Einrichtung. „Früher hatten wir damit kein Problem. Aber
seit einem Dreivierteljahr häufen sich die Fälle, gerade bei
Demenz-Patienten, die sich nicht wehren können. Das ist ganz schlimm“,
berichtet Jochen Martens. So verschwand am 22. Dezember bei einem Patienten
eine hochwertige Uhr, wie auch ein Eintrag in die Pflegedokumentation
belegt. „Das Perfide war, dass der Patient stattdessen plötzlich eine
billige Uhr am Handgelenk hatte“, sagt Martens. Obwohl der Diebstahl vom
Personal dokumentiert wurde, erfolgte keine Klärung. Angehörige erhielten
auch nach Tagen keinen Rückruf der Pflegedienstleitung, um den Fall zu
besprechen. „Wie bereits in der Vergangenheit wurde versucht, die
Angelegenheit im Sande verlaufen zu lassen.“ So war im März bereits ein
goldenes Armband verschwunden, eine andere Patientin vermisste mehrere
wertvolle Stifte, im Oktober wurde ein gestohlener Ring angezeigt. Passiert
sei auch in diesen Fällen nichts, betont Martens – Ende Januar verschwand
eine goldene Kette. Martens macht dafür erneut die Personalpolitik
verantwortlich: „Auf Anweisung der Geschäftsführung und gegen unseren Willen
mussten wir zum Beispiel eine Kraft einstellen, die kein Führungszeugnis
vorgelegt hatte, obwohl das in unserer Branche Pflicht ist“, sagt Martens.
Hausleiterin Jutta Struve betätigte auf Nachfrage die Diebstähle. „Da mal
etwas. Aber der Pflegedienst geht jedes Mal offen damit um und wir holen
immer die Polizei hinzu“, so Struve.
Die Folgen der angespannten Situation in der Elbe Residenz bekommen derzeit
auch die anderen Heimbetreiber in Geesthacht zu spüren. Auffällig häufig
haben sie in den vergangenen Monaten Anfragen von Angehörigen erhalten, die
Patienten von der Elbe Residenz in eine neue Einrichtung verlegen möchten.

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Schwester meint:
Gute Mitarbeiter, die nicht immer deren Meinung sind werden systematisch gemobbt und ausgeknockt, weniger gute "ARSCHLECKENDE" Mitarbeiter erhalten einen höheren Posten weil man mit denen machen kann,was man will!
Solche Leute haben es dort einfach, werden wohl aber auch irgendwann mal auf die Fresse fallen...
Die Stasi lässt grüßen in diesem Haus!
Mitarbeiter meint:
Ich bin stolz,dass es bei uns einige Mitarbeiter und Angehörige im Haus gibt, die den Mut hatten den Stein ins rollen zu bringen und hoffe, dass es nicht die einzigen bleiben! Denn wenn keiner was sagt,wird sich auch nichts ändern!
Pflegetussi meint:
Ja das ist das Problem, alle wissen es, kaum einen kümmert es, alle schimpfen, finden es unerträglich, aber ändern tut sich nichts, weil jeder dieses Thema möglichst weit weg schiebt...bloss nicht alt werden und in Abhängigkeit geraten....
Ich bezweifel das sich jetzt was ändert...