Schule
Wie Schüler leiden: Wenig Freizeit, viel Stress
Donnerstag, 26. Januar 2012 16:29
- Von Karin Lohmeier
Bergedorf/Geesthacht. Die Halbjahreszeugnisse sorgen bei so manchem Schüler für schlaflose Nächte. Denn schlechte Noten sorgen häufig für Ärger mit den Eltern. Dabei kritisieren Experten, dass der Leistungsdruck für viele Schüler zu hoch ist.

Foto: dpa
Nicht gerade ein Grund zur Freude sind die schlechten Zensuren auf diesem Zeugnis.
Schon seit Wochen hat Niklas Angst vor diesem Tag: In der Schule werden die Zeugnisse verteilt. Und die Noten des Elfjährigen lassen sehr zu wünschen übrig. Die Fünf in Mathe schmerzt besonders. Denn Niklas bekommt seit einem Jahr Nachhilfeunterricht in diesem Fach, seine Eltern haben dafür viel Geld bezahlt. Niklas soll Abitur machen, um später gute Chancen auf dem Arbeitmarkt zu haben, sagen sie immer wieder.
Und jetzt – nach den ersten Monaten auf dem Gymnasium – dieses schlechte Zeugnis. Niklas spielt gegenüber seinen Mitschülern den Coolen, aber er traut sich kaum nach Hause. Wie werden seine Eltern reagieren? „Bloß kein weiterer Druck“, rät die Sozialpädagogin Claudia Kaufmann von der Erziehungsberatungsstelle des Kreises Herzogtum Lauenburg in Geesthacht.
Sie und ihre sechs Kollegen haben in diesen Tagen, in denen die Halbjahres-Zeugnisse vergeben werden und die Elternsprechtage folgen, besonders viele Terminanfragen. Die Beraterin weiß sich mit Bergedorfer Kollegen einig: Keinem einzigen Kind sind schlechte Zensuren egal – auch wenn es das nicht immer zeigt. „Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft wächst und das sorgt auch für viel Stress in den Familien“, sagt Ronald Orth, Teamleiter und Psychologe. Sein Rat für Eltern, deren Kind ein schlechtes Zeugnis nach Hause bringt: „Gelassen bleiben.“ Das Problem müsse nicht sofort gelöst werden, betont auch Claudia Kaufmann.
Viel mehr solle in Ruhe nach der Ursache gesucht werden. Sind es Probleme in der Familie? Ist das Kind überfordert? Fühlt es sich von Mitschülern gemobbt? Alle diese Fragen werden auch beleuchtet, wenn eine betroffene Familie zur Beratung kommt. Dabei beobachten die Experten immer öfter, dass Kindern und Jugendlichen kaum noch Freizeit bleibt. Ronald Orth: „Ihr Alltag ist heutzutage total verplant, sie haben nicht selten mehr als einen Achtstundentag zu bewältigen.“
Dazu habe nicht nur das G8-Abitur beigetragen. Auch die Zeit außerhalb der Schule sei mit Ballett, Reiten und Musikunterricht voll belegt. Während Kinder früher im Wald spielten, müssen sie heute zur Ergotherapie, um Bewegungsdefizite auszugleichen. Hinzu kommt immer mehr Nachhilfeunterricht – auch schon für Grundschüler. „Da setzt schon der Druck ein, wenn es in der vierten Klasse um die Schulartempfehlung geht“, weiß Claudia Kaufmann. Mädchen reagieren auf zu viel Druck häufig mit angepasstem Verhalten. Sie ziehen sich zurück, werden eher depressiv, während Jungen damit nach außen gehen, aggressiv werden – und damit eher auffallen. Doch für beide gilt: Kinder brauchen Zeit zum Spielen, Zeit, in der auch mal Langeweile und etwas Neues entstehen kann, Zeit zum Entspannen und für nicht-schulische Kontakte. „Aber die gesellschaftliche Realität und die allgemeine Beschleunigung macht auch vor den Familien nicht halt“, sagt Ronald Orth.
Die Eltern machten sich oft große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Immer früher und immer schneller – das gilt heute schon für die ganz Kleinen. Aber müssen Zweijährige im Kindergarten Englisch lernen? „Ganz klar nein. Denn sie lernen durch Neugier genau das, was sie lernen wollen. Und nicht das, was Erwachsene sich vorstellen“, sagt Claudia Kaufmann. Aus Sicht der Erziehungsberater ist die menschliche Reifung in frühen Jahren wichtiger. „Und dafür brauchen Kinder Zuwendung und Zeit“, sagt Ronald Orth. Das G8-Abitur führe in die falsche Richtung. „Da hat man versucht, mit weiterer Beschleunigung ein besseres Rating für die Pisa-Studie zu erreichen.“
Experten sprächen schon von der verlorenen Kindheit. Was tun? „Wir versuchen, Eltern Mut zu machen, dem Druck auch mal zu widerstehen“, sagt Claudia Kaufmann. Vielen hilft es schon, wenn sie sehen, dass die Lebensumstände tatsächlich nicht einfach sind – statt die Schuld für das vermeintliche Schulversagen ihrer Kinder nur bei sich zu suchen. So können sie vielleicht auch den Blick auf das richten, was neben der Leistung wichtig ist: Herzensbildung und soziale Reife.

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werner meint:
Holger meint:
Das muß er nicht. Wenn die Kleinen sich in Ihrer Leistungsfähigkeit zu sehr unterscheiden, dann haben nicht alle die beste Schulform gewählt - oder die Eltern haben schon vor der Schule versäumt, den Kindern Grundlagen zu vermitteln. Das kann man dann mit erhöhtem Tempo wieder aufholen, wenn man es seinem Kind zutraut.
Ganz selten kommt es vor, dass Schüler hochbegabt sind. Diese langweilen sich bei normalem Tempo und stillen ihre Neugierde an anderer Stelle. Auch hierfür gibt es eine passendere Schulform.
Der Lehrer sollte Über- und Unterforderung aufzeigen und ansonsten den Stoff vermitteln, auf dessen Vermittlung man sich geeinigt hat.
Wenn jedoch die ganze Klasse ein Problem mit dem Lerntempo hat, sollte deren Lehrer eine Erklärung liefern müssen.
Liebe Freunde der Montessoripädagogik - die klassische Schulform hat eine Existenzberechtigung! Es gibt nicht "die eine" beste Schulform für alle!
Stephan Koch meint:
Nun WIR (und da schließe ich mich mit Jahrgang 84 ebenso ein) hatten noch Zeit. Ja, es gab noch Tage, an denen man einfach garkeine Hausaufgaben hatte, oder nach einer oder maximal zwei Stunden Hausaufgaben dann auch befreit war für den Nachmittag und dann auch einfach das sein konnte, was man sein durfte: Kind sein und vor allem: Lebenserfahrungen sammeln!
Wir reden hier von Unterforderung? Wer sagt denn bitteschön, dass ausgerechnet dann die besseren automatisch unterfordert werden, wenn man das Tempo herausnimmt? Was bringt es einen Lehrer, wenn er sein Stofftempo soweit anzieht, damit es nur einer versteht, die anderen 20 aber jedoch nicht? Ein Lehrer muss die Balance finden zwischen all seinen Kindern/Jugendlichen, die er unterricht.
Schule darf mMn noch nicht Studium sein, vor allem noch lange nicht in den Stufen bis Klasse 10. Eigenständigkeit muss man lernen, genauso wie auch Selbständigkeit und eventuell gehört es auch dazu, dann eine Jahrgangsstufe nochmal zu wiederholen um dann mit neuen Schwung an die Sache zu gehen und dann doch besser dabei herauszukommen. Das hat mich selber zwar auch nicht vor einem mittelmäßigen Abitur bewahrt, aber trotzdem stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich "Fürs Leben gelernt" habe und zwar nicht den komplizierten Stoff, sondern vor allem wie man mit Niederlagen umgeht und wieder aufsteht.
Genau DAS kommt heutzutage bei dem TurboAbi viel zu kurz! Hire or fire...komm mit dem Tempo mit, oder flieg raus. Du hängst mal durch? Fällst mal hin? Spar Dir das aufstehen, denn Du schaffst den Anschluss eh nicht mehr.
Soll DAS unsere Zukunft sein? Wundern wir uns DANN wieso die Jugend von Heute perspektivlos denkt, wenn man Ihnen perspektivlosigkeit vorlebt???
Und auf der anderen Seite: Wenn jemand den ganzen Bologna Kram samt Turbo Studium und Master durchgenommen hat, dann ist er Mitte 20 und hat keinerlei Lebens- bzw. Praxiserfahrung.
Wer, in den (wertfrei gemeinten) hochdotierten Branchen und Unternehmen setzt sowas dann gleich in eine Spitzenposition? Geschweige denn in eine, in der man erstmal lernen muss? Wobei dann der "Schüler" überhaupt erstmal lernen muss, wie das Leben funktioniert.
Verständnis und Eingestehen ist etwas, was in unserer Hochleistungsgesellschaft immer mehr fehlt. Das Eingeständnis auch mal etwas nicht geschafft zu haben. Na und? Wer nur will und wer auch gezeigt bekommt, dass es nicht nur den einen, sondern viele Wege gibt um glücklich zu werden: Der hat wahrlich fürs Leben gelernt. Schüler, sowie Eltern.
Und ich bin der Meinung: Da sollten wir wieder hin!
In diesem Sinne, viele Grüße an meine alte Heimat,
Stephan Koch