Nordstaat
Fusion von Hamburg und Schleswig-Holstein möglich
Dienstag, 24. Januar 2012 21:18
- Von Kai Gerullis und Stefan Huhndorf
Geesthacht/Kiel. Nachdem der Nordstaat lange Zeit kein Thema mehr war, könnte sogar eine Fusion von Hamburg und Schleswig-Holstein bis 2020 jetzt eine realistische Option sein. Nach zwei Jahren Arbeit legt die Enquetekommission norddeutsche Kooperation im Februar ihren Bericht dem schleswig-holsteinischen Landtag vor.

Foto: Meyer
Beim Redaktionsbesuch diskutieren die Grünen-Politikerinnen Ines Strehlau (r.) und Annedore Granz mit Redakteur Kai Gerullis über die norddeutsche Kooperation.
„Die Bereitschaft, eine weiterführende Zusammenarbeit über die Landsgrenzen
hinaus anzuschieben, ist bei allen Parteien im Landtag vorhanden“, sagt
Markus Matthießen aus Lauenburg, der die Enquetekommission leitete. „Aber
mit dem Bericht beginnt die Arbeit erst.“ So müssen jetzt mit Regierungen in
Hamburg, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern gemeinsame Ziele gefunden
werden. Profitieren sollen vor allem die Länderhaushalte, da Bürokratie und
Institutionen abgebaut werden könnten – das spart Geld.
Auch Schleswig-Holsteins scheidender Ministerpräsident Peter Harry Carstensen
ist ein Verfechter der Nordstaat-Idee. „Ich wünsche mir eine deutlich engere
Zusammenarbeit mit Hamburg, um über Synergien Kosten zu sparen. Wenn das
alles klappt und dann am Ende ein gemeinsamer Nordstaat dabei herauskommt,
habe ich nichts dagegen“, sagte der Christdemokrat in der vergangenen Woche
auf dem Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck. Auch
sein Amtskollege, der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz, setzt auf mehr
Zusammenarbeit. „Wir müssen uns als Metropolregion mit fünf Millionen
Einwohnern sehen. 310.000 Menschen aus dem Umland pendeln jeden Tag nach
Hamburg. In die umgekehrte Richtung sind es 95.000. Da brauchen wir bessere
Nahverkehrsverbindungen“, betonte der Sozialdemokrat.
Die Region rund um Hamburg, etwa die Kreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg,
könnten von einer Länderfusion vor allem durch eine bessere
Verkehrsinfrastruktur profitieren – beispielsweise durch bessere Angebote
für die Pendler, die täglich zwischen den Ländern hin und her fahren. „Aber
auch beim Tourismus und in der Wirtschaftsförderung könnte man durch
Kooperationen viel erreichen“, sagt Matthießen. Das sieht auch Schwarzenbeks
Bürgermeister Frank Ruppert so. Er hofft auf einen Ausbau der
Nahverkehrsverbindungen durch eine engere Zusammenarbeit in der
Metropolregion. Der Verwaltungschef der Europastadt hofft auch auf eine
Lockerung des Gastschulabkommens und eine gemeinsame Entwicklung von
Gewerbegebieten und Einzelhandelsstandorten in der Metropolregion.
Geesthachts Bürgermeister Volker Manow sieht eine Fusion auch kritisch: „Durch
die zentrale Rolle, die Hamburg bekommen würde, könnten die Belange der
kleinen Städte in den Hintergrund geraten.“
Und auch Markus Matthießen warnt: „Kooperationen heißen immer Verzicht und
könnten so einen Strukturabbau nach sich ziehen. Das darf bei der Arbeit,
die jetzt vor uns liegt, niemand vergessen.“
Die Grünen im Landtag gehen dagegen schon einen Schritt weiter: Sie wollen
eine Bürgerbeteiligung initiieren, die dann eine Fusion von Hamburg und
Schleswig-Holstein im Jahr 2020 als Ziel haben könnte.
Enquetekommission legt Bericht vor – Hoffnung auf S-Bahn-Anschluss für Geesthacht?
Tausende Pendler fahren täglich zwischen Hamburg, Niedersachsen und
Schleswig-Holstein hin und her. Und auch für die Wirtschaft spielen
Landesgrenzen kaum noch eine Rolle – höchstens bei unterschiedlichen
Fördermöglichkeiten. Doch politische Entscheidungen enden oft am Ortsschild,
was zu Uneinheitlichkeit und teuren Strukturen führt. „Wir müssen
zielgerichtet stärker und besser kooperieren. Auch die Idee einer Fusion
norddeutscher Bundesländer muss in den Prozess einbezogen werden“, sagt Ines
Strehlau, die für die Grünen im Kieler Landtag sitzt – und zwei Jahre lang
in der Enquetekommission Norddeutsche Kooperation mitarbeitete. Sie legt im
Februar ihren Abschlussbericht vor. Dieser umfasst auf 400 Seiten Vorschläge
für Länder-Kooperationen in Verwaltung, Verkehr, Wirtschaftsförderung,
Gesundheitswesen, Bildung und Kultur.
Wie umfangreich die länderübergreifende Zusammenarbeit ausfallen könnte, lässt
der Bericht offen. Das müssen Verhandlungen mit allen Partnern zeigen. „Der
Bericht ist die Basis für die nächsten Landesregierungen, die Kooperation
voranzutreiben“, sagt Strehlau. Nachdem Gespräche über einen Nordstaat
bereits vor Jahren im Sande verliefen, halten die Grünen jetzt eine Fusion
von Hamburg und Schleswig-Holstein ab 2020 für möglich. „Ansonsten wirkt
sich die zu diesem Zeitpunkt angestrebte Neuregelung des
Länderfinanzausgleichs negativ aus“, sagt Strehlau.
Vorteile sieht Strehlau vor allem in der Schulplanung. So wäre der Ärger um
das Gastschulabkommen zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein durch eine
engere Kooperation vermeidbar gewesen. „Auch der lange geforderte
S-Bahn-Anschluss für Geesthacht ließe sich viel leichter realisieren, wenn
wir ein Bundesland wären“, sagt die Geesthachter Grünen-Chefin Annedore
Granz.
Doch auch wenn noch viel Zeit vor dem Landtag liegt: Die Grünen wollen keine
Kooperationen am Bürger vorbei planen. „Wir wollen das Volk befragen“, sagt
Strehlau. Und auch Gespräche mit den Hamburger Kollegen der GAL seien nötig,
um konkrete Ziele anzustreben.
Doch die Ansätze der Parteien sind unterschiedlich. Die CDU setzt eher auf
eine schrittweise Institutionalisierung der Zusammenarbeit auf
Regierungsebene. Die SPD strebt dagegen einen gemeinsamen Ausschuss an, der
die Kooperationen erarbeiten soll. „Die Landesregierung hat jetzt die
Aufgabe, den Weg zu finden“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Markus
Matthießen aus Lauenburg, der die Enquetekommission geleitet hatte.
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