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Online bis nach Mitternacht

Geesthacht. Wenn ihren Schülern in der ersten Unterrichtsstunde die Augen zufallen, hat Sonja Jenß eine Vermutung. "Ihr wart wieder zu lange im Internet", mahnt die Lehrerin am Schulzentrum in der Oberstadt dann oft.
Facebook
Foto: Kim Nadine Meyer
Carolin Dvorak, Dirk Ollech, Helge Stuhr und Sonja Jenß unterrichten in der Oberstadt.
Die Schüler surfen in der Regel nicht, sie recherchieren auch nicht für Hausaufgaben. Meistens sind sie im sozialen Netzwerk Facebook unterwegs.
Helge Stuhr, ein Kollege von Jenß, schätzt, dass etwa 80 Prozent seiner Schüler einen Account bei Facebook haben. Zuweilen gehe das bereits in der fünften Klasse los. „Es sind nur wenige in den höheren Klassen, die sich bewusst dagegen entscheiden“, sagt Stuhr. „Vielen ist die permanente Erreichbarkeit wichtig“, ergänzt Jenß. „Facebook ist den ganzen Nachmittag über an, bis in die Nacht hinein.“ Erst nach Mitternacht heißt es dann: „Gute Nacht“ – natürlich gepostet bei Facebook.
Für den Alltag der Lehrer ist die Popularität des Netzwerks bei ihren Schülern eine neue Herausforderung. Nicht nur die Munterkeit am Morgen, sondern auch das Schriftbild leidet unter der Computeraffinität. „Sie schreiben ungern und nicht mehr so schön“, sagt Sonja Jenß, die selbst ein Profil bei Facebook hat: „Natürlich werde ich oft von Schülern gefragt, ob sie sich bei Facebook mit mir anfreunden dürfen. Das erlaube ich aber erst, wenn sie mit der Schule fertig sind.“ Helge Stuhr hat einen Weg gefunden, das Netzwerk für den Kontakt mit seinen Schülern zu nutzen – und trotzdem Privates und Berufliches zu trennen. „Ich habe mir einen Account eigens für die Schüler eingerichtet. Hier erinnere ich sie mal an die Hausaufgaben oder daran, dass die erste Stunde ausfällt.“ Außerdem hat Stuhr festgestellt, dass sich die Schüler über Facebook eher öffnen. „Weil andere Schüler es nicht mitbekommen, geben sie mir ein Feedback zu den Stunden, sagen, was ihnen gefallen hat, und was nicht“, sagt Stuhr.
Seine Kollegen Carolin Dvorak und Dirk Ollech sind beide nicht bei Facebook, setzten sich aber gezwungenermaßen fast täglich mit dem Netzwerk auseinander. „Viele Schüler wissen nicht, wie sie sich bei Facebook schützen können. Auch die Eltern passen da oft nicht auf“, hat Carolin Dvorak beobachtet. Zuweilen eskaliert die Situation, wenn Schüler andere via Facebook mobben, vielleicht sogar bedrohen. „Da werden viele Sachen, die außerhalb der Schule passieren, in die Schule hineingetragen“, weiß Schulleiter René Imort, der Eltern im Ernstfall rät, Anzeige zu erstatten.
Dirk Ollech gibt Computerunterricht im Schulzentrum. Medienkompetenz zu vermitteln, ist dabei ein Lernziel. „Ich versuche die Schüler zu sensibilisieren, dass Daten im Internet nicht geschützt sind, dass man nicht seine Adresse und Telefonnummer bei Facebook veröffentlichen sollte.“ Außerdem macht er sie auf die Anonymität aufmerksam, zeigt, dass man nicht wissen kann, wer sich hinter einem Profil verbirgt. „Ich appelliere außerdem an sie, ihre Eltern einzubeziehen.“ Ollech weiß, dass auch über den Unterricht und Lehrer bei Facebook geschrieben wird, hat von Kollegen an anderen Schulen gehört, dass das nach hinten losgehen kann, unter Umständen beleidigend wird.
„Die Entwicklung ist schon seltsam“, resümiert Carolin Dvorak. „Einerseits ist alles schnelllebiger und anonymer, andererseits geben die Schüler viel von ihrem Privatleben preis.“ Sonja Jenß appelliert vor allem an die Eltern: „Sie sollten einen Blick darauf haben, was ihre Kinder bei Facebook tun. Das kann Schule allein nicht leisten.“ Als eine Chance würden die Lehrer ein Netzwerk unter dem Dach der Schule empfinden, wo man zum Beispiel Unterrichtsmaterial mit den Schülern austauschen kann. Doch der Arbeitsaufwand solcher Netzwerke ist sehr hoch, weiß Ollech. „Deshalb wird es sicherlich ein paar Jahre dauern, bis das zur Regel wird.“
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