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Zensus-Skandal: Volkszählerin nutzt Daten für Geschäfte

Geesthacht. Die Pannen bei der Volkszählung 2011 scheinen kein Ende zu nehmen. Nachdem zuletzt Zigtausende ungerechtfertigte Mahnungen verschickt worden waren, erlebte jetzt eine Geesthachter Familie eine unangenehme Überraschung.
Zensus
Foto: Kim Nadine Meyer
Jutta und Kai Iserloth sind verärgert über den Zensus: „Was wird da noch alles mit unseren Daten angestellt?“, fragen sie sich.
Dieselbe Frau, die die Familie als Volkszählerin aufgesucht und befragt hatte, meldete sich zwei Wochen später telefonisch, um einen Öko-Strom zu verkaufen.
„Schon als wir das Formular für Eigenheimbesitzer zugeschickt bekamen, habe ich mich über die Volkszählung geärgert“, berichtet Jutta Iserloth, die zusammen mit ihrem Mann, ihrer Mutter und zwei Kindern in einem hübschen Einfamilienhaus am Ostpreußenweg lebt. „Der Brief war an meinen Vater adressiert, der ist aber bereits im Jahr 2006 verstorben.“ Mittlerweile gehört das Haus ihr und ihrem Mann.
Für eine Haushaltsbefragung meldete sich kurze Zeit später eine Volkszählerin, um einen Termin auszumachen für ein Interview. Die Iserloths gehören, wie zehn Prozent der deutschen Haushalte, offenbar zur zufällig ausgewählten Befragungsstichprobe. Am 10. Juni kam die Interviewerin vorbei und sprach mit Kai Iserloth. „Sie fragte mich nach unserer Schulbildung, der Berufstätigkeit, der Kirchenzugehörigkeit und so weiter“, erzählt Kai Iserloth.
Soweit noch nicht verwunderlich. Doch zwei Wochen später rief dieselbe Frau erneut an. Diesmal war Jutta Iserloth am Apparat: „Die Frau bezog sich auf den Besuch bei uns, wollte eigentlich mit meinem Mann sprechen.“ Als der nicht daheim war, wurde Frau Iserloth ausgefragt: „Sie wollte wissen, wie ich zum Thema Atomkraft stehe und was ich für meinen Strom bezahle.“ Jutta Iserloth wunderte sich: Was hatte das alles mit dem Zensus zu tun? Schnell zeigte sich: Gar nichts. „Die Frau wollte mir Ökostrom verkaufen, fragte, ob sie noch mal vorbeikommen könne, um ein Angebot vorzustellen, bot mir sogar an, wenn ich weitere Kunden anwerbe, bekomme ich 100 Kilowattstunden gratis.“
Jutta Iserloth lehnte dankend ab. Erst als der Hörer wieder in der Gabel hing, realisierte die Geesthachterin, was gerade passiert war: „Ich war total erschrocken und sauer, wie wird denn da mit unseren Daten umgegangen?“ Die Familie hatte erst kürzlich Telefonanbieter und die Nummer gewechselt, um vor unangenehmen Werbeanrufen verschont zu bleiben. Iserloths wissen, dass auch andere Nachbarn von der Frau angerufen wurden.
Was die Iserloths erlebt haben, ist kein Einzelfall, weiß Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter für Schleswig-Holstein. „Ich habe von ähnlichen Fällen gehört. So etwas ist absolut nicht zulässig und muss von der Erhebungsstelle verfolgt werden.“ Weichert rät Betroffenen, sich direkt an den Datenschutz oder an die Erhebungsstelle zu wenden.
Dr. Jürgen Delitz vom Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein will dem Fall nachgehen. „Wir müssen herausfinden, was da genau passiert ist“, sagt er. Sein Kollege vom Statistischen Bundesamt erklärt die rechtliche Lage: „Wenn die mit der Befragung Beauftragten Zensusdaten für andere Zwecke nutzen, machen sie sich strafbar.“ Das ist im Bundesstatistikgesetz Paragraf 14 festgeschrieben. Paragraf 16 verweist außerdem auf die Verpflichtung zur Geheimhaltung der Daten. Alle ausgewählten Interviewer seien in den kommunalen Erhebungsstellen dazu verpflichtet worden.
6 Kommentare
Fred meint:
Zitat: "Die Pannen bei der Volkszählung 2011 scheinen kein Ende zu nehmen."

Wie zu befürchten war. Aber welche Pannen(serie) soll das sein?

@Umfang der Datenerfassung: Nach datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten gilt: Datensparsamkeit und Zweckbindung der Datenerhebeung und -verarbeitung. Das ist bei verschiedenen Inhalten des Zensus durchaus zweifelhaft.

@Systematik der Datenerhebung: Die freiwillige Frage zum Religionsbekenntnis und der Pflichtangabe zur gesetzlichen Religionsgemeinschaft werfen diverse Fragen auf, die sich nicht einfach lösen lassen.

@Information über Zensus: Wer die Fragebögen problematisiert, der übersieht, das seit spätestens November 2010 bereits die Daten umfangreich erhoben und verarbeitet worden sind. Darüber wird nicht informiert; und darüber erhält man keine Auskunft.

@Statistik und Anonymisierung/ Pseudonymisierung der Daten:
Die (Hilfs-)Daten sollen pseudonymisiert werden, um Rückschlüsse von Einzelangaben auf Individuen zu verhindern. Das Problem dabei aber ist, dass diese Pseudonimisierung lediglich ein Lippenbekenntnis darstellt.

@zuständige Stellen:
Zumindest in Niedersachsen wird Zensus vom LSKN durchgeführt (privatwirtschaftlich organisierte ehemalige Behörde). Diese untersteht weiterhin dem Landesinnenministerium, welches neben der Hauptverantwortung für Verwaltung und Statistik eben auch über Polizeiaufgaben entscheidet. Vermutlich wird das in anderen Ländern ebenso sein.
Wenn "Daten-Pannen" beim Zensus, wie eingangs hinterfragt, üblich sind, wie sicher darf man sich überhaupt sein, ob die Zensus-Daten nicht auch den Sicherheitsbehörden (Stichworte: Antiterror und Co.) zugespielt werden.

Die Ausführungen von Glinder mögen scharz und überzogen sein; aber im Kern sprechen sie ein grundsätzliches Problem an: Es werden Daten erhoben, verarbeitet und dauerhaft gespeichert (mindestes 4 Jahre), und die Betroffenen werden darüber NICHT informiert.

Offiziell geht es in der Hauptsache um Datenbereinigung veralteter Datensätze, um die Korrektur von ca. 2% statistischer Unschärfe und um die Erfüllung einer EU Verordnung. Dass dies nicht überzeugen kann, ergibt sich aus dem Umstand,
- dass die Vollerfassung der (um 2% fehlerhaften) Register durch eine Teilerfassung (10% Haushaltsbefragung, Vollerfassung bei Wohnungseigentum) "korrigiert" werden soll, indem hochgerechnet wird (mit dem Ergebnis statistischer Unschärfe), und
- dass die EU Verordnung ganz maßgeblich von der BRD geprägt und durchgesetzt worden ist.

Sorry für diesen langen Beitrag: Aber dieses sehr grundsätzliche Thema ist leider nicht lapidar beantwortbar.

Best wishes!
Suboptimal meint:
"Weichert rät Betroffenen, sich direkt an den Datenschutz oder an die Erhebungsstelle zu wenden." "...den Datenschutz..."? Was soll das sein? Eine geheime Bundesbehörde?
Benno meint:
An Glinder
Ich bin auch als Zensus-Informant ausgesucht worden. Wenn ich ein Handy beantrage oder ein Konto eröffne, muß ich mehr von mir preisgeben, als in dem Fragebogen. In die Wohnung habe ich keinen hereingelassen und selbstlos 1,45 fürs Porto ausgegeben, wodurch ich nicht verarmt bin. Missbrauch einzelner Interviewer sind leider nicht auszuschliessen.

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