Kaffeefahrten
Immer dreister: Die neuen Tricks der Abzocker
Dienstag, 17. August 2010 19:53
- Von Ulf-Peter Busse und André Herbst
Bergedorf. Mit immer dreisteren Methoden versuchen dubiose Veranstalter von Verkaufsfahrten, Senioren in ihre Busse zu locken.Neben angeblichen Gewinnbenachrichtigungen, die bis zu 10.000 Euro versprechen, liegen mittlerweile sogar „Mahnungen“ im Briefkasten – weil sich die betreffende Person trotz früher angekündigter „wertvoller Gewinne“ oder „wunderschöner Überraschungen“ nicht an der vereinbarten Bushaltestelle eingefunden habe.

Foto: Ulf-Peter Busse
Die Lohbrüggerin (71) erreichen fast im Wochenrhythmus „Gewinnbenachrichtigungen" oder „Mahnungen".
„Die kennen meine Adresse. Was tue ich, wenn die plötzlich vor meiner Tür stehen?“, fragt eine Lohbrüggerin (71), die aus Furcht nicht genannt werden möchte. Seit einem halben Jahr erreichen sie fast im Wochenrhythmus Schreiben mit Überschriften wie „Gratulation zum Hauptpreis“ oder die gewollt bürokratisch klingende „Festsetzung des nachträglichen Gewinnübergabetermins“ bis zum umfangreichen Lobesschreiben eines angeblichen Zusammenschlusses großer Unternehmen der Deutschen Wirtschaft: „Die bedanken sich bei uns als Nachkriegsgeneration, dass wir Deutschland wieder nach oben gebracht haben. Dafür würden 1000-Euro-Preise verteilt. Auch ich sei ausgewählt – sofern ich in den Bus steige“, sagt die Lohbrüggerin.
Bei Gertrud Niese (73) wandern derartige „Gewinnbenachrichtungen“ und letzte Mahnungen meist im Müll. „Das jüngste Schreiben ist aber so dreist, vor derartigen Machenschaften müssen wir alle warnen“, sagt die Bergedorferin.
Die Mischung wirkt abstrus: „Eine Firma Fischer Fritz und Räucherkate verspricht mir die verschiedensten Nahrungsmittel einschließlich Fisch. Zudem sei angeblich meine Nummer gezogen worden, und alle Gewinner erhielten 1500 Euro.“ Zusätzlich zu einem kostenlosen Frühstücksbuffet und freiem Mittagessen wird ihr noch ein strahlungsarmer Fernseher versprochen und, für Ehepaare, „eine hochwertige Espressomaschine samt Porzellan“.
Da wirkt der Ratschlag, die Teilnehmer sollten zur Busfahrt besser eine Begleitung zum Tragen der Gewinne mitbringen, fast nachvollziehbar. „Zumindest soll ich zwei stabile Tragetaschen mitbringen, der Fernseher sei transportsicher verpackt – das ist doch alles Unfug“, schimpft Niese.
Immer wieder neue Opfer von Kaffeefahrten
Zu häufig schon ist die resolute Vorsitzende der Awo-Senioren auf Kaffeefahrt-Opfer getroffen. „Vor Jahren habe ich in der Nähe des Schaalsees Senioren erlebt, denen man gedroht hatte, sie dürften das entlegene Lokal nur verlassen, wenn sie etwas kaufen.“ In einem anderen Fall bat eine Seniorin Niese um Hilfe, weil ihr Mann auf einer Einkaufsfahrt diverse Kaufverträge unterschrieben hatte. „Beide hatten geglaubt, die Awo habe die Fahrt organisiert, aber so etwas machen wir natürlich nicht.“ Mit einigem Aufwand gelang es, mehrere Verträge zu annullieren. „Auf einer angeblich hochwertigen Decke für viele Hundert Euro sind sie aber sitzen geblieben.“
Für Julia Rehberg, Juristin bei der Hamburger Verbraucherzentrale, bleiben die Verkaufsfahrten ein Dauerbrenner: „Das Geschäft scheint auch nach Jahren noch immer zu florieren.“ Kaum ein Teilnehmer komme davon, ohne wenigstens Beträge im höheren zweistelligen Bereich für irgendwelche Heizdecken oder ein Kaffeeservice zu investieren. „Am Ende von sechs- bis achtstündigen Verkaufsveranstaltungen lautet die Rechnung oft: Lieber eine überteuerte Packung Nahrungsergänzungsmittel kaufen, als weiter schmerzende Beine zu haben – oder den Rauswurf aus dem Lokal zu riskieren.“
Das rät die Verbraucherzentrale
Wer bei einer Verkaufsfahrt mitreist, dem empfehlen Verbraucherschützer: Möglichst wenig Bargeld und keine EC- oder Kreditkarte mitnehmen. Bei jedem Gegenstand auf einen Verkaufsvertrag bestehen, der vom Gegenüber mit vollem Namen und vollständiger, nicht ausländischer Firmenadresse unterzeichnet wird, auf das korrekte Datum achten. Handy mitnehmen, um notfalls die Polizei rufen zu können.

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Jutta Schmidt meint:
Wer derartige Einladungen erhält, sollte sich nicht scheuen einmal nachzufragen, was davon zu halten ist. Man kann die eigenen Kinder fragen, oder Nachbarn, oder bei der AWO anrufen, auch die Kirchengemeinde könnte Ratgeber sein. Und statt Anzeige zu erstatten, nachdem man reingefallen ist und sehr viel Geld verloren hat, kann man auch vorher Kontakt zur Polizei aufnehmen. Ich bin sicher dass sich freundliche Polizeibeamte freuen, einen Rat geben zu können.
Manfred Hoffmann meint:
Die Verbraucherzentralen, aber auch die AWO werden nach meinem Eindruck immer erst aktiv, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Die klugen Ratschläge, die man dann lesen kann, helfen den Betroffenen aber nicht.
Kai Steffens meint:
Besser dran ist, wer Senioren betrügt oder dies versucht. Anzeigen bei der Polizei haben keinen Erfolg, schon nach kurzer Zeit erhält man die Information "Verfahren eingestellt".
Die Betrüger von Senioren nutzen Lücken im Gesetz hemmungslos aus. Schließlich geht es um viel Geld. Und sie spekulieren darauf, dass sich Senioren leicht einschüchtern lassen. Der Gesetzgeber könnte diesem Treiben ein Ende machen, aber insbesondere die FDP will keine "hemmenden Eingriffe" in die Marktwirtschaft.
Den betroffenen Senioren ist zu empfehlen, Verkaufsfahrten zu meiden. Und sollten sie mit sogenannten Gewinnschreiben bedrängt werden, sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstatten. Das kann formlos geschehen. Einfach den Sachverhalt kurz schildern und Kopien der Schreiben beifügen. Kosten entstehen nicht.