Bürgerpreis Bergedorf
Heiße Suppe und warme Worte
Dienstag, 6. Januar 2009 02:55
- Von Anne K. Strickstrock
Bergedorf. Als zweiten Kandidaten für den Bergedorfer Bürgerpreis, den wir gemeinsam mit der Volksbank Stormarn ausloben, stellen wir Teamleiter Frank Müller-Kleßmann vor.

Foto: Anne Strickstrock
Frank Müller-Kleßmann ist als Teamleiter zuständig für die Betreuung von Obachlosen.
Die Leute seien echt in Ordnung und immer für einen da. Das sagen die Obdachlosen, die im Winternotprogramm bei der Franz-von-Assisi-Kirche aufgenommen werden. Dass hier von November bis März jährlich zehn Schlafplätze in Containern zur Verfügung stehen, haben sie Frank Müller-Kleßmann zu verdanken.
Der 60-Jährige freut sich auch über ein ganz anderes Lob: "Danke, dass wir helfen dürfen." Das hört der Teamleiter von den 14 Ehrenamtlichen aus Neuallermöhe und Nettelnburg, die winters jeden Abend zwischen 18 und 20 Uhr die Obdachlosen betreuen. Mal mit heißer Suppe, immer mit warmen Worten.

Foto: BGZ
Gemeinsam mit der Volksbank Stormarn suchen wir Kandidaten für den Bürgerpreis Bergedorf.
Dass man sich aber durchboxen kann, dass es besser wird - dafür ist Franks eigener Lebenslauf ein gutes Beispiel: "Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Familie aus Chemnitz geflüchtet", erzählt der Sohn eines Oberstabsfeldwebels. Nach einem "mickrigen Hauptschulabschluss" folgte für Frank eine Lehre als Speditionskaufmann. Zeitgleich holte er auf der Abendschule die Mittlere Reife nach. Danach diente er 18 Monate im königlich-preußischen Funk-Bataillon - bis zu dieser denkwürdigen Silvesternacht: "Die sieben Kameraden auf meiner Stube hatten alle Abitur. Und nach zwei Kästen Bier hatten sie mich überredet, das auch zu schaffen", erinnert er sich. Also drückte Frank die Schulbank im Wirtschaftsgymnasium, meist recht unausgeschlafen, denn "zwischen 4 und 7 Uhr habe ich Brötchen ausgefahren und Zeitungen verkauft". Mit dem Abi in der Tasche wuchs der Ehrgeiz: Nach weiteren sechs Jahren an der Uni (und vielen Lkw-Fahrten für Karstadt) darf sich Frank heute Diplom Handels- und Berufsschullehrer nennen. 25 Jahre lang lehrte der heute 60-Jährige an der Hamburger Fachschule für Rechtsanwaltsgehilfen, inzwischen arbeitet er bei der Schülerberatung Rebus.
Und dazu gibt es immer auch den christlichen und den musikalischen Frank Müller-Kleßmann. Die ersten Mundharmonika- und Gitarrenklänge waren aus einem alten Boberger Gewächshaus zu hören. Es folgten Front-Sänger-Auftritte mit diversen Rockbands wie dem "Waldbrand-Orchester" oder "Zwischen zwei Zeiten". Als Vorbild gilt Wolf Biermann, und auch Frank schreibt heute noch gesellschaftskritische Liedertexte und Gedichte. Dazwischen sind immer wieder christliche Zeilen zu finden, erzählt der Vater von Johanna (23), Felix (20) und Jakob (17). Bei der Geburt von Johanna kam Frank Müller-Kleßmann auf die christliche Spur, denn "so was Großartiges kann es ohne Gott gar nicht gehen". Das ahnte er bereits, als er mal in seinem klapprigen VW-Bus wüst den Himmel beschimpfte, weil die Schwägerin mit nur 28 Jahren gestorben war: "Plötzlich kamen dunkle Wolken auf, und es blitzte mitten an einem Sommertag", erinnert er sich. Als einige Jahre später der 14-jährige Sohn über Kopfschmerzen klagte, machte Frank - aus Angst um den Jungen - einen Deal mit Gott: "Wenn Felix gesund bliebe, mache ich das mit den Obdachlosen-Containern. Denn als Vertreter der GAL hatte ich im Sozial-Ausschuss gehört, dass sich noch keine Kirche dafür gemeldet hatte." Die Kopfschmerzen des Sohnes waren bald verflogen -"aber trotzdem: Geschäft ist Geschäft".
Und so trat Frank an den Kirchenvorstand heran. Bei der ersten Wahl war die Mehrheit hauchdünn, denn viele sorgten sich um die Nachbarn. Inzwischen sind die winterlichen Obdachlosen-Container in Neuallermöhe zur Tradition geworden. Die Hilfe dient der Nächstenliebe und kostet die Gemeinde keinen Cent - im Gegenteil: "Unser Team verzichtet auf das Betreuungsgeld der Behörde. So können wir jährlich etwa 1000 Euro spenden und unterstützen damit Straßenkinder in Brasilien."
Aber auch hier soll die Hilfe erweitert werden. Frank träumt von einer Kirchen-Kate, die das ganze Jahr Übernachtungsplätze bietet. Bis dahin ist zwar noch ein weiter Weg: "Aber ich bin trotz meines hohen Alters vorausblickend", sagt der 60-Jährige schmunzelnd.
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