Sexueller Missbrauch
„Nur ein bisschen schmusen“
Mittwoch, 10. März 2010 19:53
- Von Von Anne K. Strickstrock
Bergedorf. Seit wann ist der Junge denn so schüchtern? Warum mag die Zehnjährige plötzlich nicht mehr zum Turnen gehen? Solche Fragen beschäftigen derzeit manche Eltern, die in den Medien von sexuellen Übergriffen lesen.
„Geschlossene Systeme wie die Familie, Kirche, der Sportverein, Schule oder Internat sind anfällig für sexuellen Missbrauch, das ist längst bekannt“, sagt Elke Visser. Die 64-Jährige leitet die Beratungsstelle Zornrot, wo jährlich 50 bis 75 Menschen um Rat fragen oder eine Therapie wünschen. Ein Drittel sind inzwischen erwachsene Opfer, deren Selbstwertgefühl meist beschädigt ist.
Im Netz
Die jüngsten Ereignisse, von denen die Medien berichten, rütteln Erinnerungen wach: Erstaunlich sei, dass allein in diesem Jahr schon zwei Männer vom Missbrauch in ihrer Kindheit erzählten. „Ein Trainer ist auch nach 20 Jahren heute noch im Sportverein aktiv. Und er hat immer noch eine Machtposition und entscheidet, wer zur Mannschaft gehört“, berichtet Visser. Doch die Polizei sagte dem Opfer, die Tat sei längst verjährt.
Sexueller Missbrauch eines Kindes verjährt nach aktuellem Strafrecht fünf Jahre nach dem 18. Geburtstag des Opfers. Wenn es zur Vergewaltigung kam, endet die Verjährung nach zehn bis 20 Jahren. Der Ruf nach längeren Fristen wird nun lauter: „Die Zeit heilt diese Wunden nicht“, sagt Kriminologe Christian Pfeiffer. Er fordert, dass Täter wenigstens für die Therapiekosten der Opfer aufkommen.
Meist kommt der Missbrauch schleichend. Da ist der Typ, der im Geesthachter Freibad ein Eis ausgibt oder der Elfjährige im Bergedorfer Elektromarkt beobachtet. „Ich habe zu Hause auch tolle PC-Spiele, komm doch mal mit“, sagt er dann. Später heißt es vielleicht: „Du hast ganz nasse Socken und bist durchgefroren. Komm, ich lass Dir ein warmes Bad ein.“
Oft ist es ein väterlicher Freund, der beliebte Lehrer oder Erzieher, der sogar am Wochenende mit Kindern am Hohendeicher See zelten geht und mit dem schüchternen Jungen im Schlafsack „ nur ein bisschen schmusen“ will.
Elke Visser weiß von Pädophilen, die in Hochhäusern in Lohbrügge wohnen oder in Bergedorf-West – und nie aufgeflogen sind. Nur 20 Prozent der Hilfesuchenden bei Zornrot sind männlich: Jungen wollen sich nur selten in der Opferrolle sehen.
Auch Mädchen verheimlichen oft die Scham und glauben, sich den Verhältnissen anpassen zu müssen. Sie fürchten: „Was wird Mama sagen? Vielleicht hält sie mich für hysterisch.“ Sie denken: „Wenn ich das Betatschen nicht zulasse, muss ich mitten in der Nacht allein nach Hause gehen.“ Sie wissen: „Wenn ich kurz vor dem Abitur was sage, kriege ich schlechte Noten.“ Manchmal auch fühlen sich 16-Jährige aufgewertet, wenn sich ein Erwachsener für ihren Busen interessiert.
Wichtig ist, das Verhalten der Kinder zu beobachten: Ist der offenherzige Junge plötzlich schüchtern? Ist das faule Mädchen plötzlich strebsam (weil es schnell Zuhause ausziehen will)? Eltern sollten ganz genau nachfragen, rät Elke Visser: Warst Du auch nackt? Hat er Fotos gemacht?
Auch die Polizei sei inzwischen gut geschult. Wenn ein Mädchen einen prügelnden Onkel anzeigt, heißt es: „Ist da noch was, das Dich bedrückt?“
Manche Kinder werden erstmal zur Kur geschickt oder leben nun in einer Jugendwohnung – oft mit dem Schuldgefühl, die Familie zerrissen zu haben.
Elke Visser hat stets ein offenes Ohr für sie. Was aber, wenn sie nächstes Jahr in Ruhestand geht? „Die Behörde genehmigt uns keine weitere halbe Stelle. Wie aber soll ich jemanden einarbeiten?“, klagt Visser, die schon heute Frauengruppen und Musiktherapien aus Spenden finanziert.
- Zornrot ist erreichbar unter (040) 7217363. Sprechzeiten: montags bis freitags, 10-12 Uhr, freitags zudem 16-17 Uhr.
- Susanne aus Kirchwerder möchte eine Selbsthilfegruppe für sexuell misshandelte Frauen gründen: Telefon 0175/2065386.
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